Hier eine Salbe, um die Haare blond werden zu lassen: Nimm das Herz der Holunderrinde, Blüte von Ginster und Safran sowie Eidotter; koche alles in Wasser, fang den Schaum, der dabei nach oben kommt, auf und reib die Haare damit ein", so rät eine gewisse Trotula, die vermutlich im 11. Jahrhundert gelebt hat, in ihrer Schrift "De ornatu", in der sie allerlei Rezepte und Tips zur Körperund Schönheitspflege zusammengestellt hat. Sie gehörte zum Umfeld der Medizinschule von Salerno und verfaßte die wohl erste systematische Schrift zur Frauenheilkunde. Trotula ist eine der acht Frauen aus dem Mittelalter, die in diesem Band porträtiert werden. Den Reigen eröffnet Egeria, eine Pilgerin und Chronistin aus dem 4. Jahrhundert. Es folgen Baudonivia, die zu den ersten erfolgreichen Autorinnen einer Heiligen Biographie zählt und die das Leben der Radegunde einfühlsam und anteilnehmend beschrieb; Dhuoda, eine Vertreterin des Adels, fürsorgliche, liebende Mutter, die für ihren Sohn in der Fremde ein "Handbuch mit Lebensregeln" anfertigte, in dem weltliche und geistliche Wertvorstellungen zusammenflössen; Hrotsvith von Gandersheim, selbstbewußte Dichterin des 10. Jahrhunderts; Heloise, leidenschaftliche, kluge Geliebte des Abaelard, die eine der ersten "intellektuellen" Frauen des Mittelalters genannt wird; Hildegard von Bingen, die im 12. Jahrhundert Bücher über medizinisch pharmazeutische, philosophische und astrologische Themen schrieb; und die einflußreiche Mystikerin Katharina von Siena, die im 14. Jahrhundert wirkte.

Die Autoren dieses Bandes, drei Wissenschaftler und eine Wissenschaftlerin aus Italien aus den Bereichen Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie, stellen uns diese herausragenden, gebildeten Frauen vor, stellvertretend für die zahllosen anderen namenlosen. Die von diesen acht Frauen verfaßten Schriften und Dichtungen spiegeln ihre Gefühle, Einsichten, Hoffnungen, Ängste, Freuden und Schmerzen. Wir erleben sie verständnisvoll, anklagend, hartnäckig und duldsam. In diesem Band kommen — anders als in zahlreichen Veröffentlichungen, in denen vor allem über die Frauen des Mittelalttrs berichtet wird — die Frauen selbst zu Wort. Der Herausgeber, Ferruccio Bertini, Professor für mittellateinische Sprache und Literatur an der Universität Genua, schreibt in seinem Vorwort, er wolle "den Frauen dieser Zeit ihre Stimme wieder zurückgeben". Gut so, denn sie haben viel zu sagen. Gisela, Heitkamp , Acht Frauenporträts aus dem Mittelalter; C H. Beck Verlag, München 1991; 259 S , Abb, 39 80 DM