Von Heiner Geißler

Vor 45 Jahren: soziale Markwirtschaft – das war die Seminarweisheit der Freiburger Schule. Vor 20 Jahren: Umweltschutz, Katalysatorauto, bleifreies Benzin, Ökozellen, Verpackungsverordnung – unbekannte Begriffe, Tiraden von Spinnern. Und heute, im Jahr 1991: die multikulturelle Gesellschaft?

Heute geht es der Rede von der multikulturellen Gesellschaft wie der von der sozialen Marktwirtschaft und der Ökologie damals. Noch. Gibt es zu ihr eine vernünftige Alternative? Ich kenne keine.

Im nächsten Monat werden die EG-Regierungschefs in Maastricht die Weichen stellen für die Vereinigten Staaten von Europa: Die Europäer von Riga bis Dublin, vom Bosporus bis zum Nordkap werden noch in diesem Jahrzehnt mit eigener Sprache und Kultur auf der Grundlage gleicher demokratischer Rechte und Pflichten und absoluter Freizügigkeit frei und friedlich zusammenleben, also multikulturell. Wer im "EG-Ausland" wirtschaftlich erfolgreich sein will, muß die Sprache und Kultur, den Lebensstil und die Mentalität dieser Länder kennen, und zwar nicht nur Frankreichs, sondern auch Griechenlands, Polens, Schwedens und der Türkei (denn auch die Türkei wird mindestens in einer besonderen Weise mit der EG assoziiert sein). Das gilt nicht nur für Manager und Techniker, auch Facharbeiter und Angestellte werden europäisch denken und arbeiten müssen. Die Vorstellung, alle Europäer, die dann ihren Wohnsitz zwischen Flensburg und Berchtesgaden nehmen werden und keinen deutschen Stammbaum haben, germanisieren zu wollen, wäre noch nicht einmal Wilhelm II. eingefallen.