Erstmals enthüllt: „Unternehmen Ursula“ – Ubermalte Kennzeichen, falsche Funksprüche – Schweigepflicht war lebenslänglich

Von Bodo Herzog

Ich erinnere mich noch genau. Als Pennäler begann ich im Jahre 1936/37, meine erste Zeitungsausschnittsammlung anzulegen. Die Zeitungen waren damals voll mit Nachrichten vom Spanischen Bürgerkrieg. Immer häufiger wurden mysteriöse Aktionen „unbekannter U-Boote“ an den spanischen Küsten oder im übrigen Mittelmeer gemeldet. Ich sehe die Schlagzeilen noch vor mir, die ich damals in bürgerlichen deutschen Zeitungen, in Naziblättern sowie mit späteren Ergänzungen in der Schweizer Presse und in der Times fand: „Vier Torpedos gegen deutsches Kriegsschiff“ – „Mißbrauch der britischen Flagge“ – „U-Boote der Sowjets mit spanischer Nationalflagge“ – „Steps to End Piracy“ – „Piracy in the Mediterranean“ – „U-Boot-Spuk vor den Dardanellen“.

Die Sprachregelung für die deutsche Presse stand im vornhinein fest: Es durfte sich bei den Piraten nur um „die Roten“ handeln. Die von den Faschisten angegriffene demokratische Republik hieß in deutschen Zeitungen „Rot-Spanien“ oder „Sowjet-Spanien“ (diese Begriffe hielten sich hierzulande im politisch-historischen Sprachgebrauch zum Teil noch bis in die siebziger, achtziger Jahre). Sogar Reichsaußenminister Freiherr von Neurath sprach seinerzeit von „spanisch-bolschewistischen Unterseeboot-Piraten“.

Die Sache blieb geheimnisvoll und für mich als Schüler undurchschaubar. Aber ich kannte die Flottenstärken. Die Spanier besaßen bei Kriegsbeginn zwölf U-Boote, die alle in republikanischen Häfen lagen, denn die Marine war loyal geblieben. Vier davon gingen gleich in den ersten vier Monaten verloren. Die Rebellen unter General Franco konnten erst im April 1937 zwei italienische U-Boote in Dienst stellen. Nach Angriffen gegen Kriegs- und Handelsschiffe der Republikaner, gegen sowjetische Versorgungsschiffe oder neutrale Frachter war es mithin unmöglich, die Nationalität der angreifenden U-Boote exakt zuzuschreiben. Gewöhnlich benutzte man die Vokabel „fremde U-Boote“. Bald nach Kriegsausbruch bemühten sich die europäischen Großmächte um die Eindämmung des Konfliktes, der leicht in einen europäischen Krieg umschlagen konnte. Die faschistischen Rebellen wurden von den Achsenmächten Deutschland und Italien unterstützt. Nur dank der von Hitler geschickten JU 52-Luftflotte hatte Franco seine Marokko-Armee aufs Festland übersetzen können. Etwa 17 000 deutsche Soldaten (getarnt als „Freiwillige“) kämpften in der „Legion Condor“, die General Franco direkt unterstellt war – vornehmlich Luftstreitkräfte, aber auch einige Panzer- und Panzerabwehreinheiten sowie eine als Nachrichteneinheit getarnte kleine Marine-„Gruppe Nordsee“. Der italienische „Duce“ Mussolini schickte Vier Divisionen und ebenfalls Fliegerverbände.

Die Republikaner wurden indirekt von Frankreich mit Waffen und Munition unterstützt und offen von der Sowjetunion. Sie ließ sich die spanischen Goldreserven aushändigen und lieferte dafür Kriegsmaterial; außerdem schickte Moskau 3000 Berater. Die Haupthilfe für die Republikaner jedoch leisteten die circa 37 000 Freiwilligen der Internationalen Brigaden.

Im Februar 1937 einigten sich 27 Nationen auf der Londoner Nichteinmischungskonferenz, die Entsendung von Freiwilligen und die Lieferung von Kriegsmaterial nach Spanien zu verbieten. Zu diesem Zweck wurde über die spanischen Küsten eine Seekontrolle verhängt (siehe Karte Seite 50).

Die deutsche Kriegsmarine hatte – ebenso wie andere Nationen – sofort in den ersten Kriegswochen Einheiten in spanische Gewässer entsandt, um Flüchtlinge an Bord zu nehmen. Später kamen die Überwachungsaufgaben dazu. Beteiligt waren in den Jahren 1936 bis 1939 zwölf Torpedoboote, sechs Leichte Kreuzer und drei Panzerschiffe. Das Panzerschiff Deutschland wurde am 29. Mai 1937 auf der Reede von Ibiza von zwei vermutlich republikanischen Flugzeugen sowjetischer Bauart bombardiert, wobei 31 Mann der Besatzung umkamen und 83 verletzt wurden. (Zur besseren historischen Einordnung: Am 26. April hatte die Legion Condor die heilige Stadt der Basken, Guernica, zerstört.) Nach dem Zwischenfall von Ibiza befahl Hitler seiner Kriegsmarine, am 31. Mai, dem Tag der Skagerrakschlacht, zur Vergeltung den republikanischen Hafen Almeria unter Feuer zu nehmen.

