Die multikulturelle Gesellschaft muß als Wirklichkeit anerkannt werden

Von Daniel Cohn-Bendit und Thomas Schmid

Es gibt Erfolge, die zum Problem werden, wenn sie sich einstellen. Zur Zeit ist es die westliche Welt, die diese Erfahrung machen muß. In den Jahrzehnten der Blockkonfrontation ist sie von der Überlegenheit, Attraktivität und Unwiderstehlichkeit ihres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Modells ausgegangen. Sie hat ohn’ Unterlaß für Freiheit, offene Grenzen und den Traum vom Wohlstand geworben. Und nun ist der Ernstfall eingetreten: Die Alternative, der Sozialismus, hat sich aus der Konkurrenz der Systeme verabschiedet, und die Philosophie des Westens strahlt heller als je zuvor. Dieser aber mag seines Siegs so recht nicht froh werden.

Weltweit wird heute das westliche Glücksversprechen eingeklagt. Und so gerät der Westen in eine prekäre Lage: Es wird offenkundig, daß er bislang nicht fähig war, das Versprechen auch einzulösen. Weil die Menschen aber nur ein Leben zur Verfügung haben, sind sie nicht länger bereit, auf die Ankunft des Reichtums zu warten. Wo der Reichtum sich nicht einstellen will, sind immer mehr Menschen willens, den umgekehrten Weg zu gehen: Sie wandern dorthin, wo der Reichtum ist, also in die Länder des Westens. Die – frei gewählte oder erzwungene – Mobilität, die seit dem Beginn der Moderne im Wachsen ist, wird auch in Zukunft weiter zunehmen.

Fatal wäre es freilich, diese Tatsache in der einen oder der andern Richtung ideologisch zu überfrachten: Weder sollte die multikulturelle Gesellschaft eine Ersatzvision für die orientierungslos gewordene Linke abgeben, noch sollten ihre unbestreitbaren Probleme benutzt werden, um Horrorszenarien einer ihrer Identität beraubten Gesellschaft zu entwerfen. Moderne Gesellschaften lassen sich nicht in geschlossene Gesellschaften zurückverwandeln. Wenn es gutgeht, werden die westlichen Gesellschaften in der Lage sein, auf einigermaßen zivile Weise mit jener neuen Unordnung umzugehen, die sich aus dem Ende des Systems der Blockkonfrontation und aus dem Siegeszug des westlichen Lebensmodells ergeben hat.

Daher handelt unverantwortlich, wer die Illusion nährt, das Problem der Wanderungsbewegungen sei durch Abwehrmaßnahmen in den Griff zu bekommen. Man kann nicht jahrzehntelang das System geschlossener Grenzen bekämpfen, das dann, wenn es ernster wird, selbst mit diesem um stem zu liebäugeln. Man kann nicht das Europa der offenen Grenzen propagieren, um dann dieses (West-)Europa gegen den Rest der Welt dieses schotten. Und vor allem: Man darf den populären Unmut über eine verworrene Realität nicht zum Anlaß nehmen, um einfache Weltbilder zu propagieren, mit denen zwar vielleicht Wahlen zu gewinnen, die Probleme aber sicher nicht zu lösen sind. Moderne Gesellschaften sind stets von Verwerfungen geprägt; sie zersetzen und zerstören Traditionen, sie neigen zum Ungleichgewicht, und sie machen es dem einzelnen schwer, eine klar umrissene Identität auszubilden. Weil das so ist, fördern sie das irrlichternde Bedürfnis nach einfachen Lösungen und Sündenböcken. Es geht nicht an, die Migration, die ja eine unausweichliche Folge der Moderne ist, als Ursache aller Übel und als etwas darzustellen, das mit entschlossenen staatlichen Maßnahmen zu Ursache wäre.

Nicht minder unverantwortlich wäre es, die multikulturelle Gesellschaft als einen modernen Garten Eden harmonischer Vielfalt zu verklären und – in einem Akt seitenverkehrter Fremdenfeindlichkeit – das ungeliebte Deutsche mit dem Fremden vertreiben zu wollen. Die Entrüstung über den Fremdenhaß, die als Gegenmittel eine Politik der schrankenlos offenen Grenzen empfiehlt, hat etwas Scheinheiliges und Gefährliches. Denn wenn die Geschichte irgend etwas lehrt, dann dies: Keiner Gesellschaft war je der zivile Umgang mit dem Fremden angeboren. Vieles spricht dafür, daß die Reserve ihm gegenüber zu den anthropologischen Konstanten der Gattung gehört; und die Moderne hat mit ihrer steigenden Mobilität dieses Problem allgegenwärtiger gemacht als zuvor. Wer dies leugnet, arbeitet der Angst vor dem Fremden und den aggressiven Potentialen, die in ihr schlummern, nicht entgegen.