Von Richard Chaim Schneider

Im ersten Heft aus dem Jahre 1986 heißt es: „Von der konkreten historischen Erfahrung ausgehend, daß das innere Maß an Freiheit einer Gesellschaft an ihrem Verhältnis zu den Zumutungen intellektueller Kritik, insbesondere wenn sie von den jüdischen Randzonen her formuliert wird, sich bestimmen läßt, betrachten wir es als eine mehr als äußere Provokation, wenn wir das Gespenst des jüdischen Intellektuellen noch einmal aus der Versenkung holen.“

Programmatisch klang damals diese Aussage der Herausgeber von Babylon – Beiträge zur jüdischen Gegenwart, einer Zeitschrift, von der man in Nachkriegsdeutschland nicht erwarten konnte, daß sie jemals entstünde. Denn die Vernichtung des deutschen Judentums war fundamental und endgültig. Und die kleine jüdische Gemeinschaft von etwa 30 000 Juden in der Bundesrepublik schien wahrlich nicht der Schoß, aus dem neues jüdisches Geistesleben wachsen könnte. Zu angepaßt, zu konservativ, zu kleinbürgerlich war und ist das geistige Klima innerhalb der jüdischen Gemeinden, deren Zentren in Berlin, Frankfurt und München liegen. Man muß also von Glück reden, daß sich in Frankfurt dennoch eine Gruppe jüdischer Intellektueller zusammenfinden konnte. Sie fühlt sich gänzlich jener jüdischen Tradition verpflichtet, die dem christlichen Abendland so manche Sinnkrise schuf.

Wie oft waren „die Moderne“ und „das Jüdische“ Synonyme mit negativer Bedeutung. Die säkulare jüdische Geschichte war gekennzeichnet durch ihren Universalismus und ein Gefühl der Auserwähltheit: gerade Juden fühlten sich berufen, mit ihrer Forderungt nach gleichem Recht für alle die Menschheit zu vereinigen. Aufgrund der jahrhundertelangen politischen Machtlosigkeit schienen säkulare Juden geradezu prädestiniert für die Außenseiterrolle des Intellektuellen. Gleichzeitig bewahrten sie aber eine ironische Distanz zum eigenen Anspruch und mokierten sich darüber. Die Sinnkrise der christlich-abendländischen Gesellschaft ergab sich daher oftmals aus der Reibung mit dem doppelten Außenseiter. Für diese Sinnkrise wollen nun sechs Herausgeber sorgen: der Pädagogikprofessor und Politiker Micha Brumlik, der Historiker Dan Diner, die Publizistin und Therapeutin Susann Heenen-Wolff, die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch, der Publizist und Philosoph Martin Löw-Beer sowie Cilly Kugelmann, Mitarbeiterin am Jüdischen Museum in Frankfurt.

Es gibt sie also doch, die jüdischen Intellektuellen in Deutschland. Es sind wenige, gewiß, doch aufgrund ihrer, besonderen Situation werden sie gehört. Und das wollen sie auch. Denn der Titel der Zeitschrift ist ein Bekenntnis. Das babylonische Exil war der Auftakt der Jahrtausende währenden jüdischen Diaspora. Folgerichtig will Babylon teilnehmen an der geistigen Debatte in Deutschland. Babylon ist die Antithese zu Israel; gleichzeitig aber auch – und heute erst recht – die komplementäre Hälfte zu Zion.

Das Spektrum der Themen in Babylon reicht von philosophischen und politischen Essays zu religionsgeschichtlichen und soziologischen Aufsätzen bis hin zu aktuellen Analysen, Meinungen und Rezensionen. Unter der Überschrift „Aus den Arsenalen“ widmet sich ein Teil des Heftes jeweils älteren und vergessenen Texten, die einer neuen Prüfung unterzogen werden. Auch prominente ausländische Autoren gehören zum Stamm der Mitarbeiter: Saul Friedländer, Norman Birnbaum und Harold Bloom.

Die zuletzt erschienene Ausgabe, Nummer 8, ist zugleich die erste seit der deutschen Wiedervereinigung. Y. Michal Bodemann, Professor für Soziologie in Toronto, lebt derzeit in Berlin und lehrt an der Freien Universität. Seinem Aufsatz „Die Endzeit der Märtyrer-Gründer. An einer Epochenwende jüdischer Existenz in Deutschland“ stellt er ein Zitat Hannah Arendts voran: „Wie man es aber aushält, dort (in Deutschland) als Jude zu leben, in einer Umwelt, die über ‚unser‘ Problem, und das sind ja heute unsere Toten, nicht einmal zu sprechen geruht, weiß ich auch nicht.“

Diese Frage ist heute überholt. Juden leben in Deutschland, da gibt es nichts mehr daran zu rütteln, und selbst die jüdische Weltgemeinde hat diese Tatsache mittlerweile mit der Tagung des Jüdischen Weltkongress letztes Jahr in Berlin legitimiert. Indem Bodemann sich zunächst mit der unmittelbaren Nachkriegssituation auseinandersetzt, versucht er zu zeigen, welchem Wertewandel die jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik unterworfen waren.

Die Epochenwende der jüdischen Existenz in Deutschland ist durch die veränderte politische Situation eingeleitet: Deutschland ist nicht mehr auf das Wohlwollen „seiner“ Juden angewiesen. Dies führt automatisch zur jüdischen Identitätskrise in diesem Land. Denn die Schutzbehauptung einer „provisorischen“ Existenz auf gepackten Koffern in dem „Provisorium“ der (alten) BRD, läßt sich in dem neuen deutschen Nationalstaat nicht mehr aufrechterhalten.

