Die Reform der Berliner Humboldt-Universität kommt kaum voran

Von Joachim Nawrocki

Berlin, im November

Wie sich die Situationen gleichen: "Seien Sie solidarisch mit den Professoren und Dozenten Ihrer Universität, die noch immer von alten SED-Cliquen an die Wand gedrückt und durch böse Intrigen benachteiligt werden", mahnte der Bundestagsabgeordnete Konrad Weiß vom Bündnis 90 bei der Immatrikulationsfeier der Berliner Humboldt-Universität im Oktober 1990 die Studentinnen und Studenten.

Genau ein Jahr später schrieb der Historiker Heinz Niemann an den Vorsitzenden der Struktur- und Berufungskommission des Fachbereichs Sozialwissenschaften, Friedhelm Neidhardt: "Wogegen sich mein Zorn richtet, ist eine Verfahrensweise, die mich an bekannte Methoden des poststalinistischen Systems erinnert." Niemann, Miturheber des innerparteilichen Oppositionspapiers von 1978, das als "Spiegel-Manifest" bekannt wurde, sieht sich von führenden SED-Mitgliedern wie den Professoren Dieter Klein und Dieter Segen ausmanövriert – von einer "Phalanx", die gemeinsam mit Professor Ulrich Reinisch und Rektor Heinrich Fink versucht, ihr Überleben zu sichern.

Hat sich seit einem Jahr wenig oder nichts geändert? Hat die Erneuerung der Humboldt-Universität überhaupt noch eine Chance? Oder bestätigt sich nachträglich die Auffassung des Historikers Arnulf Baring von der Freien Universität (FU), man hätte entweder die FU an die Stelle der Humboldt-Universität setzen sollen, als deren Gegengründung sie ja entstanden war, oder sich zu einer "Neugründung von herausragendem wissenschaftlichen Rang" durchringen sollen? "Das Hauptproblem ist, daß der ganze Laden nicht richtig durchgelüftet worden ist. Wir bekommen in Berlin eine Riesenuniversität mit sehr viel unfähigen Leuten dazu, die zum Teil schon wieder ziemlich dreist auftreten, und der Personalüberhang ist riesig. Das kann das Land Berlin überhaupt nicht finanzieren." Eine Diskussion über eine vernünftige Neuordnung der Hochschulen habe nicht eigentlich stattgefunden, mein Baring: "Da wird eine Chance verpaßt."

Tatsache ist, daß sich bislang noch nicht allzuviel bewegt hat an der Humboldt-Universität. Zwei Jahre nach der Wende und ein Jahr nach der Wiedervereinigung gibt es kaum eine Handvoll neuberufener Professoren; nach Angaben von Rektor Fink drei Erziehungswissenschaftler, einen Historiker; fünf Berufungsverhandlungen stehen kurz vor dem Abschluß. Zwar haben etwa hundert belastete Lehrkräfte die Universität mehr oder weniger freiwillig verlassen, aber viele kämpfen auch mit allen Mitteln und den Einsatz alter und neuer Verbindungen um ihren Verbleib. "Diese Kollegen beschäftigen sich hier mit der Vergangenheitsbewältigung, so daß man sich als Zuschauer fragt, wer eigentlich was bewältigt", meint der Theologe und ehemalige Vorsitzende der SPD-Fraktion in der Volkskammer, Richard Schröder. "Zu viele sind diskreditiert und gehören nicht an die Universität. Vor lauter Ost-West-Konfrontation macht sich keiner klar, daß wir hier auch eine Ost-Ost-Konfrontation haben."