Viel zu selten nach Parlamentsdebatten hat man das Gefühl: Das Zuhören hat sich gelohnt. Es sind nicht nur Gebetsmühlen gedreht worden. Und man ist unsicher geworden in Fragen, in denen man sich ganz sicher glaubte.

In diesem Sinne war die Debatte zum Gesetz über die Akten des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (Stasi-Unterlagen-Gesetz) ungewöhnlich produktiv. Am liebsten möchte man die meisten (nicht alle) derjenigen, die zu Worte kamen, beim Namen nennen – ein Wunsch, den man wirklich selten verspürt im alles einebnenden Bonn.

Am Beispiel dieses Gesetzes, das die Aufarbeitung einer schier unglaublichen Fülle von DDR-Schnüffel-Akten erlauben soll, geht es darum, wie „wir auf befreiende Weise mit einer Vergangenheit umgehen, die uns immer noch gefangenhält“. So formulierte es Wolfgang Thierse. Das Schicksal, eine Gesellschaft ohne Schatten zu werden, was der Ostgesellschaft ohnehin droht, soll wenigstens an dieser Stelle – mit der Öffnung der Stasi-Archive und dem geregelten Zugang für die Opfer, allerdings auch für andere, zum Beispiel die Nachrichtendienste – unterbunden werden. Das Problem dabei haben einige der ostdeutschen Redner im Parlament klar benannt: Daß die Akten zuerst den „Opfern“ gehören, aber mehr sind als eine Privatangelegenheit, weil diese erschnüffelten Bruchstücke der Biographien eben doch auch Auskunft geben über 42 Jahre DDR-Geschichte.

Am wichtigsten bleibt, daß neuerdings Biographien sichtbar werden. Diese „Ichs“ kommen vor allem aus dem Osten. Ob es Gisela Schröter ist oder Michael Stübgen, Rainer Eppelmann oder Gerd Poppe – sie haben den Mut mitzustreiten. Aus der eigenen, ganz persönlichen Erfahrung heraus. Nur viele solcher Einmischungen können dazu beitragen, daß Bonn nicht ewig Bonn bleibt.

Vielleicht tut man sich als Westler gelegentlich schwer mit der Rigorosität, die Ostpolitiker an den Tag legen, wenn es um die DDR-Vergangenheit geht. Es wird dabei mehr der Gerechtigkeits-Staat als der Rechtsstaat gesucht. Aber leichter ist es, dies zu begreifen, wenn man von den privatesten, deprimierendsten Erfahrungen eines Gerd Poppe mit einem Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi hört. Wenn Angelika Barbe schildert, wie eine Pastorin, die den Widerstand in Pankow möglich gemacht habe, bei einem fingierten Verkehrsunfall regelrecht umgebracht werden sollte.

Oder wenn Gisela Schröter von einem Freund ihres Bruders berichtet, der wegen staatsfeindlicher Tätigkeit inhaftiert war, sich die Freilassung mit der Zusage einhandelte, der Stasi zuzutragen – und der sich dann verzweifelt unter dieser Last das Leben nahm.

Da prallten in Reden, die gar nicht „groß“ sein wollten oder konnten, zwei Erfahrungswelten zusammen. Als Westler hörte man zu und wurde schweigsamer. Schon, daß dies alles auf diese Weise aufgefächert wurde, ist ein Gewinn.