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Ein Bluter-Medikament, das mit dem Aids-Virus HIV verseucht war, ist in Frankreich zum Skandal geworden. Und bei uns? 1984 war die Gefahr schon klar – doch noch lange war vielen Beteiligten die sichere Produktionsmethode zu teuer.

Der üble Streit zwischen dem Franzosen Luc Montaigner und dem Amerikaner Robert Gallo, wer als erster das Aids-Virus entdeckt habe, war keine rein akademische Angelegenheit – beim Streit der Forscher und ihrer Anhänger in Regierungen und pharmazeutischer Industrie standen Millionen auf dem Spiel. Die an Hämophilie A oder B leidenden Patienten – eine Blutungskrankheit, die nur an Jungen vererbt wird – konnten nicht ahnen, daß diese Auseinandersetzung für viele von ihnen mit einer – vermeidbaren – tödlichen Infektion enden würde.

Das scheint in Frankreich der Fall gewesen zu sein. Die staatlichen Blutspendezentralen und ihre Bluterpatienten mußten durch Regierungsanweisung auf die Fertigstellung eines französischen Tests aus dem Institut Pasteur warten. Die bereits von dem amerikanischen Aids-Forscher Robert Gallo entwickelten Tests durften nicht vorgenommen werden. Viele französische Bluter erkrankten so an einer tödlichen HIV-Infektion.

Bluterkranke leiden unter einem Faktor-VIII-Mangel, der nur durch eine Behandlung mit eben diesem Faktor behoben werden kann. Das für die Herstellung von Faktor VIII notwendige Blut stammt häufig aus den Vereinigten Staaten, oft von kaum überwachten Spendern aus der risikoträchtigen Fixerszene in den Elendsquartieren an der kalifornisch-mexikanischen Grenze. Daher kann es durch Krankheitserreger infiziert sein. Eine wirksame Sterilisierung des Blutes ist nur durch die sehr aufwendige Hitze-Inaktivierung der Viren möglich. Davon wurde wenig Gebrauch gemacht, weil dabei von der Wirksubstanz fast die Hälfte verlorengeht, das Produkt damit teurer wird. Nur die Marburger Behringwerke haben auch so behandelte Präparate angeboten. Die Blutbanken und die Bluterzentren in der Bundesrepublik haben aber lieber die billigeren anderen Produkte genommen. Und da dies für Behring ein schlechtes Geschäft war, stellte die Firma gleichzeitig auch die nicht zuverlässig keimfrei gemachten Blutpräparate her.

Das änderte sich erst im November 1984. Auf einer internationalen Konferenz von Blutbankern und Hämophilie-Experten in Tokio wurde beschlossen, daß die von Behring entwickelte Hitze-Inaktivierung von Blutplasma auch von anderen Herstellern übernommen werden sollte. "Seit Anfang 1985 sind virushaltige Blutpräparate, wie beispielsweise der Faktor VIII oder andere Gerinnungspräparate, nicht mehr auf dem Markt", meint Jürgen Fischer von den Behringwerken. "HIV-Infektionen durch den Faktor VIII bei Bluterkranken sind seit diesem Zeitpunkt nicht möglich, wenn alle Hersteller sich an die in Tokio getroffenen Vereinbarungen gehalten haben."

Da scheinen allerdings Zweifel angebracht. Denn erst vor einem Jahr hat die Frankfurter Biotest Gesellschaft ihr Faktor-VIII-Prothrombinkonzentrat vom Markt genommen.

Die vorschriftsmäßige Behandlung mit dem Faktor VIII ist teuer. Das kann bis zu einer Million Mark für einen Patienten pro Jahr sein. Gerüchte in Kreisen ärztlicher Leiter von Blutbanken wollen nicht verstummen, daß manche Kollegen – kurz vor Einführung des obligaten HIV-Tests im Oktober 1985 – verlockenden Discountangeboten für ältere Präparationen von Faktor VIII nicht widerstanden haben, obwohl das Herstellungsdatum sie hätte zur Vorsicht mahnen müssen. Vielleicht standen auch noch einige Flaschen mit diesem Medikament im Kühlschrank. So ganz unwahrscheinlich ist diese Vermutung leider nicht. Aus einem vor einigen Jahren abgeschlossenen Strafverfahren vor einem Hamburger Gericht, in dem es gleichfalls um Blutpräparate ging, wurde bekannt, daß wegen einer aktuellen Verknappung auch infizierte Produkte ausgeliefert wurden. Die Folgen waren verheerend.

