Im August 1991 erlebte ich in Moskau eine Volkserhebung, die gewaltlos war, aber vor Gewaltandrohung, vor Panzern und waffenstrotzenden Sondertruppen, nicht zurückwich — eine beherzte, wagemutige russische Revolution. Sie brach spontan aus, herausgefordert von einem Versuch der Regierung, die Uhren der Zeitgeschichte zurückzudrehen und das zerfallene Sowjetimperium in altbewährter Macht zu restaurieren. Dieser Versuch wurde bereits seit Jahren vorausgeahnt, vorausgesagt, erwartet. Alt- und Neustalinisten sowie die faschistoiden, sich volkstümlich gebärdenden Ultrapatrioten sprachen öffentlich unverblümt von dem "linksabweichenden" Schwächling Gorbatschow und verlangten nach einer "starken Hand", die den Staat retten solle. Den Putsch zettelten aber nicht diese Schreihälse an, nicht die Vorgestrigen aus dem politischen Abseits, sondern die Spitzenmänner der Staatsmacht (der Präsident des Parlaments, der Ministerpräsident, der Verteidigungsminister, der Innenminister, der Leiter der Staatssicherheit): Die Regierung verschwor sich gegen das von ihr regierte Volk. Diese Paradoxie kann nicht sonderlich überraschen. Die Geschichte der Sowjetunion ist gespickt mit Verschwörungen der Staatsmacht gegen die Nation. Was anders waren die Stalinschen Feldzüge gegen die Bauern, gegen die eigenen alten Genossen, gegen unbotmäßige Intellektuelle?! Sie wurden geheim vorbereitet, rücksichtslos brutal vollführt und danach jedesmal als ein neuer Sieg der einzig gerechten Partei gefeiert. Doch dieses Mal versagten die bewährten Mechanismen. Die Verschwörer erreichten das genaue Gegenteil von dem, was sie beabsichtigten. Sie säten alte, stickige Winde und ernteten einen neuen, erfrischenden Sturm, der die letzten morschen Säulen des Staates umwarf. Das kann ihnen sogar als unfreiwilliges "Verdienst" angerechnet werden; das dummdreiste staatspolitische Spektakel vom 19 bis zum 21. August 1991 löste eine Revolution aus und beschleunigte die Entwicklung, die sonst vielleicht noch mehrere Monate oder Jahre gedauert und unübersehbaren Schaden, auch blutige Opfer verursacht hätte.

Die Revolution kam unerwartet, überraschend für alle Menschen, die ich in diesen Tagen in Moskau gesprochen habe. Es war eine unsagbare, überwältigende Freude, das alles zu sehen, zu hören, zu erkennen: Menschen umringten Panzer und Panzerschützenwagen, diskutierten mit Soldaten, steckten ihnen Butterbrote und Flugblätter zu. Endlose Züge marschierten durch die Straßen mit den Trikolore Fahnen Rußlands, mit den blaugelben der Ukraine, den rotweißroten Belorußlands, immer wieder skandierte Rufe: "Freiheit! Freiheit! — Rußland! — Jelzin! — Nieder mit der KPdSU!" Um das "Weiße Haus" - das Russische Parlament — entstanden Barrikaden und Panzersperren.

Ein Jahr zuvor war ich in Moskau gewesen und hatte meine Heimatstadt so düster gesehen wie selbst in den schwersten Tagen des Krieges nicht. Im Juli 1990 waren mir nur traurige, besorgte, finstere, zornige, wehmütige, verdrossene, gereizte oder auch verzweifelte Menschen begegnet. Es war eine Stadt ohne Lächeln.

Nun aber, nach einem Jahr, sahen die Lebersmittelläden noch trostloser aus; die Menschenschlangen davor waren noch länger geworden. Aber während der Revolutionstage hörte man in den Straßen, besonders an den Barrikaden, immer wieder lautes Lachen. Viele Jugendliche, selbst Punks in ihren bunten Lumpen, aber auch viele ältere Frauen und Männer aus verschiedenen sozialen Schichten diskutierten in kleineren und größeren Gruppen, stritten leidenschaftlich, aber ohne Haß — alle waren sich einig in der Ablehnung der Putschisten, der Junta, der Verschwörer, nur so nannte man in den Straßen die selbsternannte "Notstandsregierung".

"Das ist ein Wunder", hörte ich oft in diesen Tagen von ganz unterschiedlichen Menschen. "Wieder ein russisches Wunder Manche sagten noch: "Wenn es Sacharow doch erleben könnte!" Wunder sind unvorhersehbar. Aber wenn sie schon geschehen sind, kann man wagen, ihre Quellen, ihre Wurzeln, ihre Vorbedingungen nachzuvollziehen.

Andrej Sacharow ist einer der Wegbereiter dieses Wunders gewesen. Das Buch "Mein Leben" ist sein einziges Werk, in dem Autobiographie, Geschichte, philosophische Reflexionen und politische Publizistik ineinandergreifen. Der erste Teil (sechzehn Kapitel) ist hauptsächlich seinen Lehrund Studienjahren gewidmet, enthält aber auch Berichte über seine Arbeit an dem "Produkt"; so wurden von seinen Kollegen die Atom- und Wasserstoffbomben genannt. Diese Erinnerungen schrieb er noch in der Verbannung, es werden keine Ortsnamen erwähnt, weil sie damals noch für geheim galten. Doch die Gestalten seiner Lehrer, Kollegen, Vorgesetzten, das Verhalten der Menschen und ihre Beziehungen zueinander sind plastisch dargestellt.

Der zweite und dritte Teil des Buches (einunddreißig Kapitel) umfassen die Jahre 1965 bis 1989. Ausführlich schildert der Autor die Wende in seiner Weltanschauung: "In den Jahren zwischen 1953 und 1962 war meine Teilnahme an der Entwicklung von Atomwaffen, an der Vorbereitung und Verwirklichung thermonuklearer Versuche von dem schärfer werdenden Bewußtsein der dadurch hervorgerufenen moralischen Probleme b egleitet "