Im Angesicht der Pol-Pot-Massaker haben Menschen ihr Augenlicht verloren

Von Patrick Cooke

Manchmal hört Chhean Im nachmittags die Kinder auf ihren Rädern an ihrem kleinen Haus vorbeisausen, oder der Postbote klopft, und sie wittert draußen Mord. Der Postbote macht natürlich bloß seine Runde. Die Kinder radeln lachend vor zur Anaheim Street – vorbei an leeren Autowracks, vorbei an der rostigen Waschmaschine, die jemand auf die Straße gekippt hat. Drinnen im Haus hockt sich Chhean Im, Überlebende der Massaker in Kambodscha, ganz klein hinter die Sofakissen und wartet darauf, daß etwas Furchtbares geschieht. „Sie haben meine Familie umgebracht, sie haben meinen Bruder verschleppt“, sagt sie. „Sie suchten ständig nach einem Grund, uns umzubringen.“

Wir sitzen im Schneidersitz auf dem Fußboden im Wohnzimmer, und Chhean Im erzählt mit Hilfe einer jungen Dolmetscherin. Ein Buddha im Schrein und ein paar vergilbte Photos ermordeter Angehöriger schauen von der Wand hinunter auf die Frau, die zart ist wie ein Spinnengewebe.

Chhean Ims Angst vor den Roten Khmer ist in dieser Gegend nichts Besonderes. In den USA leben über 170 000 kambodschanische Flüchtlinge, die Hälfte von ihnen in Los Angeles und Umgebung und davon wiederum die meisten im sogenannten Little Phnom Penh, einer Enklave in Long Beach. Was Chhean Im auszeichnet, ist die Tatsache, daß sie zu fast hundert Prozent blind ist, ihre Augen aber organisch gesund sind.

Ihre Blindheit ist psychosomatisch oder hysterisch bedingt. Vor sieben Jahren wurden ansässige Augenärzte darauf aufmerksam, daß viele der weiblichen Flüchtlinge in Little Phnom Penh, von denen die meisten Anfang der achtziger Jahre in die USA gekommen sind, unter gravierenden Problemen mit den Augen litten. Chhean Im ist eine von etwa 150 Frauen, die beinahe oder ganz erblindet sind.

Chhean Im war 47 Jahre alt, als die kommunistischen Streitkräfte Pol Pots am 17. April 1975 die Macht an sich rissen. Bis dahin, so beharrt sie, waren ihre Augen sehr gut. „Die Roten Khmer ordneten an, daß alle in ihre Heimatdörfer zurückmußten“, entsinnt sie sich, zusammengesunken auf der Ecke einer langen Strohmatte sitzend. „Ich kehrte heim in mein Dorf bei Battambang. Sie zwangen mich zur Feldarbeit. Mein Dorf war ein Arbeitslager geworden.“