Patrick Bateman, Wertpapiermakler, sechsunddreißig Jahre alt, bei der Morgentoilette in seinem Appartement in Manhattan, Upper East Side.

"Nachdem ich in Boxershorts von Ralph Lauren mit Monogramm, einen Fair Isle Sweater und gepunktete Enrico Hidolin Seidenslipper geschlüpft bin, binde ich eine Eispackung aus Plastik um mein Gesicht und beginne mit dem morgendlichen Stretchingpensum ( ) Anschließend verwende ich die Probright Munddusche und danach das Interplak Zahncenter (dies ergänzend zur Zahnbürste), das auf 4200 Umdrehungen in der Minute kommt und 46mal in der Sekunde die Drehrichtung ändert ( ). Ich spüle nochmal nach, diesmal mit Cepacol. Ich nehme die Gesichtsmaske mit einem Grüne Minze Gesichtswasser ab ( ) Unter der Dusche benutze ich als erstes wasseraktives Waschgel, dann ein Honig Mandel Body Srub und fürs Gesicht eine Gel Schälkur ( ) Ich habe vor, am Wochenende zu Bloomingdales oder Bergdorfs zu gehen, um auf Evelyns Rat hin Foltene European Supplement zu besorgen und Shampoo für dünnes Haar, das komplexe Kohlenhydrate enthält, die in die Haarwurzeln dringen und dem Haar mehr Kraft und Glanz verleihen. Außerdem VIvagen Hair Enrichment Treatment, ein neues Redken Produkt, das Mineralablagerungen verhindert und die Lebensdauer des Haares verlangen. Luis Carruthers empfahl das Aramis Nutriplexx System, einen Nährstoffkomplex, der die Durchblutung verbessert. Raus aus der Dusche und abgetrocknet, ziehe ich wieder die RalphLauren Boxershorts an, und bevor ich Mousse A Raiser auftrage, eine Rasiercreme von Pour Hommes, presse ich für zwei Minuten ein feuchtheißes Handtuch auf mein Gesicht, um die störrischen Barthaare weicher zu machen. Anschließend trage ich stets reichlich Moisturizer auf (ich schätze Clinique) und lasse ihn eine Minute einziehen "

Patrick Bateman, vierhundertunddreißig Seiten später, beim Zerstückeln eines Mädchens, das er in seine Wohnung gelockt, gefoltert, vergewaltigt und getötet hat.

"Ihre Brüste sind abgehackt worden, und sie sehen blau und schlaff aus, die Nippel in unangenehmer Braunschattierung. Umringt von schwarz getrocknetem Blut liegen sie, geschmackvoll arrangiert auf einer Porzellanplatte, die ich im Pottery Barn gekauft habe, auf der Wurlitzer Jukebox in der Ecke ( ). Außerdem habe ich die Haut und einen Großteil der Muskeln von ihrem Gesicht geschält, das nun an einen Totenschädel erinnert ( ); die ursprünglichen Augäpfel hängen am Sehnerv aus den Höhlen. Ihr Brustkorb ist vom Hals fast nicht zu unterscheiden, der wie Hackfleisch aussieht, der Bauch erinnert an die Auberginen Ziegenkäse Lasagne bei II Marlibro oder ähnlichen Hundefraß, die vorherrschenden Farben Rot und Weiß und Braun. Einige ihrer Eingeweide sind an eine Wand geschmiert, andere, zu Knäueln aufgewickelt, liegen verstreut auf der Glasplatte des Kaffeetischs wie lange schwarze Schlangen, mutierte Würmer ( ) Nach einer Stunde Wühlen lege ich die Wirbelsäule frei und beschließe, das Ding per Federal Express, ungereinigt in Papiertaschentücher gewickelt, unter falschem Namen an Leona Helmsley zu schicken. Ich will das Blut des Mädchens trinken, als wäre es Champagner, und grabe mein Gesicht tief in ihren zerfetzten Bauch, meine kauenden Kiefer an einer gebrochenen Rippe aufkratzend ( ) Schwer atmend lockere ich mit der blutverschmierten Hand den Schlips, den ich immer noch trage. Das ist meine Wirklichkeit. Die ganze Außenwelt ist wie ein Film, den ich einmal sah " Bret Easton Ellis, der Autor, siebenundzwanzig Jahre alt, hat dem Börsenblatt in einem Interview mitgeteilt, es sei eine "keineswegs angenehme Erfahrung" für ihn gewesen, solche Passagen zu erfinden und aufzuschreiben. Andererseits aber seien derartige Schilderungen "absolut erforderlich" für die innere Logik seines Romans und seiner Hauptfigur "Es war eine rein ästhetische Entscheidung", sagt Ellis, und außerdem: "Ich schreibe für mich "

