Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im November

Er wechsele ja nur, sagt Alfred Dregger, „die Zimmer und die Aufgaben“. Doch das sagt man so, zu sich selber und zu anderen – wie zur Abwehr. Und die neuen Aufgaben stehen noch nicht ganz fest. Aber Gefühle will Alfred Dregger nicht aufkommen lassen, nachdem am Wochenanfang jener Wechsel an der Spitze der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag vollzogen worden ist, den nicht wenige Unionsabgeordnete herbeigesehnt haben, den er selber aber so lange wie möglich hinausgezögert hat. Wenn es denn irgend gegangen wäre, der bald Einundsiebzigjährige hätte den Spitzenplatz gern behalten.

Er wäre wohl auch noch da, trotz aller Kritik und Ungeduld, hätte nicht Wolfgang Schäuble seinen Anspruch auf die Nachfolge angemeldet. „Wer mein Amt haben will, muß gegen mich antreten“, hat Dregger bei jener denkwürdigen Nikolaus-Sitzung am 6. Dezember 1988 gefaucht, in der die schon lange hinter vorgehaltener Hand gegen ihn erhobenen Einwände zum ersten Mal vor der versammelten Fraktionsmannschaft laut wurden. Aber die ohnehin schlecht vorbereitete Attacke brach vollends zusammen, als Dregger einer für das Gesamtbild der Fraktion abträglichen rechten Flügelposition bezichtigt wurde. Da war es ein leichtes, die eher konservative Mehrheit zu mobilisieren. Dregger sei doch einer der „Leuchttürme für die national-konservativen Wähler“, schlug damals Dieter Weirich, ein hessischer Mitstreiter des Fraktionsvorsitzenden, unter großem Beifall zurück.

Dreggers Kritiker haben immer wieder verkannt, daß er, obwohl ohne eigentliche Hausmacht, bei der Mehrzahl der Unionsabgeordneten eine ziemlich starke Stellung hatte. Mit der politischen Praxis befaßt, mit dem, was geht und was nicht, pflegen alle Fraktionen ein Stück konservativer zu sein als ihre Parteien. Für die Unionsfraktion gilt das um so mehr, als sie auch die Parlamentarier der CSU umfaßt. Einwände gegen Alfred Dregger hatten deshalb weniger mit seinem politischen Standpunkt als vielmehr mit der Art und Weise zu tun, wie er die Fraktion führte.

Vielen war sein Regiment zu zahm – obwohl sie seine Maxime, durch das Delegieren von Aufgaben zu motivieren, durchaus zu schätzen wußten. Deshalb waren die Vorwürfe gegen Dregger immer zwiespältig. Einerseits kritisierten vor allem Mitglieder des Kabinetts, in der Fraktion laufe zuviel auseinander; andererseits rügten Fraktionsangehörige, der Vorsitzende sei gegenüber der eigenen Regierung zu willfährig. Dregger selbst ist stolz darauf, daß die Parlamentsmannschaft der CDU/CSU in allen wichtigen Fragen einmütig aufgetreten ist und die Regierung niemals im Stich gelassen hat. Im modernen Fraktionenparlament mit seinem strikten Gegeneinander von Regierungslager und Opposition war er mit seinem gouvernementalen Staats- und Politikverständnis ein idealer Garant zuverlässiger Mehrheiten, die Loyalität in Person.

Daß er im Grunde ein Mann der Exekutive sei und liebend gern ein bedeutendes Regierungsamt bekleidet hätte, daran hat Dregger nie einen Zweifel gelassen. Aber mit der Ausnahme seiner Oberbürgermeisterzeit in Fulda von 1956 bis 1970 hat sich seine Karriere stets in der Legislative abgespielt, erst im hessischen Landtag, dann, seit 1972, im Bundestag. Als die Union 1982 wieder das Bonner Ruder übernahm, waren die klassischen Ressorts schon vergeben, entweder an langjährige Anwärter aus den eigenen Reihen oder an den Koalitionspartner FDP. Mit dem innerdeutschen Ministerium mochte sich Dregger nicht bescheiden – zu Recht, denn er war inzwischen in der CDU ein Held geworden, wenn auch ein tragischer. Aber das trug zur Aureole nur bei.