Das deutsche Volk erfuhr erst im Frühjahr 1939, nach dem Sieg Francos im Bürgerkrieg, von der Existenz der Legion Condor. Bei der Siegesparade der Spanienkämpfer am 6. Juni 1939 im Berliner Lustgarten marschierten, überraschend für die Weltöffentlichkeit, auch „Blaue Jungs“ mit – die Besatzungen der Unterseeboote U-33 und U-34. Am Vortage hatte bereits der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Dr. h. c. Erich Raeder, als er im Lager Döberitz die Heimkehrer begrüßte, besonders die U-Boot-Männer gewürdigt, welche „die ihnen gestellte schwierige Aufgabe unter größter Einsatzbereitschaft“ gelöst hätten. Der Londoner Times fiel auf, daß gerade diese Passage nur in einer einzigen deutschen Zeitung erwähnt wurde.

Welches Geheimnis verbarg sich dahinter? Die „Heldentaten“ der Legion Condor wurden in Zeitungsaufsätzen und Büchern gefeiert, aber nirgends ein Wort über die U-Boote. Anfang der sechziger Jahre nahm ich mir die alten Zeitungsausschnitte wieder vor. Es lebten noch eine Reihe ehemaliger hoher und höchster Marineoffiziere, die Bescheid wissen mußten, auch noch einer der unmittelbar beteiligten Kommandanten. Im Verein mit führenden Marinehistorikern befragte ich mehr als sechzig Veteranen. Einige zeigten eine erschreckende Unbelehrbarkeit, andere stellten sich dumm oder hatten wirklich keine Ahnung.

Der ehemalige Großadmiral Karl Dönitz hätte am ehesten Auskunft geben können, denn er war seinerzeit „Führer der U-Boote“ (FdU). Aber er wußte angeblich nichts, da ihm die Boote im Spanieneinsatz „nicht unterstanden“. Admiral a. D. Otto Ciliax (er war es, der den Hafen von Almeria unter Feuer nahm) tat ebenso ahnungslos: Die U-Boote seien „unmittelbar“ dem Oberkommando der Kriegsmarine (also Raeder) unterstellt gewesen und hätten von dort ihre Einsatzbefehle erhalten. Ähnlich Generaladmiral a. D. Wilhelm Marschall – er hatte 1937/38 die Seestreitkräfte vor Spanien befehligt und war zuvor Chef der Operationsabteilung der Kriegsmarine gewesen: Die Boote hätten operativ „allein“ dem Oberkommando unterstanden.

Der ehemalige Marineattaché in Madrid, Kapitän zur See Kurt Meyer-Döhner, sah die Zuständigkeiten ganz anders. Zwar meinte er, die Boote seien, wie die anderen Kriegsschiffe auch, nur zu Zwecken der Überwachung und Ausbildung in spanischen Gewässern aufgetaucht, aber „sie wurden durch den Spanienbefehlshaber, beziehungsweise durch den B.d.U. [Befehlshaber der Unterseeboote, also Dönitz!] angesetzt“. In die Nähe der Wahrheit wagte sich immerhin Konteradmiral a.D. Eberhard Godt – er war in Spanien Kommandant von U-25 und arbeitete seit 1938 als Stabsoffizier unter Dönitz: „Die beiden ersten Boote waren im ‚schwarzen Einsatz‘. Einsatz-Ergebnisse haben sie nicht erzielt.“ Die später eingesetzten U-Boote – insgesamt waren es vierzehn – seien für die internationale Kontrolle oder für den Handelsschutz verwendet worden.

Merkwürdigerweise fühlten sich einige der Herren noch im zwölften Jahr der Bundesrepublik einer Staatsraison verpflichtet, die es nicht mehr gab. Generaladmiral a. D. Marschall riet mir, vor einer Publikation meiner Studie doch erst die Bundesmarine zu fragen, „ob sie [die Studie] dem Interesse des Staates entspricht“! Wollte man die viel zu guten Beziehungen der Bundesrepublik zum damals noch faschistischen Spanien nicht stören? Oder wollte man Verbrechen vertuschen? Auch der einstige Militärattache Meyer-Döhner ermahnte mich zur äußersten Behutsamkeit.

Am Ende hatte ich zwar viele, zum Teil widersprüchliche Aussagen beisammen, aber das Gerippe der Darstellung ließ sich nicht ausfüllen, weil es kein Belegmaterial gab. Die schriftlichen Unterlagen der Spanien-U-Boote waren anscheinend 1937 vernichtet worden. Ich sah von einer Veröffentlichung ab, nachdem mir der bekannte Marinehistoriker Professor Jürgen Rohwer den guten Rat gegeben hatte, daß „man mit nicht ganz zutreffenden Angaben viel Schaden anrichten kann“.

