Von Ludwig Siegele

Der kundige Diplomat ist im Moment ein gefragter Mann. „Ich werde von informationshungrigen Franzosen geradezu bestürmt“, berichtet der Mitarbeiter der bundesdeutschen Botschaft in Paris. Alle brennen sie darauf, etwas über die Ökonomie auf der anderen Rhein-Seite zu erfahren. Doch der Beamte möchte die Geschichte auf keinen Fall an die große Glocke hängen: „Das klingt so chauvinistisch. Ich bin kein Wanderprediger, sondern nur Erklärer.“

Das „Modell Deutschland“ ist derzeit in Frankreich sehr en vogue. Kaum eine Woche vergeht ohne ein hochkarätig besetztes Kolloqium zu dem Thema. Die Wirtschaftsmagazine widmen ihm mehrere Seiten. Und das staatliche Statistikinstitut Insee veröffentlichte eine umfangreiche Studie mit dem Titel: „Frankreich und Deutschland – ein Leistungsvergleich der beiden Wirtschaften“.

Sicher, der Pariser Mikrokosmos ist für solche Moden berüchtigt. Und es wäre nicht das erste Mal, daß die französische Politprominenz neidvoll über den Rhein blickt. Aber diesmal geht es tiefer: „Des Etatismus beraubt“, schrieb kürzlich das britische Wirtschaftsmagazin The Economist, ist Frankreich „hin- und hergerissen zwischen dem anglo-amerikanischen Modell des Kapitalismus und der sozialen Marktwirtschaft Deutschlands.“

Im Moment zeigt das modele allemand die größere Anziehungskraft – nicht zuletzt, weil Premierministerin Edith Cresson auf das Motto setzt: „Wir müssen es wie die Deutschen machen.“ Das ist mutig, wie der Vergleich mit ihrem Vorgänger Michel Rocard zeigt: Der hegte zwar sozialdemokratische Gedanken, wagte aber nicht, sie offen auszusprechen – seine Genossen hätten ihn des Hochverrats bezichtigt.

Da ist es Ironie des Schicksals, daß gerade das Buch eines engen Rocard-Freundes in der Deutschlanddebatte Furore macht. „Kapitalismus kontra Kapitalismus“ heißt das neue Werk von Michel Albert, Präsident der staatlichen Assurances generales de France (AGF), dem viertgrößten Versicherungskonzern in Frankreich. Seine These: „Der Zusammenbruch des Kommunismus hebt den Gegensatz zwischen zwei Kapitalismusmodellen hervor.“

Zum einen macht Albert eine „neo-amerikanische“ Kapitalismus-Version aus, die auf dem „individuellen Erfolg und dem kurzfristigen finanziellen Gewinn gegründet ist“, anzutreffen vor allem in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien. Zum anderen sieht er eine „rheinische“ Sorte, die „den kollektiven Erfolg und die Sorge um das Langfristige zur Geltung bringt“, beheimatet in der Bundesrepublik und Japan.