Sehr merkwürdig, daß man ausgerechnet in diesem Buch, das "Berlin in Bildern" darbietet, auf Goethe stößt. Es lebe, wie er an allem merke, "dort ein so verwegener Menschenschlagbeisammen, daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern daß man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muß, sich über Wasser zu halten". Manche, wie der Schriftsteller Karl Scheffler, kannten Berlin in- und auswendig und schafften es nicht, es zu lieben, schon weil es nie "fertig" werde. Erich Kästner, zugereist aus der Provinz, dichtete über die verstörten Provinzler: "Die Bahnen rasseln. Die Autos schrein Die Häuser funkeln. Die U Bahn dröhnt. Sie sind das alles so gar nicht gewöhnt. Und finden Berlin zu wild Und übertrieben hektisch. Der Berliner, notierte Kurt Tucholsky, habe nie Zeit: "Er hat immer etwas vor, er telefoniert und verabredet sich, kommt abgehetzt zu einer Verabredung und etwas zu spät — und hat sehr viel zu tun. In dieser Stadt wird nicht gearbeitet — hier wird geschuftet Und es scheint, als sei das nie heftiger gewesen als in den Jahren, da es nicht genug Arbeit für alle gab, also zwischen dem Ende des Ersten Weltkrieges und Hitlers Schreckensregime, mitten darin die zwanziger Jahre mit großem Z: als eine Epoche.

Oft und oft ist darüber gehandelt worden — trotzdem ist dieses Buch, das nun rasch den Berlinwind in den Segeln der Verlage nutzt, ein Gewinn: der mehr als dreihundert Photographien wegen, die es (mit auffallend präzise informierenden Texten) ausbreitet, und wegen der Essays von Thomas Friedrich, die ihnen erst zu ihrer dokumentarischen Lebendigkeit verhelfen. Diese geschickt gegliederten Texte sind nicht nur kenntnisreich, sie sind auch so temperamentvoll geschrieben, daß sie den Eindruck erwecken, man erfahre lauter spannende Neuigkeiten. Für viele sind es auch Neuigkeiten, die zu erfahren hilfreich ist — besonders jetzt, da dauernd von Berlin die Rede ist und da bei allen aktuellen Erwägungen, Hoffnungen, Planungen am liebsten das brausende Berlin der zwanziger Jahre beschworen wird. Das war eine rauschhafte, glanzvolle und eine deprimierende Zeit voll wüster Kontraste, aber eben: der seltsame Höhepunkt einer Weltstadt — mit Weltmännern und Biedermännern, Laubenpiepern und Spekulanten, strahlenden Stars und hungrigen Straßenkindern. Hübsch anzusehen, die schicken Damen beim Mode Renntag 1930 — und von greulicher Ironie der Spruch in der Kochecke eines vergammelten Notquartiers: "Durch der Reue niederes Tor Wandern wir zum Glücke".

Eines der Photos zeigt eine Streikversammlung im U Bahnhof Gleisdreieck, es zeigt den Bahnhof von innen. Daß er eine seltsame Berliner Berühmtheit war, entnimmt man einem Photo des im Berlinboom wiederentdeckten Max Missmann von 1927, gedruckt in dem Band "Bahnhöfe in Berlin": ein "Turmbahnhof", die Gleise in zwei Etagen. Das also gibts immer noch: neue, nie gesehene alte Bilder, deren Sujet manchmal staunen macht — zum Beispiel die Meisterschaft, mit der die Bahnhöfe ins Stadtbild integriert worden sind, und die Meisterschaft des Bahnhofsbaus. Und hier findet man nun auch das Bild, das den berüchtigt berühmten Potsdamer Platz endlich einmal nach Süden zeigt: mit dem Potsdamer Bahnhof, Richtung Landwehrkanal — und rechts, also demnächst, Mercedes und Sony Wie das wohl wird? Manfred Sack Wilhelm Heyne Verlag, München 1991; 240 S , DM Photographien von Max Missmann 1903 bis 1930; Argon Verlag, Berlin 1991; 96 S , DM