Erst jetzt, da zahlreiche Archive (auch die der ehemaligen DDR) zugänglich sind, bin ich mit Hilfe des Bundesarchivs/Militärarchivs endlich fündig geworden: Es existiert unter anderem ein 55 Seiten langer Abschlußbericht über die geheimen und völkerrechtswidrigen Operationen deutscher U-Boote während des Spanischen Bürgerkrieges. Verfaßt wurde er von dem damaligen Konteradmiral Hermann Boehm, dem Befehlshaber der Aufklärungsstreitkräfte, der vom 14. November bis 15. Dezember 1936 Seebefehlshaber in spanischen Gewässern war. Der spätere Generaladmiral und erste Flottenchef im Zweiten Weltkrieg (bis Oktober 1939) war neben Raeder wohl einer der wichtigsten Männer der Kriegsmarine und ein überzeugter Nationalsozialist. Er zeichnet auch mit verantwortlich für den See-Abtransport der norwegischen Juden im Jahre 1943.

Mir hatte Boehm 1961 zweideutig geschrieben, er könne mir „keine Auskünfte aus dem Gedächtnis geben, weder über die Nummern der Boote noch über die Namen der Kommandanten. Im übrigen halte ich eine Veröffentlichung über das von Ihnen angeschnittene Thema für nicht zweckmäßig.“

Wen wundert’s, wenn er Boehms Bericht liest, der nun, neunzehn Jahre nach seinem Tod, dem Vergessen entrissen wird.

Im November 1936 werden im Kieler Hafen zwei moderne Unterseeboote des Typs VII-A, die man erst vor wenigen Monaten in Dienst gestellt hat, für eine längere „Übung“ umgerüstet und mit Waffen und Proviant versorgt. U-33 und U-34, gebaut auf der Krupp-Germaniawerft in Kiel-Gaarden, führen je elf Torpedos mit sich und tragen vor dem Turm eine 8,8-cm-Kanone (mit jeweils achtzig Granaten). Die noch kaum erprobten Boote erhalten vor der Ausfahrt seltsamerweise neue Kommandanten: Kapitänleutnant Kurt Freiwald (U-33) und Kapitänleutnant Harald Grosse (U-34); sie haben seit 1931 in Spanien und Finnland Erfahrungen mit U-Booten gesammelt, also in der Zeit der geheimen Aufrüstung, als der Reichsmarine durch den Versailler Friedensvertrag Bau und Besitz von U-Booten verboten war.

Seit dem deutsch-britischen Flottenabkommen von 1935 darf Deutschland wieder Unterseeboote unterhalten. Hitler verpflichtete sich freiwillig, die international festgelegten strengen Rechtsnormen für einen U-Boot-Krieg einzuhalten. Zum Beispiel dürfen Handelsschiffe nur von aufgetauchten U-Booten angehalten werden, und man muß sie nach der Prisenordnung behandeln. Ja, noch in diesem Monat des Jahres 1936, am 23. November, wird Deutschland in London dem U-Boot-Protokoll zur Humanisierung (!) des Seekrieges zustimmen.

Gegen dieses Recht aber wollen nun Hitler und das Oberkommando der Kriegsmarine zur gleichen Zeit bewußt verstoßen. Das Piratenunternehmen, ausgegeben als „Übung“ und „Kriegsspiel“, erhält die Tarnbezeichnung „Ursula“ – so heißt die neunzehnjährige einzige Tochter des Kapitäns zur See Dönitz, des Führers aller deutschen U-Boote.

Für den Funkverkehr, der von den Engländern und Franzosen abgehört werden könnte, werden Codewörter eingeführt: Aus U-33 wird der „Ursula“-Dampfer Triton, aus U-34 der „Ursula“-Dampfer Poseidon. Kapitänleutnant Freiwald heißt nun Supercargo Frei, Kapitänleutnant Grosse wird zum Supercargo Gros!

Jeden Abend sollen die Boote über einen funktechnischen Sonderschlüssel (Absender „Ulme“) Meldungen absetzen. Bei der Tarnbezeichnung der ausersehenen Angriffsziele – Kriegs- und Handelsschiffe des republikanischen Spanien, später auch der Sowjetunion, die, wohlgemerkt, versenkt werden sollen – waltet ein etwas abartiger Marinehumor: Sie heißen „Apfelsinen“ und „Sojabohnen“ ...

Kurz bevor am 20. November 1936 das Kommando „Leinen los!“ erschallt, also vor dem Auslaufen durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal zur Nordsee, werden die je 45 Mann starken Besatzungen und ihre je vier Offiziere zur vollsten Verschwiegenheit vergattert. Jeder muß eine Erklärung unterschreiben: „Mir ist bekannt, daß jeder Bruch der Schweigepflicht, auch in geringster etwa nur angedeuteter Form, über Seegebiet und alle Ereignisse der ... Unternehmung ... wegen Landesverrat gemäß § 88 usw. Reichsstrafgesetzbuch mit dem Tode bestraft wird ... Schweigepflicht hierüber gilt lebenslänglich.“ Die beiden Kommandanten erhalten ihre Befehle für die als „Übung“ umschriebene Piratenaktion mündlich und sollen ihre Aufgaben selbständig erfüllen.

