Ob himmelblau oder nebelgrau – die von „Glas-Walter“ gefertigten Puppenaugen sind stets Unikate

Manche sind schon aufgestanden und rausgegangen. Denen wurde reichlich sonderbar bei dem, was Herr Hartung tut: Augäpfel aufblasen, daß sie erst klar und dann wieder milchig werden. Dieser lebendige rote Reif um die Iris, der von tausend Grad im Innern spricht, der Balken, der sich einbohrt, und dann das Zupfen mit der Pinzette vorn, da, wo man auch selbst hinausguckt – es gibt Grenzen.

Walter Hartung, 53 Jahre alt, der sich Glas-Walter nennt, sieht das nicht so empfindlich, wie könnte er auch. Er braucht nach Jahrzehnten der Praxis nicht einmal einen Spiegel auf dem Tisch, um zu kontrollieren, was sich am Ende des rotierenden feinen Glasröhrchens vor seinem Mund tut. Er macht Augen – handgefertigte, menschenähnliche Kristall-Puppenaugen.

Auf seinem runzeligen, glattgegriffenen Arbeitstisch mit dem lodernden Gasbrenner steht ein Lochbrett, aus dem ihn himmelblaue, haselnußbraune, nebelgraue und moosgrüne Stieläuglein anschauen. „Achtzig Prozent der Lebensechtheit einer Puppe hängen von ihren Augen ab“, erläutert Walter Hartung. In ihnen soll sich das Licht ganz so wie im menschlichen Auge brechen. Deshalb verachtet Glas-Walter zum Beispiel maschinengefertigte, massive Glasaugen. Hohl muß das Auge sein, mit einer festen Linse, die in fünf Schichten von zusammen sieben Millimetern aufgetragen wird. Und das geht so: Aus einem weißen Glasrohr wird eine Kugel von sechzehn Millimetern geblasen. Ein von einem farbigen Glasstab abgetrenntes Plättchen wird in der Mitte aufgeschmolzen. Darüber kommt eine Schicht Fädelglas, das die Strahleniris ergibt. In deren Mitte tupft der Meister den schwarzen Pupillenpunkt, ebenfalls von einem Stab, um am Ende noch eine Linse aus Kristallglas darüberzuschmelzen. Danach gibt Walter Hartung das Auge in einen Ofen, gewissermaßen zur Entspannung von 1000 auf 450 Grad.

Gelernt hat er diese Kunst in Thüringen, ebenso wie das Blasen von Christbaumkugeln, Tannenzapfen, Schmuck und gläsernen Apparaten. Und von dort kommen auch die langen Holzkisten mit dem DDR-Aufdruck und den Bündeln farbiger Glasstäbe, die dem Besucher der Werkstatt ein wenig den Eindruck vermitteln, er befinde sich auf einem Schiff irgendwo zwischen Stauraum und Einzelkabine. Im Flur des Hauses in der Marburger Altstadt zischt unaufhörlich ein Kompressor. Auf Sesseln stapeln sich Kartons mit ungebrannten Porzellanköpfen, auf dem Sofa liegen Plüschtiere. Walter Hartung sagt, daß er sich weder eine Sekretärin noch einen Lehrling leisten könne, „dann würden wir beide nicht mehr satt“. Folglich gibt es auch keinen, der seine Arbeit der Augenbläserei irgendwann einmal fortführen könnte. Was schon insofern traurig ist, als es weltweit gerade noch 27 Augenbläser geben soll.

Vierzig Mark kostet ein Augenpaar, für dessen Produktion Walter Hartung rund 45 Minuten veranschlagt. Aber nicht jeder Tag sei gut zum Arbeiten. „Wenn man immer auf diese Punkte guckt, wird man ja wahnsinnig.“ Da gibt es keine künstlerischen Freiheiten: drehen, drehen. Jedes Auge ist wie das andere, mal blau, mal braun. Schielen, ein blutunterlaufener Katerblick, verdächtig erweiterte Pupillen – das fliegt gleich in den Ausschuß. Aber noch stehen sie fest in ihrem Lochbrett und folgen ihm nicht, wenn er durch das Zimmer steigt – die Brille auf der Nase. Seine Augen allerdings hat sich Glas-Walter längst verdorben. Aus einem kleinen Vertiko holt er Paperweights: Blüten aus betautem Samt, Feuerwerksspuren. „Elli“ steht in einem, wie aus Diamantkordel gewunden.

Es hat nichts mit Puppenliebe zu tun, sondern mit der Ausweitung des Geschäfts, daß er mit einem Kollegen einen – mit „Glas-Walter“ signierten – Kopf entworfen hat, der in den Puppenbastei-Seminaren und Werkstätten, an die er seine Augäpfel verkauft, bemalt und ausstaffiert werden kann, lieferbar als Set: Kopf, Hände und Augen. In dem Geschäft mit Reproduktionspuppen und ihren Teilen sind sich viele nicht wohlgesinnt. Auf jedem alten Babyface ruht ein Copyright. Niemand bringt ungestraft eine Crescent Bru, eine Heubach Pouty oder ein Bébé Jumeau auf den Markt. Also haben Hartung und Partner sich ein neues Gesicht mit dem alten Ausdruck erstaunter Unschuld einfallen lassen.