Ein Mann betritt ein Zimmer. Auf dem Bett liegt eine weibliche Leiche, blutig-verstümmelt. Der Mann, vom schrecklichen Bild überwältigt, rennt aufs Klo und kotzt ins Becken. Dabei ist der Mann ein Kerl, ein Hüne, ein Koloß. Und wahrscheinlich ist er sogar ein Killer. Wahrscheinlich hat er selber das Fräulein vom Leben zum Tpde befördert. Aber den Anblick des Grauens kann er nicht ertragen.

So sensibel können die Schlächter sein, wenigstens in Joel und Ethan Coens Meisterwerk "Barton Fink". Wir wären da nicht so empfindsam. Unser Leben ist schließlich kein Kino.

Wir, die deutsche Vorweihnachtsfamilie, wir sehen ja nun tagtäglich die Toten, täglich neu in der Tagesschau. Geschlachtete Kinder, massakrierte Greise, gelynchte Soldaten. Anfang dieses Jahres, beim fast schon vergessenen Golfkrieg, waren wir noch irgendwie gelähmt vor Entsetzen – überwanden unsere Lähmung allerdings schnell, indem wir unsere Augen vom blutigen Kriegsschauplatz abwandten und uns dem viel interessanteren Ersatzkrieg unter den deutschen Intellektuellen, all den glanzvollen Wortvernichtungsschlachten zwischen Pazifisten und Bellizisten widmeten.

Die Toten in diesem Advent, die Toten vom Balkan, leider, geben für solch furiose moralische Schaukämpfe nicht viel her – weil auch das schärfste Auge bei diesem wahrhaft absurden Massaker eine "Moral" nicht entdecken kann, jedenfalls nicht auf der Seite der Täter. Die Opfer können wir ohnmächtig oder pflichtschuldig betrauern – "diskutieren" kann man über sie nicht. Weshalb sich der deutsche Vorweihnachtsmensch vom täglichen Blutbad auch nicht wirklich in seinem Vorweihnachtsmenschsein beirren läßt.

Keiner von uns (oder doch?) rennt kotzend aufs Klo, wenn Frau Berghoff oder Herr Hahne die neuesten Horrorbilder präsentieren. Alles geht, kaum gestört, adventlich seinen Gang: Vater gießt sich noch ein Gläschen Verpoorten ein (den mit der Frischei-Garantie), Mutter übersteht ihren ersten Vorweihnachtsnervenzusammenbruch, Sohn traktiert fröhlich sein Videospiel, Tochter lustlos die Blockflöte. Es ist also dieses Jahr genau wie jedes Jahr. Und natürlich gehören zur Liturgie bitter-routinierte Betrachtungen darüber, daß es auch in diesem Jahr ist wie in jedem anderen; Wehklagen über den irrwitzigen Widerspruch zwischen dem Weltzustand und unserem alljährlichen Kinder-, Zauber- und Märchentheater mit dem Titel "Weihnachten".

Er trügt, der fromme, der holde Schein. Denn beschaut man sich unser Vorweihnachtstreiben genauer, dann kommen Jahr für Jahr die kriegerischen Züge der friedevollen Zeit gemeiner ans Licht. Das Gewühle auf den Straßen, das Geschubse auf den Rolltreppen, die Rempeleien an den Kassen, die Panik der Käufer, die Zerrüttung der Verkäufer – sind das nicht alles Szenen eines gesamtdeutschen Bürgerkleinkrieges, entfesselt ausgerechnet zum Fest der Liebe?

Harmlos scheinbar fängt es in diesen Tagen an, mit den sog. Weihnachtsfeiern in den Betrieben – wenn wir richtig recherchiert haben, ist es der einzige tiefere Sinn dieses Rituals, neue Feindschaften zu stiften und alte zu vertiefen.