Zum Glück sind aber neben Boehms Bericht etliche Originalunterlagen und Aussagen von Überlebenden erhalten geblieben, aus denen wir Einzelheiten über diese geheime Kriegsoperation mitten im Frieden erfahren können. Die Fahrt durch Nordsee und Atlantik wurde tatsächlich nach bester Freibeutermanier kaschiert: auf wenig befahrenen Wegen, im Ärmelkanal bei Nacht, mit übermalten Kennzeichen, ohne Flagge und Wimpel!

„Bei unvermeidbarem Gesichtetwerden außerhalb der spanischen Gewässer ist keine oder eine nicht erkennbare Flagge zu führen und sofort auszuweichen. In spanischen Gewässern ist mit Ausnahme bei englischen Schiffen und Flugzeugen die englische Kriegsflagge zu setzen.“ Eine ursprüngliche Passage, die etwas später handschriftlich abgeändert wurde, ist noch bezeichnender: „Für nicht mehr vermeidbares Gesichtetwerden in den spanischen Gewässern sind die spanische republikanische Flagge und für die Besatzung spanische Uniformmützen bereitzuhalten, sofern es sich nicht um weiße [faschistische] spanische Streitkräfte handelt.“ Hier werden bereits alle schmutzigen Tricks einer durch und durch nationalsozialistisch verseuchten Marine sichtbar.

Beide U-Boote sollten tatkräftig von den deutschen Überwasserkriegsschiffen unterstützt werden. „Meldung zu den in den Nachrichtenordnungen ... gegebenen Zeiten.“ Die FT [Funksprüche] „sind so zu fassen, daß aus ihnen nicht erkannt werden kann, daß Absender U-Boot ist“. Selbstverständlich waren der Seebefehlshaber, Konteradmiral Boehm, und auch der Marineattaché in Madrid, Korvettenkapitän Meyer-Döhner, in all dies eingeweiht.

Als die beiden deutschen Unterseeboote ihrem Zielgebiet im westlichen Mittelmeer zustrebten, wurden bereits Angriffe „unbekannter“ U-Boote gegen republikanische Kriegsschiffe gemeldet. Nachdem am 22. November 1936 der republikanische Kreuzer Miguel de Cervantes in Gegenwart eines britischen Zerstörers von zwei Torpedos getroffen worden war, hatte die Times sofort deutsche U-Boote im Verdacht. Tatsächlich war aber das italienische U-Boot Torricelli der Übeltäter. Ob da vielleicht schon jemand der Royal Navy heimlich einen Wink gegeben hatte? Immerhin waren außer den beiden Besatzungen noch etwa dreißig bis fünfzig Personen in Deutschland, Spanien und Italien über „Ursula“ informiert.

Heimlich an Gibraltar vorbei

Erst in der Nacht vom 27. zum 28. November 1936 passierten U-33 und U-34 klammheimlich die Straße von Gibraltar. Nach den internationalen Abmachungen gehörten die Gewässer westlich, südlich und östlich des britischen Stützpunktes zur Kontrollzone der Royal Navy. Wollten Kriegsschiffe anderer Nationen die Meerenge passieren, mußten sie vorher angemeldet werden. Die Engländer ahnten vermutlich etwas: Korvettenkapitän a. D. Werner Lott, seinerzeit mit U-35 im Spanieneinsatz, erinnert sich, wie ihn ein befreundeter britischer U-Boot-Kommandant eindringlich gewarnt hat, „die Straße von Gibraltar unbemerkt passieren zu wollen, da dieses von den Engländern als unfreundliche Handlung angesehen würde“.

Ende November hielten sich die beiden deutschen U-Boote im Seeraum zwischen Cartagena und Almeria auf. Sie sollten ihr Operationsgebiet nicht wenigerr als bis Valencia ausdehnen (siehe Karte). Der Zeitpunkt für das Kriegsspiel war gekommen. In welchem Führungsorgan der Kriegsmarine die Piratenakte ausgearbeitet wurden, läßt sich nicht mehr feststellen. Die Befehle aus Berlin liefen über Konteradmiral Boehm als den örtlichen Befehlshaber und wurden von ihm auch ergänzt. Zum Beispiel: „Aufgabe Angreifen rote [gemeint sind republikanische] Kriegsschiffe, außerdem beladene rote und russische Dampfer innerhalb Hoheitsgewässer. Aufgabe unterstützen durch viel Erkundung. Nachrichtenweg über OKM oder ohne FT an Admiral auf St. Georgia [alter italienischer Panzerkreuzer], Admiral Jachinot.“ Es muß also zuvor eine deutsch-italienische Absprache gegeben haben.

