Von Claus Spahn

Am elften Tag des Festivals machte die Neue Musik einen kleinen Ausflug: an den ödesten aller Musikorte – in die Diskothek. Das stilgerecht abgewrackte Etablissement liegt in der Stuttgarter Innenstadt, ist ein ehemaliges Wienerwald-Restaurant und trägt den schönen Namen "Das unbekannte Tier". Da mag der eine oder andere Anhänger zeitgenössischer Klänge ein wenig Irritation verspürt haben, als er sich plötzlich vor der kleinen Bühne auf einer Tanzfläche wiederfand, in bedrohlicher Nähe zu den Lautsprecherboxen, auf "Das Material" der unbekannten Gruppe "Fetisch" wartend.

Immerhin hatte die uns im Programmheft all das versprochen, was eine Diskothek der Neuen Musik voraus hat, nämlich "die sexuelle Erregung der Hahnenkämpfe und die Melancholie improvisierter Blue notes, Bacardi-Feeling und die Zigarre von Heiner Müller". Wer wäre da nicht neugierig geworden? Aber es kam, wie es kommen mußte: Nach einer guten Stunde schüttelten die einheimischen Disko-Experten vergnügt die Glieder und die Festivalgäste fassungslos die Köpfe. Zu hören waren dröhnende Viertelschläge eines Schlagzeugs, einfältig geschepperte Gitarrenakkorde und gelegentlich ein verfremdeter Zitatschnipsel vom Tonband. Eine schwäbische Rock-Kapelle hatte sich an großer Kunst versucht. Das Ganze: ein grobes Mißverständnis. Der kleine Ausflug wurde zum Reinfall.

Es war nicht der einzige Versuch bei den Stuttgarter Tagen für Neue Musik, der Kunst auf Abwegen zu begegnen – und nicht der einzige, der kläglich gescheitert ist. Hans-Peter Jahn, Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk und künstlerischer Leiter des Festivals, nimmt das bei seinem Konzept in Kauf. In solchen Abenden sieht er eine "aleatorische Komponente". Auch ein Programm-Macher müsse sich hin und wieder Projekte leisten, bei dem das Ergebnis nur schwer zu kalkulieren sei.

Mit "Musik-Zeit-Raum-Bewegung" hat er in diesem Jahr ein Themenfeld abgesteckt, das experimentelle Versuchsanordnungen nahelegt. Musik und ihre Beziehung zur Zeit, ihre mögliche Verflechtung mit Sprache, Bewegung und Theater, die Wechselwirkungen von Raum und Klang – dies alles sind Aspekte, zu denen einerseits Bernd Alois Zimmermann und Luigi Nono, Karlheinz Stockhausen und Mauricio Kagel schon vor vielen Jahren wegweisende Beiträge geliefert haben (und weiter liefern), von denen sich andererseits aber eine junge Generation mehr denn je faszinieren läßt. So findet man im Augenblick kaum einen jüngeren Komponisten, der nicht ein – wie auch immer geartetes – Musiktheaterprojekt in Planung hätte. Schwer zu sagen, ob dahinter immer ein primär kompositorisches Interesse steht oder vielleicht doch nur die Gewißheit, daß heutzutage ein Stück "für zwei Spieler, Tisch, Radio, Walkman, Fadenorgel, Taschenlampen und andere Lichtquellen" allemal einen größeren Publikumserfolg verspricht als etwa ein Streichquartett.

Hans-Peter Jahn jedenfalls glaubt, eine grundsätzliche Tendenz zu spüren: "Es zeichnet sich ab, daß die isolierten Einzelkünste aus ihrem spezialisierten Dasein auszubrechen gewillt sind und im Zusammenschluß mit anderen Kunstgattungen einen neuen, übergeordneten Kontext schaffen wollen." Daß solch ein Kunstwerk, das sich intelligent und selbstverständlich über die Grenzen der einzelnen Gattungen hinwegsetzt, nicht leicht zu haben ist, gehört zu den unbequemen Erkenntnissen der diesjährigen Stuttgarter Tage für Neue Musik.

