Für Lothar Späth und einige seiner Minister war Politik die Fortsetzung der Wirtschaft mit anderen Mitteln

Von Rainer Frenkel

Für einen Tag war Lothar Späth heimgekommen in sein Reich. Der Mann, der gegenwärtig sich bemüht, für reichlich 3,5 Milliarden Mark öffentliche Gelder die Jenaer Jenoptik GmbH zu retten (wofür er, wie diese Geschichte zeigen wird, geeignet ist wie kein zweiter), dieser Mann hatte sich seiner Vergangenheit zu stellen.

Blaß sitzt er im Stuttgarter Landtag auf dem Zeugenstuhl; befragt von Mitgliedern des Ausschusses, der untersuchen soll, ob sich der frühere Ministerpräsident und seine Regierung abhängig gemacht haben von den Interessen der Wirtschaft und ob die Justiz des Landes mit Prominenten nachsichtiger verfuhr als mit kleineren Sündern.

Lothar Späth hat eine Erklärung vorbereitet, eine wolkige Verteidigungsrede, fahrig verlesen. Er sagt, manches müsse "sicher kritisch betrachtet werden". Doch er beantwortet dem kritischen Betrachter nicht eine Frage. Er meint, die Parlamentarier müßten doch sehen, daß er "keine schwerwiegenden Mißstände verursacht" habe. Er fordert sie auf: "Denken Sie in einer ganz stillen Stunde doch mal nach." Und hinterläßt doch nur die Vermutung, ihm selbst habe "die ganz stille Stunde" arg gefehlt.

Denn das, was der Ausschuß in neun Monaten ans Licht gezerrt hat, ist nicht mehr mit gespielter Naivität und praktizierter Selbstgerechtigkeit ins Dunkel zurückzukehren. Und wenn einer wirklich anfängt nachzudenken, muß er erschrecken über eine üble postindustrielle Connection. Ihr Wirken zum gegenseitigen Nutzen dem Zufall zuzuschreiben will einfach nicht gelingen.

Zum Verhängnis wurde Lothar Späth seine Lust, im Kreise und meist auf Kosten seiner Freunde zu reisen. 550mal hat er sich in seiner Amtszeit, ganz oder teilweise dienstlich, ein Flugzeug genommen. Dazu dreißigmal ganz privat. Dabei nutzte er das Gerät der als Luftlinien weithin unbekannten Firmen Daimler-Benz, Bosch, Burda, SEL oder Fürst zu Fürstenberg. Und später noch die Blendax-Maschine seines Freundes Lothar Strobel, der eine Hauptrolle spielt in dem Stück. "Ich bin geflogen mit dem, was da war", sagt er. Daß diese, hoffentlich gedankenlos geübte, Praxis allgemein illegale und speziell fragwürdige Elemente enthielt, das will Späth nicht begreifen.