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Und natürlich hat die immer bestehende Knappheit an Faktor-VIII-Medikamenten eine Rolle gespielt. Die Versuchung, ein älteres und damit nicht absolut sicher HIV-negatives Präparat zu verwenden, ist groß. Nicht unbedingt aus ökonomischen Gründen. Der Bluterkranke braucht lebensnotwendig sofort ein Medikament. In dieser Situation wird der Gedanke an eine spätere mögliche Infektion oft auch von den von Blutungsangst bedrängten Patienten zur Seite geschoben.

Das muß man verstehen: Das lebensrettende Medikament ist ja vorhanden, die mögliche zukünftige Krankheit fern und die gefährliche Blutung nahe. Da befinden sich Arzt und Patient in einem schrecklichen Dilemma. Ob allerdings die Bluterkranken zu einer Entscheidung, zu einer Option für oder gegen eine Behandlung überhaupt in der Lage waren, könnte nachträglich noch festgestellt werden: Aufklärung und schriftliche Behandlungseinwilligung müßten ja noch in den Krankenakten vorhanden sein. Auch da werden manche Zweifel auftauchen, denn mit der sogenannten Risikokommunikation ist es zwischen deutschen Ärzten und ihren Patienten nicht immer so gut bestellt.

Das Bundesgesundheitsamt (BGA) in Berlin, zuständig für den Arzneimittelverkehr, hat den in solchen Fällen üblichen Rückruf – das inkriminierte Präparat muß an den Hersteller zurückgehen – nicht ausgesprochen. Das sei auch nicht nötig gewesen, behauptete der Ministerialdirektor und Medizinprofessor Manfred Steinbach vom Bonner Gesundheitsministerium in einem Fernsehinterview. Die alten Präparate seien nach dem Oktober 1985 nicht mehr "verkehrsfähig" gewesen. Er meint: nicht mehr anwendbar. "Ich kann mir nicht vorstellen", so Steinbach, "daß Ärzte ein so riskantes Blutpräparat nach dem 1. Oktober 1985 noch verwandt haben." Ausdrücklich untersagt hat man es ihnen also nicht.

Für Jürgen Fischer von den Behringwerken und den Sprecher des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie, Thomas Postina, ist denn auch die Sache mit der Verkehrsfähigkeit nicht so klar. Sie können sich heute nicht daran erinnern, daß das Bonner Gesundheitsministerium den inkriminierten Präparaten eine Verkehrsunfähigkeit attestiert hätte.

Im übrigen sei das alles eine ganz alte Geschichte, meint Fischer. Als 1987 die Hämophilen Schadensersatzansprüche aus der Zeit vor Oktober 1985 an die Faktor-VIII-Hersteller stellten, sei man sich rasch einig geworden. Zwischen 1200 und 1300 Schadensfälle seien gemeinsam mit den Krankenversicherungen reguliert worden. Die für einen solchen Fall ungewöhnliche Beteiligung der Versicherung sei deshalb notwendig geworden, weil diese bis 1984 auf der Verwendung von den billigeren, nicht hitze-inaktivierten Präparaten bestanden hätte. Die Krankenversicherungen haben damals für ihre Mitglieder die Übertragung einer Hepatitis billigend in Kauf genommen, da diese ja leicht behandelbar gewesen sei. Nur bei Kindern und einigen besonders schlimmen Fällen hätten sie eine Ausnahme gemacht. "HIV-Erstinfektionen nach 1985 durch Faktor-VIII-Präparate sind nicht mehr aufgetreten", behauptet Fischer.

Das Gegenteil zu beweisen dürfte angesichts der Tatsache, daß neben der Blutübertragung auch noch andere Wege für eine Aids-Infektion existieren, schwer sein. Nur bei Kindern, die nach Oktober 1985 erstmals behandelt wurden und jetzt HIV-positiv sind, ist der Verdacht berechtigt. Solche Fälle sind aber bis jetzt nicht bekannt.

Hans Harald Bräutigam