Boehm hatte auch, wie er selber schreibt, die Kommandanten angewiesen, nachts jeden abgeblendeten Zerstörer „als rot anzusehen“ (internationale Streitkräfte mußten aufgeblendet fahren und ihre Flaggen beleuchten). Am ersten Dezember 1936 eröffnete auch Deutschland – nach Italien – den völkerrechtswidrigen Unterwasserschießkrieg im Mittelmeer. An diesem Tag stand Kapitänleutnant Grosse bei fortgeschrittener Dämmerung mit U-34 vor Cartagena, der bedeutenden Handelsstadt, die zugleich Flottenstützpunkt war: „FT 0245/1902/Roter Zerstörer angegriffen. Detonation sehr spät gehört. Drei Zerstörer geleiten bei Morgen- und Abenddämmerung.“ Boehm kommentierte trocken: „Ich vermute, daß es sich um einen Fehlschuß handelt, der an der Küste explodiert ist.“ Als Weisung für die nächste Nacht funkte er den Booten: „Heute nacht nur Freigabe Zerstörer in Verbindung mit Dampfergeleit in Hoheitsgewässern.“

Auf die Zerstörer war man deswegen so scharf, weil sie, als die einzigen operierenden Überwasserstreitkräfte der Republikaner, die Nachschubschiffe aus der Sowjetunion schützten. Allerdings liefen sie nur nachts aus, während die deutschen U-Boote tagsüber in Warteposition lagen, um nicht erkannt zu werden; sie konnten also nur morgens oder abends in der Dämmerung angreifen. Die Kommandanten fühlten sich durch die strikte Weisung des Oberkommandos der Kriegsmarine eingeengt, nur dann zu schießen, wenn das Kriegsschiff einwandfrei als „rot“ (republikanisch) erkannt sei.

Schon machte sich bei höheren Marineoffizieren Unmut breit, weil Erfolge ausblieben: U-33 hatte am 2. Dezember vergeblich einen Geleitzug angegriffen, „da durch voranlaufenden Zerstörer unter Wasser gedrückt“; U-34 war gegen einen Zerstörer nicht zum Schuß gekommen. Es hatte auch in den nächsten Tagen kein Glück mit seinen Angriffen; einmal wurde es in seinen Operationen durch einen britischen Zerstörer gestört. Nach einem erneuten Fehlschuß wollte Kommandant Grosse wissen, ob Dampfer, die einliefen, während der Zerstörer draußen vor der Bucht auf und ab fuhr, „als geleitet angesehen werden dürfen“.

Nun bekamen die Piratenhäuptlinge in Berlin kalte Füße. Sie funkten an Konteradmiral Boehm: „Bisheriges Fehlen sichtbarer Erfolge darf nicht zu Draufgängertum ohne Rücksicht auf oberstes Gebot Tarnung führen. Ursula Aufgaben erfüllt, wenn rote Flotte im Hafen gebunden und rote Zufuhr durch Ursula erschwert.“

Konteradmiral Boehm, der örtliche Befehlshaber, hatte sich „Ursula“ jedoch ganz anders vorgestellt. Immer wieder drängte er Francos Flottenchef, Admiral Moreno, zum Handeln. Er versorgte ihn täglich mit den Meldungen der Feindaufklärung (durch Kriegsschiffe und Bordflugzeuge) über den Nachschubverkehr aus der Sowjetunion. So hatte er angekündigt, in der Zeit vom 7. bis 9. Dezember würden vier spanische Dampfer an der Ostküste eintreffen.

Boehm erwartete, der Chef der „weißen“ Flotte werde nun endlich mit seinen beiden Kreuzern zwischen den Balearen und der afrikanischen Küste einen „wirksamen Kreuzerkrieg“ gegen den Handelsverkehr führen. „Das Endziel wäre erreicht, wenn nun die rote Flotte auslaufen sollte, um das Einbringen der Kriegsmaterialtransporte zu erzwingen und dabei einem unserer U-Boote ein Erfolg gegen [das Schlachtschiff] Jaime I oder [den Kreuzer] Libertad beschieden sein würde.“

Doch die Zusammenarbeit mit dem faschistischen Oberkommando und wohl auch mit dem Befehlshaber der italienischen U-Boote ließ zu wünschen übrig. Das Debüt der jungen nationalsozialistischen U-Boot-Waffe schien in einer einzigen Blamage zu enden. Am 8. Dezember feuerte U-34 seinen dritten Torpedo gegen einen „stark zackenden“ Zerstörer und – traf wieder nicht. Vielleicht deutete sich hier schon das Debakel an, das die Kriegsmarine 1939/40 im U-Boot-Krieg gegen England mit der Trefferquote ihrer Torpedos erleben sollte. Diesmal freilich war Kapitänleutnant Grosse durch einen deutschen Zerstörer, der natürlich nichts von dem Piratenboot wußte, „erheblich“ gestört worden.

Am 9. Dezember 1936 erhielten die beiden „Ursula“-Boote Befehl, das Operationsgebiet binnen drei Tagen zu räumen – der Brennstoff ging zur Neige. Und dann kam Kommandant Grosse am letzten Tage doch noch zu seinem ersehnten „Erfolg“. Man sollte sich erinnern, was an diesem 12. Dezember 1936 sonst noch in und um Spanien passierte: Ausgerechnet an diesem Tage antwortete das Deutsche Reich auf britisch-französische Vorschläge zur Nichteinmischung in den Bürgerkrieg und machte „andere“ Staaten für die sich ständig verschlechternde Lage verantwortlich!