Es gibt keinen Grund, Bret Easton Ellis nicht zu glauben. Denn sein Buch "American Psycho" hat eine Botschaft, die so einfach und so sauber ist wie das Papier, auf dem sie steht. Das Unglück des Autors Ellis besteht nur darin, daß man das, was sein Roman auf 560 bedruckten Seiten sagt, in einem Satz zusammenfassen kann.

Der Satz lautet "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" und gehört zu den wenigen Moralismen, die man gelesen haben sollte, bevor man moralisierende Bücher schreibt. Bret Easton Ellis aber hat nichts gelesen (außer den Werken seiner Schriftsteller Konkurrenten Tom Wolfe, Tama Janowitz und Jay Mclnerney und einer Prise Dostojewski], den er im Vorspann zu "American Psycho" zitiert), er hat nur das getan, was nach der weit verbreiteten Ansicht einiger zeitgenössischer Bewußtseinsreporter, Redaktions Rimbauds und zu literarischer Meisterschaft führt: Er hat recherchiert. Ellis ist zu den Wunderkindern der New Yorker Börsenszene gegangen, hat in ihre vollen Terminkalender und in ihre leeren Herzen geschaut, mit ihnen trainiert, getanzt, getafelt und getechtelmechtelt, ihre Lieblingszeitschriften gelesen, ihre Lieblingsmusik gehört und ihre nichtigen kleinen Tischgespräche mitgeschrieben — und sich dann, in einem zweiten Arbeitsschritt, in Prozeßakten und Zeitungsberichte über sämtliche Sexualmörder und Serienkiller vertieft, die in den letzten Jahrzehnten in Amerika und anderswo auf der Welt gewütet haben. So kam eins zum anderen und Bret Easton Ellis von einer fixen Idee zu einem fertigen Buch.

"Teilweise", sagt Ellis, "handelt, American Psycho vom Exzeß Das Buch handelt von nichts anderem. Selbst das dümmste Geschwätz und die dumpfeste Leere sind in "American Psycho" exzessiv, weil es nichts gibt, das sie unterbricht. Das Leben ist ein Kreislauf zwischen Luxusappartements, Luxusrestaurants, Luxusdiscotheken, Designerboutiquen und Maklerbüros. Und Bateman, der Erzähler, mittendrin.

"Ich trage einen extraleichten Leinenanzug mit Bundfaltenhose, ein Baumwollhemd, eine gepunktete Seidenkrawatte, alles von Valentine Couture, und Lederschuhe mit gerader, perforierter Kappe von Allen Edmonds. Drinnen bei Harrys entdekken wir David Van Patten und Craig McDermott an einem der vorderen Tische. Van Patten trägt ein zweireihiges Sakko aus Wolle und Seide, eine Mario Valentino Hose aus Wolle und Seide mit geknöpftem Hosenschlitz und nach innen gewendeten Bundfalten, ein Baumwollhemd von Gitman Brothers, eine gepunktete Seidenkrawatte von Bill Blass und Lederschuhe von Brooks Brothers. McDermott trägt einen Anzug aus reiner Wolle mit Bundfaltenhose, ein Button Down Hemd aus Baumwolle und Leinen von Basile, eine Seidenkrawatte von Joseph Abboud und Loafers aus Straußenieder von Susan Bennis Warren Edwards " Gegen Reporterprosa, so langweilig sie auch daherkommen mag, kann man im Ernstfall nur eines einwenden: daß sie nicht wahr ist. Ellis aber macht seine Sache so gut, daß seine Sprache gar nicht schlecht genug sein kann. Seine Notizen aus dem beschädigten Yuppie Leben der späten achtziger Jahre sind banal bis an die Schmerzgrenze, aber immer markerschütternd richtig, Tama Janowitz hat das Milieu einfühlsamer, Tom Wolfe hat es bissiger beschrieben, aber Bret Easton Ellis geht bis zum bitteren Ende: Sein Roman ist so unerträglich wie die Leute, von denen er spricht.

