Von Ulrich Schiller

Halb nackt sei der Senator gewesen, und durchs ganze Haus habe er sie gejagt, während draußen sein Neffe im Begriff war, eine Barbekanntschaft zu vergewaltigen.

Eines jener schillernden Geschöpfe, wie sie im Treibhaus von Palm Beach in Florida gedeihen, soll das einem Reporter der New York Post anvertraut haben. Die junge Dame bestritt es später, aber der Reporter hatte es geschrieben, und im gnadenlosen Konkurrenzkampf der Revolverblätter hatte die New York Post einen Coup gelandet.

Der Prozeß gegen William Kennedy Smith, Neffe von Ted Kennedy, beginnt am 2. Dezember, und die Skandalpresse wetzt die Messer. Inside stories wird es geben, wenn die Zeugen aufmarschieren. True Life weiß im voraus, daß Roxanne Pulitzer aussagen wird, die ansonsten für den Playboy posiert, und dann natürlich Edward Kennedy, der dabei war in der „verhängnisvollen Nacht auf dem Familienbesitz“ am Strand von Florida. Das Nacktmodell und der Senator – öffentlich im selben Saal.

Es ist, als stünde Ted Kennedy selbst und nicht sein Neffe vor Gericht. Ein anständiger Christenmensch, so war hier oft genug zu lesen, geht eben in der Nacht zum Ostersonnabend nicht in eine Bar. Ein anständiges Familienoberhaupt führt Sohn und Neffen nicht zu einem frivolen nightcap aus. Das wissen die Medienzaren genau: Ohne Ted, ohne seinen Anteil am Geschehen in der Nacht vom 29. auf den 30. März, wäre es kein Kennedy-Skandal geworden, wäre das Gerichtsverfahren nicht als Sensationsprozeß zu verkaufen.

Ist „Teddy“ nun an allem schuld? Hat der letzte der vier Kennedy-boys, die nach dem Willen ihres ehrgeizigen Vaters eine Dynastie hätten errichten sollen, den Kennedy-Mythos definitiv ausgelöscht, das Ende einer Saga besiegelt, wie es in der Geschichte Amerikas keine zweite gibt?

Schwer und mächtig von Gestalt, das ergraute Haar um den vierkantigen Schädel, Furchen und Falten im Gesicht, so sah man ihn unlängst in Cambridge bei Boston, wohin er gekommen war, bei seinen Wählern Abbitte zu leisten für die Schwachpunkte in seiner Lebensführung, sich bei seinen Freunden und Anhängern zu entschuldigen dafür, daß er, der gewaltige Redner auf dem Capitol, der auf dem Gebiet der Sozialgesetzgebung tüchtige Senator, geschwiegen hatte bei dem Disput zwischen dem Richter Clarence Thomas und dessen Anklägerin Anita Hill. Wer im Glashaus sitze, solle nicht mit Steinen werfen, kommentierten die Leute die Show im Fernsehen. Sexuelle Belästigung, wie sie dem Richter Thomas vorgeworfen wurde, hatte man Ted Kennedy zwar nie nachgesagt, aber Schürzenjägerei, womanizing. Dies und Chappaquiddick hatte ihn bei der Anhörung vor Thomas’ Berufung zum obersten Richter außer Gefecht gesetzt. Der Schatten der Brücke von Chappaquiddick, über die Ted sein Auto ins Wasser und seine Begleiterin Mary Jo Kopechne in den Tod steuerte, fällt um so schwerer auf ihn, je öfter er sich ins Zwielicht bringt.