Da ist zum Beispiel der Stipendiat an der Stuttgarter Künstlerakademie Schloß Solitude, Werner Cee, der Malerei studiert hat und sich in erster Linie mit Free Jazz, Rock und Punk beschäftigt. Für das Festival hat er eine Klanginstallation für "Wassertropfen und Elektronik, E-Gitarre, Saxophon und Gesang" entworfen. Eigentlich eine schöne Idee: Aus sechs Infusionsschläuchen tropft Wasser auf sechs verschiedenartige Metallplatten. Die so entstehenden Töne werden von Mikrophonen abgenommen und elektronisch verfremdet, gefiltert oder durch gesampeltes Klang- und Geräuschmaterial ersetzt. Die Frequenz der fallenden Tropfen läßt sich regulieren und damit auch das polymetrische Rhythmusgefüge. Ganz schlicht beginnt diese Wassermusik. Beim Zuhörer entsteht die Illusion eines höhlenartigen Raums. Erst nach und nach steigern sich die Klänge zu einem kakophonischen Brausebad, verwandeln sich in donnernden Maschinenlärm, rasende Wirbel und Geräuschkaskaden. Schon bald aber wird deutlich: Das Material siegt über den Komponisten. Er vermag die Klänge nicht zu formen und zu strukturieren. Das Stück gerät zur harmlosen Spielerei mit den Möglichkeiten der Musikelektronik. Die Free-Jazz-Improvisationen, die Cee seiner Installation zur Seite gestellt hat, nähren obendrein den Verdacht, daß er selbst nicht so recht an die Ausdruckswirkung seiner Arbeit geglaubt hat.

Da ist zum Beispiel der Kölner Komponist Manos Tsangaris, der auf den Spuren seines ehemaligen Lehrers Mauricio Kagel wandelt. Sein Stück "Wiesers Werdetraum" ist eine Mischung aus Geräuschkomposition, Bandcollage, instrumentalem Theater und spiritistischer Sitzung. Im stockdunklen Konzertsaal sitzen zwei Spieler an einem Tisch und malen mit Taschenlampen stumme Zeichen in die Luft, lassen Metallringe kreiseln, schaben mit Flaschen und Kellen auf der Tischplatte, lassen wie von Geisterhand leere Stühle im Saal verrücken oder lauschen dem Klingklang einer Spielzeugente.

Wir erleben, wie poetisch es aussieht, wenn illuminierte Putzeimer und Plastiktüten durch die Luft schweben, und wie apart das Wippen einer Dreckschaufel klingen kann. Nur das große Kunsterlebnis will sich nicht einstellen, denn zwischen einer Musik mit anderen Mitteln und beliebigem Aktionismus, zwischen der Magie im Alltäglichen und wohlfeilen Effekten liegt manchmal nur eine Haaresbreite. Von Manos Tsangaris erfahren wir letztlich nur das, was wir seit Cage sowieso schon wissen – daß die banalen Dinge des Lebens manchen schönen Klang für uns bereithalten.

Wie man daraus spannende Musik formt, hat Adriana Hölzsky in ihrer neuen Komposition "Karawane" für zwölf Schlagzeuger gezeigt. Auf den Spieltischen der Interpreten findet man neben dem bekannten Instrumentarium die Utensilien, die eine tüchtige Hausfrau braucht: Spülbürsten, Backformen aus Blech, eine angebrochene Packung (Schmerz ?)-Tabletten, Joghurtbecher...

Mit den ersten Tönen des Stücks hebt ein bizarr wirbelnder Tanz des Haushaltsschrotts an, der sich im Zwischenbereich von Klang und Geräusch bewegt und dennoch musikalisch durchgearbeitet ist. Hölzsky liebt den grellen, impulsiven Ausdruck der perkussiven Aktionen, montiert ihre Rhythmen mit Raffinement und mischt die Farben mit Bedacht. Ihre Raumklangeffekte – das Ensemble bildet einen Kreis, die Zuhörer sitzen in der Mitte – weisen Parallelen zu Iannis Xenakis’ Schlagzeugklassiker "Persephassa" auf. Auch dort tauchen kreisende Trommelwirbel, Spiralbewegungen und Raumdiagonalen auf. Während Xenakis allerdings mit kompliziert ineinander verwobenen Strukturen arbeitet, bevorzugt Adriana Hölzsky das gestische Moment. Einem Dopplereffekt gleich, rauschen die Klänge am Ohr vorbei. Dann wieder zieht sich die Musik zurück auf tuschelnde Pianissimobewegungen. Immerzu ist ihre "Karawane" in Bewegung. Mit zart verklingenden Obertönen von gestrichenen Becken entfernt sie sich am Ende.