Mit Dantes Höllen Motto "Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren", beginnt der erste Satz des Buches, mit dem Hinweis "Kein Ausgang" endet der letzte. Dazwischen sieht New York aus wie zwei oder drei Filme, die ich einmal sah. Die Menschen sind Kleiderständer, ihre Worte Katalogware, ihre Gesichter Schuppen des Nichts. Jeder verwechselt jeden und alles mit allem. Die Stadt ist krank zum Tode und wartet auf den Schlächter, der sie erlöst. Auf das authentische Monster in einer montrös unauthentischen Welt. Auf den blutigen Exekutor der kaiserlichen Botschaft, die da heißt: Ich, Bret Easton Ellis, will, daß New York untergeht, mit Mann und Maus, mit Armani Sakko und Platin AmEx Kreditkarte. Wenn Patrick Bateman Frauen, Kinder und Bettler zerstückelt und aufschlitzt, dann sägt der moralische Zeigefinger des Autors Ellis mit. Nicht Batemans Beile, Messer, Kettensägen und Bolzenschußgeräte, sondern Bret Easton Ellis erhabene Absichten sind die wahren Mordinstrumente dieses Buchs "Ich hoffe, es tut dir weh", sagt Bateman zu einem seiner Opfer. Ellis will uns weh tun, um uns zu überzeugen. Seine Botschaft wird durch Blut erst flüssig: der Ekel als Reittier der Moral. Ellis reitet ihn, bis er vergeht. Ein einziger Mord hätte genügt, um seine These zu illustrieren, aber Ellis verkauft wie ein tüchtiger Makler den Schrecken en gros. In Hitchcocks "Psycho", den er im Titel des Buches und im Namen seines Helden zitert, ist der Horror die andere Seite des Mitleids. In "American Psycho" ist er nur die Konsequenz der Rechthaberei.

