Hessen 3, Sonntag, 8. Dezember, 20.00 Uhr; Eins Plus, Mittwoch, 25. Dezember, 19.15 Uhr: "Horst Stern – die ermüdete Wahrheit"

Horst Stern, heißt es in diesem Film, habe Fernsehgeschichte gemacht, und doch sei es ihm um ganz anderes gegangen. Vielleicht hat er Fernsehgeschichte gemacht, weil es ihm nicht darum ging. Es scheint jedenfalls, daß er eine Zeitlang an das Medium als Mittel der Kommunikation geglaubt hat und mit aller Energie mitzuteilen suchte, was ihm mitteilenswert war. Er hat ins Medium Fernsehen die Hoffnung gesetzt, daß es mehr sei als ein Mittel der Unterhaltung, daß man mit Fernsehen die Welt ein bißchen ändern könne.

In den Siebzigern, als das Fernsehen noch an sich glaubte, als es experimentierfreudig und in einer Weise kritisch war, die heute naiv anmutet, hatte Horst Stern seine Sendereihe in der ARD. "Sterns Stunde" war dem Verhältnis von Mensch und Natur gewidmet. Keine Lieblingstierfilme, sondern genau recherchierte Reportagen aus dem Alltag, die abwechselnd bei den Jagdgesellschaften, den Alpenhotelinnungen, den Haustiervereinen, der Pharmaindustrie wilde Proteste auslösten. Horst Sterns Filme hatten so große Wirkung, weil sie nüchtern und genau waren, ganz unpolemisch die nackten Tatsachen nackter, uns ausgelieferter Kreaturen ins Bild setzten, daß den sensibleren Zuschauern das Abendbrot hochkam.

Große Wirkung bestätigt ihnen auch der verantwortliche Intendant, der von Waschkörben voller Zuschauerpost berichtet ... Wirkung? Wenn jemand nach einer Fernsehsendung einen Brief ans Fernsehen schreibt, nennt man das beim Fernsehen Wirkung. Andere Indizien gibt es kaum. Das Fernsehen ist kein Medium, mit dem man sich als Aufklärer, Ankläger, Prediger, geschweige denn als Gesprächspartner in die Wohnstuben fremder Leute begeben könnte. Der Fernseher ist ein Kasten, den man sich für sein teures Geld angeschafft hat. Er dient dazu, den Gefühlshaushalt zu komplettieren.

Das engagierte Fernsehen der Siebziger wirkt heute auf rührende Weise imposant, es war ein Mißverständnis.

An dem Mißverständnis, seine Wahrheit medial verbreiten zu können, ist Horst Stern ermüdet. Auf dem Höhepunkt seiner Fernsehkarriere hat er aufgegeben: "Die Wahrheit ist immer ganz einfach, aber man hat sie so oft gesagt, und es hat nichts bewirkt, daß sie an sich ermüdet ist."

Der Film von Ulli Pfau stellt diesen ehrlichen Mann und seine Reportagen erstaunlich illusionslos dar. Es gibt prominenten Widerspruch, der die Langzeitwirkung der Sternschen Mission auf unsere politische Willensbildung behauptet, aber im Konterschnitt auf die nüchterne Selbstdarstellung Sterns nur gut gemeint wirkt. Stern: "Ich war ja geduldig, über zehn Jahre hab’ ich ja Geduld bewiesen. Aber irgendwann kommt man an den Punkt, wo man sich fragt: Wie lange soll die Natur eigentlich noch warten, und worauf soll sie eigentlich warten ..."

Der jetzt vierzigjährige Ulli Pfau hat einige wichtige Reportagen gedreht – ja, es gibt, auch wenn das paradox klingt, wichtiges Fernsehen –, und ich frage mich, wie er nach der Begegnung mit diesem "Mann der Fernsehgeschichte" weitermachen will. Martin Ahrends