Kein zweiter Text hat die deutschsprachige Moderne nachhaltiger geprägt als Dostojewskijs seit 1882 übersetzter "Schuld und Sühne" Roman. Liebten die Naturalisten noch vorwiegend dessen pathologische Psychologie und die Vernetzung der Figuren ins "Milieu", entdeckte die Jahrhundertwende vor allem den Typus des philosophischen und religiösen Verbrechers. Unter diesem Einfluß wurden viele Buchentwürfe umgedichtet, manche Kolportage vorgelegt. Allein den zwanziger Jahren blieb "es vorbehalten, einen ganz eigensinnigen, spezifisch deutschen "Schuld und Sühne" Roman hervorzubringen, einen expressionistischen "Raskolnikow": die Beschreibung eines abstrakten Verbrechers ohne "schlechtes Gewissen". Verfaßt hat ihn der Wiener Schriftsteller, Aktivist und Verleger Robert Müller (1887 bis 1924), damals von Musil, Döblin und Hesse als Ausnahmetalent und Wegbereiter einer neuen Sprachkunst gefeiert, heute nahezu vergessen. Genannt hat er ihn "Camera obscura", angesiedelt in einer nicht allzu fernen Zukunft: wohl vor allem deshalb, weil ihm seine phantastischen Gedanken ebenso aktuell wie für die österreichische Gegenwart zu avantgardistisch erschienen. Tatsächlich zerstört der visionäre Blick der "Camera" jede bürgerliche Idylle. Zur Jahrtausendwende, so heißt es, haben Technik und Fortschritt die Großstadt zur perfekten Maschine versches Biedermeier" — materielle Armut ist zum Preis gesellschaftlicher Paralyse besiegt: "Oberflächliche und hübsche Dinge erfreuten die zu einem braven festen Glücke gekommenen Massen Aber schon formiert sich Widerstand; eine Gegengesellschaft entsteht, die ihr Recht auf geistige Vervollkommnung einklagen will: eine neue Generation von Kriminellen inmitten kleinbürgerlicher Beschaulichkeit. Der Kriminelle aus Langeweile und aus Leidenschaft.

Diese Entwicklung hat der Forscher und Abenteurer Jack Slim, Verfechter einer neuen, auf Autosuggestion beruhenden "sozialen Theorie", fünfzig Jahre zuvor (also um 1950!) vorausgeahnt. Und wirklich vollzieht sich in seinem Beisein in Oaxa, der "damals modernsten europäischen Stadt", ein unverschämtes theoretisches Verbrechen. Ein hochrangiger Diplomat wird in seiner Wohnung auf mysteriöse Weise erdolcht. Ein Privatdetektiv erscheint, der diesem Mordkomplott mit einem innovativen "subjektiven Verfahren" der Ermittlung beizukommen sucht. Ein Duell der Ideen entbrennt. Oder täuscht man sich? War alles nur ein plumper Gattenmord? Hat sich der Diplomat am Ende gar (im Fieberwahn?) selber das Leben genommen?

Robert Müller bietet keine letztgültige Lösung an; zu unwichtig ist ihm die Darstellung des konkreten Falles. Statt dessen lädt er den Leser zu einem kriminalistischen Verwirrspiel ein, spielt meisterhaft mit Raum und Zeit. Wie die Bildplatten einer Camera obscura, "Symbol eines hirnlichen Prinzips", stehen die Kapitel, scheinbar ohne Bindung, beieinander. Dem Leser bleibt es überlassen, die vielen Wirklichkeiten zu ordnen. Der Detektiv muß aufgrund der neuen kriminellen Energien zu "einer Art Dichter" werden. Die polyphone Struktur der "Camera" erfordert einen neuen, von Jack Slim "aktivisiert" genannten Leser, der als "Partner" des schöpferischen Dichters fungiert und alle Schichten dieses komplexen Kunstprozesses selbst auszuführen vermag. Denn für Müller ist die äußere Wirklichkeit immer nur das Negativ des Geistes, das menschliche Gehirn die Dunkelkammer: "Man muß die Welt entwikkeln wie eine Photographie, ganz hinter der roten Scheibe, mit Zuhilfenahme der Essenzen Dann erst verlieren die Dinge ihre Oberfläche, und ihr Wesen wird sichtbar. Ein Verbrechen ganz aus Sprache soll entstehen, ein Verbrechen aus nichts als Dichtung.

Gemeinsam mit dem (ebenfalls im Igel Verlag erschienenen) Epos "Tropen. Der Mythos der Reise" (1915) — laut Musil "eines der besten Bücher der neueren Literatur überhaupt", das es unternimmt, expeditiv ins triebhafte Dickicht des inneren Menschen vorzudringen, um diesen zu erfinden, sind jetzt die zwei wichtigsten Romane des Expressionisten Robert Müller ediert. Wie die — urwäldlichen — "Tropen" und deren Theorie vom "Phantoplasma" ist auch die großstädtische "Camera" vor allem ein großer, vollendeter Wurf. Ob er gedanklich über sein Ziel hinausgeschossen ist, entscheidet jeder für sich allein. Denn selbst Tatsachen beruhen nur "auf Optik und Phantasie".

Robert Müller:

Camera obscura Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Günther Helmes; Igel Verlag, Paderborn 1991; 207 S, 39 80 DM