Bei den Kämpfen um die Hauptstadt Madrid, die von den Republikanern und den Internationalen Brigaden verbissen verteidigt wurde, fiel (vermutlich an diesem Tag) Hans Beimler, der vierzigjährige Kommandeur des Thälmann-Bataillons. Beimler, ehemaliger Reichstagsabgeordneter der KPD, war die Flucht aus dem Konzentrationslager Dachau gelungen. Zu den früheren Bewachern dieses Lagers gehörte übrigens ein späterer Marineoffizier, der dann im Kriege mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz ausgezeichnet wurde ...

Am frühen Nachmittag des 12. Dezember sah Kapitänleutnant Grosse drei Seemeilen vor der Hafeneinfahrt von Malaga durch das Sehrohr ein republikanisches U-Boot der C-Klasse. Ganz in der Nähe befand sich der britische Zerstörer Acasta. Wie mir der damalige Leutnant und Torpedo-Offizier an Bord von U-34, Flottillenadmiral a. D. Gerd Schreiber („Ich bin der letzte lebende Zeuge!“) mitteilte, lag das spanische U-Boot „fast still“. Die Deutschen nahmen an, es veranstalte Trimmübungen; auf dem Turm war nur eine Person erkennbar. Es handelte sich um das U-Boot C-3 unter dem Kommando des Oberleutnants zur See Antonio Arbona Pastor, der ein Anhänger General Francos gewesen sein soll. Um 14.19 Uhr fiel und traf der Torpedoschuß. „Nach Zusammensinken der Detonationssäule war U-Boot restlos verschwunden“, funkte U-34. 44 spanische Seeleute gingen mit ihrem Schiff unter. Nur drei Mann, unter ihnen „Master mariner“ Don Augoson Gafen Barid wurden gerettet und auf dem Lazarettschiff Artabio in Malaga versorgt. C-3 sank auf eine Wassertiefe von siebzig Metern.

Konteradmiral Boehm war überglücklich: „So hat die nochmalige Entsendung des Poseidon in das Seegebiet Malaga zum Schluß noch zu einem Erfolg geführt. Es ist zu hoffen, daß mit Versenkung dieses roten U-Bootes die U-Bootstätigkeit im Seeraum welche die Bewegungsfreiheit der weißen Streitkräfte zweifellos eingeengt war, eingestellt wird.“ Wie schrieb mir doch einer der Hauptverantwortlichen für „Ursula“, Großadmiral a. D. Dönitz, am 27. Januar 1962 auf meine Frage: „Sie können sicher sein, daß die deutschen Uboote, die während des spanischen Bürgerkrieges in die dortigen Gewässer geschickt wurden, kein Schiff versenkt haben ... es waren Erholungsreisen.“ (!)

Am 13. Dezember 1936 passierten die beiden deutschen U-Boote ungehindert und ungesehen auf ihrem Rückmarsch die Straße von Gibraltar. Anderntags berichtete die Londoner Times ausführlich von dem Zwischenfall vor Malaga („Spanish Submarine sunk“). Die Nationalität des Angreifers war wie immer „unbekannt“. Und sie blieb es auch. Denn das Piratenstück wurde bei der Heimkehr der beiden U-Boote fortgesetzt:

Am 15. Dezember 1936 ging aus Berlin folgender Funkspruch ab: „Zur Tarnung auf Nordseekurzwelle 77,9 an O.K.M. [Oberkommando der Kriegsmarine], Flotte [Admiral Richard Foerster], B.d.A. [Befehlshaber der Aufklärungsstreitkräfte, Konteradmiral Hermann von Fischel], F.d.U. [Führer der U-Boote, Kapitän zur See Karl Dönitz] melden, daß Versuche beendet, Rückmarsch angetreten. Von jetzt ab 24stündlich falsche Standorte geben, die Rückmarsch aus Gebiet Nordkap-Island beweisen. W(ilhelms)haven hat 0000 Uhr und 0630 Uhr je eine Stunde Programmzeit. Marineverkehr, offene Marine-Funknamen. – Logbuch, Maschinentagebücher für ganze Reise entsprechend anlegen.“

Als Absender dieses in jeder Hinsicht bemerkenswerten Befehls zeichnet der A I, also der Chef der Operationsabteilung im Oberkommando der Kriegsmarine, Konteradmiral Wilhelm Marschall. Völkerrechtswidrige kriegerische Akte werden zynisch als „Versuche“ ausgegeben (obwohl man doch unter sich ist), Standortmeldungen verfälscht, schriftliche Unterlagen manipuliert.

