Nach über tausend Jahren entsteht die Ukraine neu, die Union geht zugrunde

Von Christian Schmidt-Häuer

Die Ukraine, das Land der konservativen Rebellionen und der nie geglückten Staatsgründungen, ist seit Wochenbeginn Europas vierte Atommacht. Über neunzig Prozent der Wähler zwischen Jalta und Tschernobyl, Pripjet-Sümpfen und Schwarzmeerstränden haben sich für den Exodus aus der ehemaligen Sowjetunion entschieden. Selbst die elf Millionen Russen und die vormals russische Halbinsel Krim stimmten mit Mehrheit für die ukrainische Unabhängigkeit; überwältigend sogar die Schwarzmeerflotte und die Soldaten aller Völker.

Europa gewinnt einen Großstaat hinzu von der doppelten Ausdehnung Deutschlands und fast der Einwohnerzahl Italiens. Seine antisowjetischen Emotionen sind historisch berechtigt, seine nationalen Ambitionen begreiflich, seine wirtschaftspolitischen Illusionen beklemmend. Die Ukraine ist ein Montanland im Osten mit heilloser Strukturkrise und Umweltverpestung, eine nur noch in der Legende fortlebende "Kornkammer" mit verstrahlten und versalzenen Böden im Westen. Ihre Grenzen sind umstritten; ihr lateinisch-orthodoxes Gefälle von Lemberg bis Lugansk erinnert an Jugoslawien. Doch Moskau verliert mit Kiew die Wiege der ostslawischen Gemeinschaft: rund fünfzig Millionen Slawen, die Grenzen zu Ost-Mitteleuropa, die Ferienkolonien und die wichtigsten Häfen am Schwarzen Meer.

"Was ist die Union ohne Ukraine?" fragte Boris Jelzin schon vor der Abstimmung und übernahm in Moskau den Haushalt der bankrotten Union. Rußland bezahlt nun die Rechnungen der insolventen Zentralregierung, Rußland bestellt die Musik. Es ist der Grabgesang für die Union. Die Abspaltung der Ukraine und die finanzielle Auszehrung des Zentrums bedeuten ihr Ende. Die Union ist nun klinisch tot.

Michail Gorbatschow muß sich nun in den Dienst der Lebenden stellen. Er kann nur noch zwischen den unabhängigen Republiken vermitteln und die drei wichtigsten Integrationsfiguren mit seinem Rat stützen: Boris Jelzin und die beiden am Sonntag mit eindrucksvollen Mehrheiten gewählten Präsidenten der Ukraine und Kasachstans, Leonid Krawtschuk und Nursultan Naserbajew.

Chaos statt Freiheit