Es ist nicht sicher, ob diese gewaltige Ausgabe der politischen und ästhetischen Schriften die Zahl der Leser von Hans Henny Jahnn erheblich vermehren wird. Die Lesereise durch 2569 Seiten ist ein Abenteuer. Sie kostet Zeit, sie verlangt die Ausdauer, in ein ebenso unwegsames wie erregendes geistiges Gebirge einzudringen, das von den ägyptischen Pyramiden bis zu den skandinavischen Rundkirchen reicht, von der Musik Vincent Lübecks bis zur Schleifenlade im Orgelbau, von der Anatomie Leonardos bis zur Anti-Atom-Bewegung der fünziger Jahre. Wem Jahnn bislang fremd war, dem wird der Mut sinken.

Es ist aber sicher, daß diese Ausgabe zum ersten Mal die Dimension dieses bizarren, genialen Schriftstellers vollständig sichtbar macht. Das ist auch dann ein literarisches Ereignis, wenn es nur wenigen zuteil wird. Dieser Mann, dessen Merkwürdigkeit schon damit beginnt, daß er seine Besonderheit durch das fünffache „n“ in seinem Namen betonte (statt ursprünglich Hans Henry Jahn), gleicht einem jener monströsen und geheimnisvollen Findlinge aus heidnischer Zeit, die wir in nordischen Heidelandschaften antreffen. Natürlich kann man ihm aus dem Weg gehen, wie es bislang zumeist geschah.

Hans Henny Jahnn hat sich einmal, 1946 in dem Vortrag „Gestrandete Literatur“, mit der Frage befaßt, „welche Folgen es hat, daß das Werk großer Dichter, ohne gewirkt zu haben, in die Vergessenheit absinkt“. Er hält es für erwiesen, „daß die Wirkung der Literatur auf die Geschicke der Menschheit unerheblich geworden ist“. Diese Beobachtung macht er wieder und wieder. Sie erfüllt ihn mit Schrecken, denn er ist davon überzeugt, daß der Menschheit nur durch die Kunst zu helfen sei. Deshalb sagt er in diesem Vortrag: „Meine Furcht ist sehr groß, daß die Werke der Genies inzwischen wie ein Wal sind, der in zu flaches Wasser kam und strandete. Mit Entsetzen schaue ich auf das hilflose Tier, und da es sich nicht rührt, fürchte ich sogar, es ist bereits tot, und wir werden demnächst den Geruch merken.“

Die beiden großen Romane, die Höhepunkte seines literarischen Werks, nämlich „Perrudja“ (geschrieben 1922 bis 1929) und „Fluß ohne Ufer“ (1934 bis 1947), sind gestrandete Wale. Aber sie leben noch. Mag sein, daß wir sie eines Tages entdecken. Mag sein, daß wir in Jahnn jemanden finden, der nicht nur verblüffende prognostische Fähigkeiten besaß, sondern auch Fragen stellte, die heute die unsrigen sind. Denn Jahnn, diese schillernde Figur zwischen Archaik und Modernität, stand ähnlich quer zu den Zeiten wie wir, die wir erfahren haben, daß der „Fortschritt“ an ein Ende gekommen ist. Nach ihrer ungeheuren Beschleunigung scheint die Geschichte plötzlich still zu stehen. Sie gibt den Blick frei, zurück auf das politische und geistige Feld, auf dem das Jahrhundert begann. Gedanken, die gestern konservativ und überholt schienen, wechseln in der Retrospektive ihre Färbung, und Denkverbote verlieren ihre Kraft. In einer Zeit, da sich die Zeiten ineinanderschieben, verliert der Vorwurf des Anachronismus seinen Sinn.

Zugleich aber ist der Versuch, Jahnn als einen gegenwärtigen und dringend zu lesenden Autor wiederzugewinnen, insofern zum Scheitern verurteilt, als Jahnn, in der Computersprache gesagt, inkompatibel ist. Wer sich in sein Werk versenkt, wird davon ebenso fasziniert wie zurückgestoßen, und wenn man wieder auftaucht, spürt man die Schwierigkeit, von dieser Erfahrung zu berichten. Jahnn polarisiert. Gleichgültig bleibt nur, wer ihn nicht kennt. Je näher man ihm kommt, um so mehr erfährt man auch die Distanz. Er gleicht einem erratischen Block unübersichtlichen Ausmaßes, mitten unter uns gefallen aus einer anderen Welt und einer anderen Zeit.

Deshalb gelingt es nicht, ihn politisch einzuordnen. Er war kein Reaktionär, und mit „Blut und Boden“, in dessen Nähe er oft gerückt wurde, hat er nichts zu tun. Er war ein Gegner der Nazis. Das zeigt etwa die Rede, die er 1931 auf einer Veranstaltung der linken „radikal-demokratischen Partei“ gehalten hat und die mit dem Fazit schloß: „Der Feind steht rechts.“ Aber er kritisierte auch die Kommunisten. Er hielt den Schutz des Lebens für das höchste Gut, aber er kämpfte gegen den Paragraphen 218. Er äußerte sich gegen die Nazis, als es ihm schadete; und er gab Signale der Anpassung, als es nichts mehr nutzte. Er war weder schlau noch klug im Sinne von lebenstüchtig. Seine Biographie ist oft von jener „hanebüchenen Unbeholfenheit“ geprägt, die sich er selber nachsagte.

Daß er querstand zu seiner Zeit, war für Jahnn Programm. 1948 schrieb er, er gehöre zu den am meisten befehdeten Autoren der Gegenwart, „zu jenen, die den Angriffen des Normalmenschen preisgegeben sind, weil sie die Zeit, in der sie leben, nicht als die ihre anerkennen“. Dieser Bemerkung entspricht eine andere: „Mein literarisches Schaffen geht von der bedingungslosen Anerkennung der Existenz aus.“ Diese Sätze sind ebenso radikal wie hochmütig. Auf der einen Seite die Ablehnung nicht nur von Moral und Konvention, sondern der Zeit, in der er lebt, überhaupt; also Eskapismus als Widerstand. Auf der anderen Seite die „bedingungslose Anerkennung“ des Natürlichen, des Kreatürlichen, jenseits der Gesellschaft. Die Natur ist für Jahnn Anfang und Ende. Es geht ihm „um die Erfassung des Lebendigen, das vieldeutig schillert. Das Gute und Böse, als wirksame Prinzipien auf Menschen übertragen, ist mir etwas Fremdes und Kaltes; es fehlt mir der sittliche Maßstab dafür.“ Die Natur ist der Maßstab, der Mensch eine Fehlentwicklung.