In der Nacht zum 4. Juni 1947 hatte der deutsche Oberstabsrichter Erich Kallmerten offenbar keine Chance. Hinterrücks schlug sein Mörder in der Offiziersbaracke des sowjetischen Kriegsgefangenenlagers Klaipeda (Memel) mit einem Lötkolben und einem Hammer auf ihn ein. Er zertrümmerte Kallmertens Schädeldecke, danach schnitt er ihm mit einem Küchenmesser die Kehle durch.

Jetzt wird der Fall nach 44 Jahren vor dem Hamburger Landgericht aufgerollt. Angeklagt sind zwei Rentner: der 72jährige Karl Kielhorn und der 67jährige Gerhard Bögelein. Weil beide Beschuldigte nach dem Krieg in der DDR gelebt haben, lag die Anklageschrift seit 1951 in der Schublade der Hamburger Staatsanwaltschaft. Kielhorn und Bögelein wußten, daß ihnen der Mord vorgeworfen wird, doch sie wiegten sich in Sicherheit, nachdem 1956 ein Auslieferungsgesuch abgelehnt worden war. Erst als die Mauer fiel, ahnte Karl Kielhorn, „da könnte noch was kommen“.

Er hatte recht. Am 5. November 1990 standen vier Männer mit einem Haftbefehl vor Kielhorns Tür in Ostberlin. Der zweite Beschuldigte, Gerhard Bögelein, wurde am 13. Dezember 1990 in seiner Leipziger Wohnung verhaftet. Ein mutmaßlich dritter Tatbeteiligter, Klaus Weniger, wurde nicht ausfindig gemacht. Er soll unter falschem Namen in Polen leben. Der Grund dafür, daß die beiden Angeklagten Bögelein und Kielhorn nun in Hamburg vor Gericht stehen, liegt, wie vieles in diesem Fall, eine Weile zurück: In Hamburg wurde 1953 schon einmal derselbe Mord verhandelt. Dem damals in der Hansestadt lebenden vermeintlichen Mittäter Heinz Berkemann wurde vorgeworfen, er habe bei dem Mord an Erich Kallmerten „Schmiere gestanden“. Weil ihm das nicht nachgewiesen werden konnte, wurde Berkemann freigesprochen. Doch Hamburg blieb für den Fall zuständig.

Der Prozeß, der von vornherein auf 23 Verhandlungstage angelegt wurde, gilt als einzigartig in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Im Gegensatz zu den Prozessen, in denen Verbrechen aus der NS-Zeit verhandelt wurden, stehen diesmal keine angeklagten Nazis vor Gericht, sondern Gegner des Hitler-Regimes. Der Angeklagte Kielhorn agitierte im Kriegsgefangenenlager als Leiter des Antifaschistischen Komitees (Antifa). Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, er habe den Mord aus Haß auf den Oberstabsrichter geplant, weil Kallmerten noch kurz vor der deutschen Kapitulation Todesurteile über deutsche Soldaten und litauische Zivilisten verhängt haben soll. Ausgeführt habe den Mord der Angeklagte Bögelein. Er war schon vor Kriegsende zur Roten Armee übergelaufen, wo ihn die Russen in der Spionageabwehr einsetzten. Nach Kriegsende verhörte Bögelein deutsche Kriegsgefangene für den sowjetischen Geheimdienst. In der Nacht zum 4. Juni 1947 habe er sich den Oberstabsrichter Kallmerten ins Verhörzimmer der Offiziersbaracke kommen lassen. Was dort geschah, sollen nun 4000 Aktenblätter und über 30 Zeugen aufklären. Kielhorn und Bögelein, die sich vor der 22. Großen Strafkammer des Hamburger Landgerichts zum ersten Mal seit 44 Jahren wiedersahen, beteuern ihre Unschuld.

Sonst haben die beiden Angeklagten allerdings wenig gemeinsam. Karl Kielhorn wirkt körperlich stark und geistig frisch. Weil er zu Kriegsbeginn geheime Pläne ausgeplaudert hatte, wurde der Hamburger Vermessungsingenieur von der Gestapo verhaftet. Kielhorn kam mit einem Strafgefangenenbataillon an die Ostfront. Nach der deutschen Kapitulation verschlug es ihn in das Kriegsgefangenenlager Klaipeda, wo er Marx, Engels und Lenin zu lesen bekam: „Ich war ein Suchender und fand schließlich zur antifaschistischen Bewegung.“ Druckreif formuliert Kielhorn seinen Werdegang zum aufrechten SED-Funktionär. 1950 trat er der SED bei und machte in der DDR Karriere. Zuletzt war Kielhorn persönlicher Referent des Vizeministers für Hoch- und Fachschulwesen. Er sagt dies mit Stolz. Schleicht sich eine grammatische Unkorrektheit ein, verbessert der 72jährige sich.

Der Angeklagte Gerhard Bögelein war früher ein richtiger. Haudegen. Und darauf ist er heute noch stolz: „Ich muß sagen, ich war sehr tapfer damals.“ Zäh wirkt der 67jährige immer noch, wenn auch vergreist. Er gibt zu, als Deserteur drei Menschen in Notwehr erschossen und einen weiteren vergiftet zu haben, aber Kallmerten habe er nicht umgebracht: „Erschlagen, das ist doch nichts. Für mich gibt es nur Erschießen. Erschlagen würde ich keinen. Nicht mal einen Nazi.“ Ein Schluck aus der Coladose, dann zwinkert Bögelein aus zusammengekniffenen Augen hinter dicken Brillengläsern Oberstaatsanwalt Duhn an.

Im Gegensatz zu Kielhorn hat Bögelein in der DDR keine Karriere gemacht. Er scheiterte: am sowjetischen Geheimdienst, für den er anfangs als Spion arbeitete und von dem er dann nicht mehr loskam, an der Stasi, die ihn bespitzelte, und an seiner Psyche, die sich, wie er sagt, „nicht mit den DDR-Bonzen“ arrangieren wollte. 23 Jahre lang stand der Angeklagte unter Psychopharmaka, er wurde ambulant und stationär psychiatrisch behandelt. Weil er an einem Plan mitgewirkt haben soll, Ulbricht zu stürzen, saß Bögelein in der DDR im Gefängnis. Er war Alkoholiker, und natürlich habe er „am Tag auch mal zwei Flaschen Wodka getrunken“, sagt er, „aber in der Woche nie mehr als sechs“. Ein Geständnis im Fall Kallmerten, das vor kurzem in Stasi-Akten von 1960 gefunden wurde, streitet er jetzt ab. Er habe es nur abgegeben, weil er sich von der Behauptung, einen Nazi-Richter umgebracht zu haben, Vorteile in der DDR erhoffte. Ein sowjetisches Militärgericht habe ihn schon 1947 freigesprochen: „Und das ist als ein ordentliches Gericht zu bezeichnen.“