Es gibt Gebrauchsgegenstände, die man hat, aber vergißt, weil man sie nicht gebraucht. Die Arbeit, die zu verrichten oder zu erleichtern sie doch erfunden worden sind, läßt sich ja auch ohne sie erledigen, wie schlecht, wie grob, wie verdrußvoll auch immer. Zum Beispiel die Arbeit, Briefe zu öffnen. Fast jeder hat einen Brieföffner, fast niemand benutzt ihn. Wohin, zum Kuckuck, hat man ihn verlegt? Wo, zum Teufel, steckt er? Und was nun?

Nun behilft man sich mit dem, was einem gerade in die Hände fällt, irgendeinem Messer, irgendeiner Schere, mit einem Löffelgriff, einer Stricknadel – oder, sei’s drum, mit einem Bleistift, einem Kugelschreiber, mit dem Zeigefinger, man zwängt ihn in eine angerissene Ecke des Kuverts und reißt es auf. Ratsch! Ratsch! Alle kennen den Effekt: Der Briefumschlag ist offen, man kommt an seinen Inhalt heran, zerrt ihn heraus. Doch die Absendernotiz ist zerfetzt, unleserlich, zu entziffern nur, wenn man den Rand restauriert, etwas, das ungleich lästiger ist als das Flicken eines zerstückelten Geldscheins. Pest und Hagel, wo ist der Brieföffner!

Der Brieföffner gehört zu den Dingen, die man sich selber niemals kauft, sondern sich schenken läßt. Kauft man ihn tatsächlich, dann, um ihn jemandem zu schenken – der Redakteur seiner Sekretärin, der Sohn dem Vater, die Mutter der Tochter, die Freundin dem Freund, der Ehemann der Ehefrau sowie umgekehrt. Der Brieföffner gehört zu den ergiebigsten Verlegenheitsgeschenken. Und merkwürdigerweise auch zu den reizvollsten: Wie viele Formen, wie viele Farben, wie viele Dekors, aus was alles für Stoffen!

Denn die Gestalter sind unermüdlich im Neuerfinden des ewig gleichen Gegenstandes – was man besonders zur Adventszeit zu beobachten die Gelegenheit hat, in Kulturhäusern, Volksbüchereien, Rathausvestibülen, in Kunst- und Gewerbemuseen, wo das Kunst-Handwerk seine Märkte aufzuschlagen liebt. Und niemals, nicht wahr, erfreut sich das Geld einer so aufgeräumten Stimmung in den Portemonnaies wie gerade jetzt, was auch sehr erfreulich ist. Denn die vielen schönen Sachen haben ihren gerechten Preis, darunter: der Brieföffner.

Es gibt ganz zauberhafte Exemplare, Meisterwerke der Handwerkskunst aus allen Stilepochen, phantasievoll die Griffe, geschmeidig die Klingen, Doch da sind zwei, die mir nahe sind. Der eine, ein Mitbringsel aus Silber, der Griff ein aus einer Kogge gebildetes Ornament, die längliche Klinge ganz dünn; darin ist ein langes Stück wie eine Zunge eingeschnitten. Sie legt sich, sobald die Klinge in den Briefumschlag gedrungen ist, oben, darauf, der guten Führung wegen.

Der andere: aus dem Holz der kubanischen Kokospalme geschnitten, spiegelglatt geschliffen, etwa eine Handspanne lang, an der gerundeten Seite fast unsichtbar, aber merklich geschärft, daß die Schneide wie von allein schneidet. Einmal in der Hand, legt man ihn ungern wieder beiseite: Diese einfache Form, schlank wie ein fliegender Fisch! Dieses warme, leuchtende Braun des Holzes und seine temperamentvolle, reizende Wirbel bildende Maserung! Diese harmlose, erstaunlich wirksame Schärfe!

Und er faßt sich so gut an. Aber das ist es wohl, diese durch Schönheit gesteigerte Nützlichkeit, die ihn so unwiderstehlich macht; daran liegt es, daß er wirklich und wahrhaftig gebraucht wird, täglich, und mit Lust. Sofern man ihn nicht, Teufel auch, verlegt hat.