Der israelische Historiker Frank Stern und die Leiterin der Bibliotheca Judaica in Köln, Monika Richarz, belegen in ihren beiden Aufsätzen „Philosemitismus. Stereotype über den Feind, den man zu lieben hat“ und „Luftaufnahmen – oder die Schwierigkeiten der Heimatforscher mit der jüdischen Geschichte“ zwei Aspekte der radikalen Umkehrung des antisemitischen Vorurteils der NS-Zeit in eine philosemitische Nachkriegshaltung, die zugleich der Versuch war, eigene, oftmals familiäre Geschichte aus dem Bewußtsein auszublenden.

Zu ähnlichen Ergebnissen gelangen die Untersuchung des amerikanischen Germanisten Jack Zipes über die „kulturellen Operationen von Deutschen und Juden im Spiegel der neueren deutschen Literatur“ und Niko Oswalds Kritik an Aufbau und Struktur des Faches Judaistik an deutschen Universitäten. Insbesondere Oswalds Aufsatz ist aufschlußreich für die Frage, wie ein falsches, wiederum von Vorurteilen geprägtes Bild „des Judentums“, das es so einheitlich niemals gegeben hat, weiterhin tradiert werden kann und somit bereits der Keim für zukünftige „Mißverständnisse“ in der Gegenwart angelegt ist.

Cilly Kugelmanns Chronik interessanter Ereignisse von 1945 bis 1958 während des Wiederbeginns jüdischen Lebens in Deutschland sowie Michal Bodemanns Chronologie der Grüße zum jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana in der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung von 1950 bis 1988 belegen auf amüsante und bestürzende Weise zugleich die Doppelzüngigkeit der sogenannten Vergangenheitsbewältigung. Zwei Beispiele mögen dies belegen. So notiert Cilly Kugelmann für den Januar 1954: „Bundespräsident Heuss übernimmt Schirmherrschaft für die vom 14. bis 25. März geplante Woche der Brüderlichkeit“ und für denselben Monat: „In Wiesbaden wird ehem. NS-Oberbürgermeister Dr. Erich Mix wieder zum Oberbürgermeister gewählt.“

Und anläßlich von Rosch Haschana 1955 schreibt der damalige Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, Theodor Oberländer, schon wieder: „Die jedem persönlichkeitsbewußten Menschentum immanente Treue zu sich selbst schließt ein Vergessen in so kurzer Frist aus. Doch die in ihrer Mäßigung einzigartige Charta der Vertriebenen mit ihrer Absage von Millionen grausam verfolgter, vergewaltigten und entrechteten Deutschen an Vergeltung und Rache gibt uns das Recht, an die höhere Kraft des Vergebens statt des Vergessens auch im deutschgeborenen Judentum ... zu glauben ...“

Babylon Nr. 8 liefert einen kleinen, aber wichtigen Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion über die Frage der nationalen deutschen Identität, gerade indem es sich mit der Beziehung Deutschlands zu seiner jüdischen Minderheit beschäftigt. Es ist gewiß keine Hybris zu behaupten, daß sich an diesem Verhältnis auch in Zukunft das demokratische Bewußtsein der neuen Bundesrepublik wird messen lassen. In einer Zeit, in der man wortspielerisch von „Entstasifizierung“ spricht, werden Anklänge an die restaurative Geschichte der fünfziger Jahre wieder wach. Man darf sich nicht von der Idee eines vereinten Europas blenden lassen, um nicht zu sehen, welche Fehler bereits wiederholt werden. Franz Josef Bautz wies neulich in einem Interview darauf hin, daß ähnlich wie bei der Gestaltung der Nachkriegsgesellschaft diejenigen, die den eigentlichen Widerstand gegen das Unrechtsregime bildeten, heute schon wieder außen vor bleiben, übergangen werden, tatsächlich bereits untergegangen sind.

In einer Nation mit achtzig Millionen Menschen wird die jüdische Gemeinschaft mit ihren rund 30 000 Mitgliedern zu einer quantité négligeable. Angesichts dieser Realität ist der Wunsch der Babylon-Herausgeber, an der politischen Diskussion teilzunehmen, ein kleiner Schritt hin zur „Selbstverständlichkeit“, wenn auch sicher nicht zu der propagierten „Normalität“. Gleichzeitig macht gerade der hohe Anspruch dieser Zeitschrift deutlich, daß sie sich in doppelter Hinsicht in einer Außenseiterrolle befindet, da sie nicht von einem Konsens der jüdischen Gemeinschaft getragen wird. Die Problematik ihrer Funktion wird damit offenbar: Von einer jüdischen Mehrheit unbeachtet, ist sie zwangsläufig auf eine nichtjüdische Leserschaft angewiesen, die mehr und mehr den Blick von der Vergangenheit abwenden will. Somit wird auch Babylon den Schritt zu einer neuen jüdischen Identität im wiedervereinigten Deutschland vollziehen müssen. Ob dies gelingen wird, werden die nächsten Ausgaben zeigen müssen. Denn „das Gespenst des jüdischen Intellektuellen“ erschreckt Deutschland nicht mehr und schon gar nicht seit dem 3. Oktober 1990.