Von Michael Merschmeier

Der Untertitel irritiert: „Christusnovelle“. Kindheitsqualen werden heraufbeschworen: Heiligenlegenden als Betthupferl. Und was sollte überdies „Novelle“, Neuigkeit, sein im Zusammenhang mit Jesus und seinen Jüngern, von denen doch längst und vielstimmig alles gesagt ist? Gott als Figur der Literatur – heute?

Schon mit den ersten Sätzen von Patrick Roths Prosadebüt „Riverside“ wird ein „gehobener“ Ton angestimmt, der ausgesprochen bibelfest wirkt und solchen Widerwillen kaum verstummen läßt. Doch dann, während man von Satz zu Satz weiterverführt wird, verwandelt sich der märchenhafte Predigerton in eine kunstvoll rhythmisierte Prosa, die vor den Klippen des „Seraphischen“ nicht zurückscheut, aber selten abstürzt ins Kitschige und Kunstgewerbliche.

Und mit der Sprache beginnt das Interesse an dieser Novelle. Sie handelt von Sprache ebensosehr wie von Geschichten aus dem Heiligen Land. Die vier Kapitel von „Riverside“ sind, bis auf den Anfang des ersten und das Ende des letzten, reine Rededuelle: Drei Männer versuchen, sich mit Wörtern Wahrheiten zu entlocken, sich über Vergangenes zu verständigen, um die Gegenwart zu begreifen.

Platonische Dialoge, mäeutisches Quiz, Zweifel an der Wirklichkeit der Wörter, der Taten, der sichtbaren Welt. Der Spiel-, der Handlungsort ist denn auch symbolträchtig eine Höhle, in der ein Gleichnis von Sein und Schein, auf zwei Zeitebenen zugleich, abgehandelt wird. Es ist: einfach kompliziert.

Der erste Plot: Die Brüder Andreas und Tabeas besuchen einen Einsiedler, der sich ins Gebirge zwischen Bethanien und Jerusalem zurückgezogen hat, weil er aussätzig ist. Sie sind zu ihm geschickt von Thomas, einem der zwölf Apostel, sie sollen herausfinden, was sich in jenen Tagen abgespielt hat, da Jesus Christus auf dem Weg zum letzten Abendmahl und zum Berge Golgatha dort haltmachte, um den Kranken zu heilen.

Andreas und Tabeas sollen die Worte des Herrn sammeln. Patrick Roth greift zurück auf jenes in koptischer Sprache geschriebene „Thomas-Evangelium“, dessen Verfasser möglicherweise der ungläubige Apostel Thomas ist und in dem sonst nirgends Überliefertes aus dem Munde des Meisters zu lesen ist. Und tatsächlich: Der Eremit hat den beiden Abgesandten Unerhörtes zu sagen.