Der Serienmörder ist ein wiederkehrendes Motiv der amerikanischen Populärkultur. In einer Gesellschaft, die das Gute nur als Gegenteil des Bösen kennt, verkörpert er das teuflische Prinzip schlechthin. Serial killers sind entartete Patriarchen: Der Ruf des Fleisches, der ihre Brüder in Christo zur Familiengründung treibt, ist in ihnen zum Mörder geworden. Was bessere Menschen gesät haben, reißen sie wieder aus. Sie sind die letzten Nachfahren Kains, die sich Abels Herden auf ihrem Zug ins Gelobte Land entgegenwerfen. Deshalb ist jedes Mittel erlaubt, um mit ihnen fertigzuwerden. Die Ausrottung des Serienmörders ist ein Kreuzzug, keine Polizeiaktion. Mit ihr verteidigt die Gemeinde ihr Glücksversprechen gegen den einen, der den pursuit of happiness bedroht. Seine Vernichtung ist ein Akt der Hygiene und des Glaubens: Das Böse, das alle in sich tragen, nimmt er allein mit sich ins Grab. In einem tieferen Sinn sind auch Ghaddafi, Chomeini und Saddam serial ren Welt. Nicht aus Haß, sondern aus purer Menschenliebe muß Amerika mit ihnen aufräumen. Denn in ihrem Rücken, im Angesicht der Menschheit, liegt das verheißene, das nahe Paradies. Im Kino der fünfziger und sechziger Jahre war der Serienmörder ein Muttersöhnchen (wie Norman Bates in "Psycho") oder ein Mutant, ein Werwolf, ein Außerirdischer. Seit einiger Zeit aber haben die Psychokiller ihr Aussehen gewechselt: Sie stecken in Anzügen von Armani, tragen Krawatten von Hugo Boss und Hornbrillen von Oliver Peoples und sind steinreich. Der Außenseitergnom von einst ist zum psychopathischen Yuppie mutiert. Mit diesem Zerrbild rächt sich die Popkultur an einem Typus, der ihr ein Jahrzehnt lang Vorbild war. In John Schlesingers Familienthriller "Pacific Heights" malträtiert ein gelangweilter Millionenerbe ein Hausbesitzer Pärchen, in Kathryn Bigelows "Blue Steel" quält der Finanzmakler Ron Silver die Polizistin Jamie Lee Curtis, bis sie ihn mit letzter Kraft zur Strecke bringt. Der Phänotyp der Reagan Ära ist zur Heimsuchung der Rezessionsjahre geworden. Die Kugel, die ihn am Ende trifft, gilt in Wahrheit einer bankrotten Ideologie. "Tod den Yuppies" liest Patrick Bateman an einer Wand in der Toilette seiner Lieblingsdiscothek. In diesem Satz steckt das ganze Programm von "American Psycho" — und das Motiv seines Autors. Bret Easton Ellis möchte endlich Schluß machen mit den hohlen Menschen der achtziger Jahre, er will die Yuppie Kultur symbolisch hinrichten, und Pat Bateman soll sein Henker sein. Aber weil Ellis zwar ausgiebig recherchiert, aber im übrigen nichts begriffen hat, bildet sein Roman das nur ab, was er in effigie zerstören wollte. "American Psycho" ist eine zu spät gekommene Zeitgeist Bibel der achtziger Jahre, obszön, blutig und leer. Der größte Unsinn wird oft mit dem besten Gewissen geschrieben. Ellis Gewissen ist makellos, sein Buch Makulatur.

Als Bret Easton Ellis im Herbst letzten Jahres das Romanmanuskript, an dem er drei Jahre lang gearbeitet hatte, zu seinem Verlagshaus Simon & Schuster trug, mußte er erfahren, daß die Welt, für die er schreibt, sich verändert hat. Nachdem die Zeitschrift Time vorab einige der blutigsten Passagen aus "American Psycho" veröffentlicht hatte, distanzierte sich Ellis Verlag von seinem Autor. Das Buch erschien in einer gekürzten Version bei Vintage Press, aber die öffentliche Empörung war nicht mehr aufzuhalten. Amerikanische Frauenorganisationen riefen zum Boykott aller Produkte des Vintage Verlags auf, Roger Rosenblatt riet in der New York Times Book Review seinen Lesern, das Buch zu "zerstören", und Norman Mailer orakelte in Vanity Fair, es sei eigentlich schade, daß ein so heißer Stoff in die Hände eines so unbegabten Schriftstellers gefallen sei.

Seit einem Jahr ist Bret Easton Ellis damit beschäftigt, öffentlich zu erklären, daß er nicht Patrick Bateman ist. Es wird ihm nichts helfen. Wer mit dem Schrecken spielt, ohne ihn zu begreifen, kommt darin um. Nicht jedes Buch hat den Ärger, den es macht, auch verdient. Aber Bret Easton Ellis wollte seinen Lesern eine Moral predigen, die er selber nicht hat. Und nun ereilt sie ihn.

B Bret Easton Ellis:

American Psycho Roman; aus dem Amerikanischen von Clara Drechsler und Harald Hellman; Kiepenheuer & Witsch, Köln 1991; 549 S, 48 - DM