Von Detlev Lücke

Vor rund fünfzehn Jahren lud er mich ein, in Neubrandenburg eine Rede zur Eröffnung seiner Ausstellung zu halten. Ein Angebot, das ich dummerweise nicht ganz ernst nahm. Wir beide hatten ein halbes Jahr zusammen auf einer Kasernenstube der Nationalen Volksarmee in Fünfeichen verbracht. Während unsereins nach Ende der Dienstzeit die Schikane, Trostlosigkeit und lähmende Feindbildindoktrination ins Anekdotische verklärte, hatte Butzmann die sechs Monate seines Rekrutendaseins durch Arbeit überwunden.

Er hatte die kargen Soldatenbuden gezeichnet, den leergefegten Appellplatz, er aquarellierte, nachdem unser Trupp dreißig Meter hohe Gittermasten aufgestellt hatte, die umgebende mecklenburgische Natur. Aus all dem wurde eine Graphikmappe, die Schießplatz, Eskaladierwand, Kaserne, Gasmasken, Atomschutzanzüge und Übungsgelände in ihrer Mischung aus Bedrohung und Lächerlichkeit präzise fixierte.

Eine Galerie im Friedländer Tor von Neubrandenburg bot dann Gelegenheit, das Werk zur Kenntnis zu nehmen. Offiziere waren keine gekommen, dafür jede Menge Soldaten. Und ich stand da vor meinen einstigen Kameraden und meinte etwas dümmlich, die Sache sei nun eröffnet, und jeder möge sich das ansehen, was er ja selbst zur Genüge kenne. Eine vertane Gelegenheit. Butzmann ließ sich nichts anmerken. Vielleicht ertränkte er seinen Ärger im Bier, das wir an diesem Abend reichlich für die in Fünfeichen Gebliebenen spendierten.

Als Manfred Butzmann, der 1942 in Potsdam geboren wurde, sich 1974 um die Meisterschülerschaft der Akademie der Künste der DDR bewirbt, schreibt er: „Ich hoffe, mich in der nächsten Zeit auf eigentliche Antriebe besinnen zu können: auf Gefühl und Verantwortungsgefühl, auf Angst und Ehrfurcht. Angst zu haben, daß Moral und Menschlichkeit hohle Begriffe werden, daß Gewalt verabscheut und nach einiger Zeit doch als Realität anerkannt werden muß, auch Angst davor, daß an unseren Straßen einmal keine Bäume mehr wachsen werden – das kann, zumindest für mich, ein gewichtiges Grundgefühl für meine Arbeit sein.“

Im jubiläumstrunkenen Berlin-Jahr 1987 kollidierte Butzmann dann mit der Staatsmacht. Der Oberbürgermeister der DDR-Hauptstadt machte in Wernigerode Urlaub, sein Blick fiel auf das Schaufenster des rührigen Buchhändlers Schulze. Der zeigte unter anderem Butzmanns Plakat mit den sterbenden und gestorbenen Bäumen in der Flanierstraße Schönhauser Allee.

Krack schlug Alarm beim damaligen SED-Bezirkschef Günter Schabowski. Das Resultat: Hatten bis dahin kritische Plakatkünstler wie Butzmann, Martin Hoffmann oder Joseph Huber Druckerlaubnis für eine unzensierte Auflage bis zu hundert Stück, war es damit nun schlagartig vorbei.