Ob die Funksprüche von den Engländern abgehört wurden, wissen wir bisher nicht. Indessen registrierte die Royal Navy den sehr regen Funkverkehr der italienischen U-Boote im Mittelmeer. Sie haben von November 1936 bis Februar 1938 insgesamt 108 Angriffe gegen Kriegs- und Handelsschiffe geführt und dabei, nach vorsichtigen Schätzungen, elf Handelsschiffe versenkt, drei Kriegsschiffe beschädigt und mindestens fünf andere zivile Fahrzeuge torpediert.

Schon im Vorwege waren die Kommandanten Freiwald und Grosse instruiert worden, auch beim Rückmarsch „von 6 Grad Ostlänge nach Westen ungesehen (zu) bleiben, auch von eigenen Kriegs- und Handelsschiffen, Luftverkehr und Sicht vom Lande. Dampferwege meiden, englischer Kanal bei Nacht passieren.“

Selbst nach der heimlichen Durchfahrt im Ärmelkanal ging die Geheimnistuerei weiter: Mit einem Dringlichkeitsvermerk wurden beide U-Boote über einen Sonderfunkschlüssel angewiesen, „zusammen Brunsbüttel einlaufen. Uhrzeit 12 Stunden vorher auf Nordseehauptwelle an F.d.U. melden, fingierte Standorte entsprechend angleichen. Kein Signal- und Landverkehr vor Eintreffen FdU in Brunsbüttel.“

Am 20. Dezember 1936 beendeten U-33 und U-34 ihr Spanienabenteuer, und die Kommandanten Freiwald und Grosse übergaben ihre Schiffe wieder an die vorher ausgestiegenen Indienststellungskommandanten. Konteradmiral Boehm hatte seinen Abschlußbericht über das „Unternehmen Ursula“ pünktlich am 14. Dezember 1936 vollendet, in See an Bord des Panzerschiffes Deutschland. Er war voller Lob für die beiden Kommandanten. Sie hätten, trotz der Mißerfolge in den Operationsgebieten, „jede sich bietende Gelegenheit zum Angriff ausgenutzt“, dabei immer die notwendigen stark begrenzten Einsatzbefehle voll beachtet und seien „kühl wägend an ihre Aufgaben herangegangen“. Auch seien sie sich „der hohen politischen Verantwortung bewußt gewesen“. Die „Fernfahrt“ der Boote habe zweifellos „wertvollste Erfahrungen“ gebracht und werde das Vertrauen „zu der jungen Waffe“ weiter stärken.

„Ursula“ blieb nicht das einzige geheime kriegerische Unternehmen der deutschen U-Boot-Waffe im Spanischen Bürgerkrieg: Unmittelbar nach dem Bombenangriff republikanischer Flugzeuge gegen das Panzerschiff Deutschland Ende Mai 1937 wurden vier U-Boote der 2. Flottille in spanische Gewässer geschickt, um an der internationalen Seekontrolle teilzunehmen. Sie waren vorschriftsmäßig mit dem schwarzweißroten Neutralitätszeichen versehen. Ihr Kontrollgebiet war die spanische Atlantikküste.

Eines dieser Boote - U-35 sichtete am 1937 in der Frühe vor Santander einen Geleitzug, der von zwei republikanischen Zerstörern begleitet wurde. Als der Zerstörer das U-Boot erkannte und morsend auf Gegenkurs drehte, tauchte U-35 um 5.10 Uhr und versuchte zwei Angriffe, kam jedoch in keine Schußposition. Um 8.10 Uhr lief U-35 aufgetaucht ab. Ein mißlungener Akt der Piraterie!

„Kriegsbefehle“ im Frieden

Inzwischen – am 15. Juni 1937 – hatte ein neuer Zwischenfall die Gemüter in Deutschland erregt: Vor der algerischen Küste, 25 Seemeilen nördlich von Oran, war der deutsche Leichte Kreuzer Leipzig mit vier Torpedos angegriffen worden, die jedoch alle vorbeiliefen. Die Times hielt es für möglich, das deutsche Kriegsschiff sei verwechselt worden. (Vielleicht hatte ein italienischer U-Boot-Kommandant gemeint, einen spanischen Kreuzer vor sich zu haben?) Aus Protest zogen sich daraufhin Deutschland und Italien vorübergehend aus der internationalen Seekontrolle zurück. Für die deutsche Kriegsmarine war der Fall klar: Konteradmiral von Fischel, zu der Zeit der örtliche Seebefehlshaber, bereitete eine neue geheime U-Boot-Aktion vor. In drei Zielräumen im Mittelmeer, wo sich deutsche U-Boote nicht aufhalten durften, vor Cartagena und an der algerischen Küste, sollten „röte“ U-Boote versenkt werden. Vor dem Durchbruch in der Straße von Gibraltar mußten U-28, U-33 und U-34 die Nummern- und Neutralitätszeichen übermalen. Von dem großen U-25 des Typs I-A existiert ein Photo, wie es vor Alicante an der Costa del Sol von einem Heinkel-Bordflugzeug des Kreuzers Leipzig versorgt wird. Bei dieser Operation wollte Fischel die neuen Elektrotorpedos ausprobieren lassen. Aber die Marineleitung genehmigte aus unbekannten Gründen den Plan nicht.

