Von Christian Meier

Am Fall des Rektors Fink ist die entschiedene Solidarisierung weiter Teile der Professoren- und Studentenschaft das Interessanteste. Was immer von der Vergangenheit des Rektors zu gelten hat, hier geht es um Gegenwart und Zukunft der Humboldt-Universität. Und dafür ist die Rolle, die Fink seit der Wende gespielt hat, entscheidend.

Die Humboldt-Universität hat in den letzten zwei Jahren immer wieder Schlagzeilen gemacht, weit mehr als alle anderen Hochschulen. Der Grund dafür lag letztlich darin, daß in ihr bewußt ein einzigartiges Experiment gewagt wurde: "Selbsterneuerung mit den vorhandenen Menschen". Die Untragbaren sollten unter den Professoren entlassen werden, die übrigen bleiben. Man wollte einen fließenden, nur etwas beschleunigten Übergang zu etwas Neuem versuchen; fließend, wie es immer an einer Universität im Wechsel von Zu- und Abgang geschieht, beschleunigt eben durch die Reform. Die eigene, von der DDR her bestimmte Identität sollte nicht einfach durch eine westliche ersetzt werden. Der Identitätswandel an der Humboldt-Universität sollte normal und menschenwürdig vollzogen werden, mit Respekt vor Einwänden und Widerständen.

Dieses Experiment verdient grundsätzlich Respekt. Es stieß und stößt aber verständlicherweise auf große Schwierigkeiten. Sind überhaupt, wenn man das alte, starke Potential der Professorenschaft behält, genügend Kräfte vorhanden, die eine gründliche Erneuerung wollen, um das Unternehmen zu tragen? Wieweit dient es der Rettung von Unbelehrbaren, gar von Schuldigen, auch von ungenügend Befähigten? Wird hier vielleicht nur die Verteidigung jedes Fußbreits Boden praktiziert?

Nicht zuletzt erschwert der Rechtsstaat die Reform. Er hat zur Folge, daß manche notwendigen Kündigungen rückgängig gemacht werden mußten, und er stellt immer wieder Waffen für den bloßen Abwehrkampf der Universität bereit. Der angestrebten Reform kann es jedoch nicht dienlich sein, wenn sich in der Universität zu viele zu lange auf Verteidigung einstellen und auf juristische Mittel kaprizieren, wo Vorwärtsdrängen angebracht wäre.

Gewiß, in vielen Bereichen der Universität ist eine Erneuerung gelungen oder zumindest auf gutem Wege. Aber an anderen Stellen steht es dafür um so schlechter. Das alternative Rezept des Berliner Wissenschaftssenators Erhardt geht gleichsam statt von der konkret vorhandenen Universitas der Lehrenden und Lernenden von der Wissenschaft aus. Es hat weniger die Herkunft der Studenten als deren Zukunft im Auge und strebt die Gleichwertigkeit des Studiums und der Abschlüsse mit denen im Westen an. Erhardt versucht mit seinem Konzept auch, den Rang der alten Friedrich-Wilhelms-Universität durch "Rundumerneuerung" wiederherzustellen.

Das ist ein schönes, ein achtbares Konzept, und man läßt es sich auch etwas kosten. Aber die Vorstellungen laufen darauf hinaus, die Humboldt-Universität als Gehäuse zu nehmen, in dem – wie auf der grünen Wiese – eine Universität neu gegründet wird. Doch wenn dann qualifizierte westliche Professoren in bester Absicht, mit der – zum Teil stillschweigenden – Voraussetzung einfliegen, sie brächten nun endlich ernsthafte Wissenschaft nach Ostberlin, kann es allzu leicht dazu kommen, daß sich ein großer Teil der Studenten dagegen sperrt. Unter ihnen sind durchaus auch viele, die die Wende und die Einheit begrüßt (wenn auch selten mit herbeigeführt) haben. Sie sperren sich, weil sie in ihrem Selbstbewußtsein verletzt werden und nicht ganz zu Unrecht fürchten, zu Fremden in der eigenen Universität (wie im eigenen Land) zu werden.