Unerlaubt hielt sich zu jener Zeit auch U-14, ein Boot des kleinen Typs II-B, ohne Kennzeichen und Flagge, im Mittelmeer auf, wo es dem Panzerschiff Admiral Scheer begegnete. Die versiegelten „Kriegsbefehle“ zum Angriff gegen den „roten Nachschub“ blieben allerdings geschlossen.

Der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Generaladmiral Raeder, ordnete anschließend sogenannte Horchübungen an, um die geheimnisvollen U-Boot-Angriffe auf die Leipzig (und kurz danach auf den Kreuzer Nürnberg) zu rekonstruieren. Zu diesem Zweck wurde U-34 (jetzt unter dem Kommando von Kapitänleutnant Ernst Sobe) erneut ins Mittelmeer beordert, wo es sich am 1. und 2. Juli im Seegebiet südlich von Sardinien mit dem Panzerschiff Admiral Graf Spee und der Nürnberg traf. Am 12. Juli mußte U-34 nochmals ins Mittelmeer fahren, um die Übung mit der Nürnberg zu wiederholen. Vier Tage später wurde die Nürnberg südlich der Balearen zweimal mit Torpedos beschossen, aber nicht getroffen. Am selben Abend sichtete die Admiral Graf Spee zweimal ein Sehrohr. Diese Vorfälle gelangten jedoch nicht in die Presse. Warum? Weil verbündete Italiener im Spiel waren? Oder vielleicht sogar deutsche U-Boote?

Mit dem Geheimnis ins Grab

Offiziell beendete die deutsche Kriegsmarine ihre Tätigkeit in Spanien Ende 1938. Als letzte Einheit verließ U-35 El Ferrol am 5. Januar 1939 in Richtung Brunsbüttel.

Hitler empfing Anfang Juni 1939 in der Reichskanzlei „verdiente“ Spanienkämpfer der Wehrmacht, unter ihnen den „erfolgreichen“ einstigen Kommandanten von U-34, Kapitänleutnant Grosse, dem er das Spanienkreuz in Gold verlieh! Wofür, das erfuhr niemand. Die deutsche Marinegeschichtsschreibung klammerte bewußt diesen Vorgang aus, und die Memoirenschreiber verdrängten die Wahrheit oder leugneten sie. Die Versenkung des spanischen U-Bootes C-3 – noch vor dem Terrorangriff auf Guernica – war das erste Kriegsverbrechen der Wehrmacht, ein vulgärer, brutaler Akt, den man seekriegsrechtlich verkürzt – auch nach damaligem Sprachgebrauch – als „Piraterie“ bezeichnen muß.

Vierundvierzig junge spanische Seeleute, die den Deutschen nichts getan hatten, wurden von U-Boot-Fahrern, die ihre Opfer nicht kannten, hinterrücks ermordet. Auf Befehl nationalsozialistischer Marineoffiziere, die alle ein hohes Alter erreichen sollten: Der damalige Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Dr. h. c. Erich Raeder, wurde 84, sein Nachfolger, Großadmiral Karl Dönitz, 89 und Generaladmiral Hermann Boehm 88 Jahre alt. U-Boot-Kommandant Harald Grosse jedoch, der damals den tödlichen Torpedo feuerte, ist im Alter von 34 Jahren als Korvettenkapitän und Kommandant von U-53 gleich auf seiner ersten Feindfahrt gegen England im Februar 1940 gefallen. Der Kommandant von U-33 hingegen, Kurt Freiwald, überlebte den Zweiten Weltkrieg. Zunächst machte er Karriere als Adjutant der Oberbefehlshaber Raeder und Dönitz. Im August 1943 übernahm er das Langstrecken-U-Boot U-181 und führte Handelskrieg im Indischen Ozean. Nach der deutschen Kapitulation wurde sein Boot in Djakarta von den Japanern übernommen. Freiwald begann dann in den fünfziger Jahren eine zweite Karriere in der Bundesmarine und brachte es dort zum Flottillenadmiral und Kommandeur des Marineabschnitts Nordsee.

Nach seinem Ausscheiden aus der Bundesmarine korrespondierte ich mit ihm 1965 über den heimlichen Einsatz der beiden U-Boote im November 1936. Zunächst sprach er nur vage von einem „Sondereinsatz“, über den es keine Unterlagen mehr gebe, dann von „Übungsfahrten“. U-33 und U-34 hätten „unter deutscher Flagge“ (!) einen Aufklärungsauftrag in spanischen Gewässern durchgeführt, der zugleich eine „kriegsmäßige Erprobung“ sein sollte. Freiwald hat bis zu seinem Tode (1975) seine Beteiligung an einem Kriegsverbrechen nicht zugeben mögen.

Auch die in Nürnberg als Hauptkriegsverbrecher abgeurteilten Großadmiräle Raeder und Dönitz nahmen ihr Spaniengeheimnis mit ins Grab. Ihre moralischen und ethischen Bedenken hatten sie schon drei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkrieges fallenlassen. In der Ehrengalerie der deutschen Marine haben sie nichts zu suchen.