Von Werner A. Perger

Bonn, im Dezember

Wenn Jürgen Rüttgers auf seine Uhr sieht, kann es einen Blick länger dauern, bis er weiß, was sie geschlagen hat: Das dunkle Zifferblatt dient weniger der Zeitansage, dafür um so mehr den Ansprüchen eines Liebhabers der Holographie: Bei Lichteinfall schillert ein dreidimensionaler Saturn auf der Oberfläche und lenkt ab vom Stand der Zeiger.

Die optische Täuschtechnik, mit der Künstler und Werbe-Designer höchst raffiniert Perspektive, Tiefe und dritte Dimension vorgaukeln, wo nichts als Fläche ist, hat es Jürgen Rüttgers angetan. In Puhlheim bei Köln, wo der promovierte Jurist seine politische Laufbahn 1980 als Beigeordneter für Stadtentwicklung und Finanzen begann, hat er seinerzeit einen privaten Sammler bei dem Vorhaben, ein Museum einzurichten, unterstützt. Heute hat Puhlheim ein "Museum für Holographie & Neue Visuelle Medien". Immerhin. Nicht jeder Kommunalpolitiker hinterläßt gleich solche Spuren.

Nun macht Jürgen Rüttgers Karriere in einer Welt, die viel gemeinsam hat mit der holographischen Trickwelt: Die Differenz von Schein und Sein in Bonn ist, wie der Saturn auf der Uhr, ein wesentliches Element des politischen Rummels. Wer diesen Unterschied nicht mehr wahrnimmt, den hat Bonn verschluckt. Das Regierungsviertel ist voll von solchen wandelnden Holographen. Jürgen Rüttgers will so einer nicht werden. Das hat er sich vorgenommen.

Er ist mit 206 von 232 abgegeben Stimmen zum Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gewählt worden, zwanzig Stimmen waren gegen ihn, sechs ungültig. Das sei ein ganz passables Ergebnis, hat man ihm gesagt, zumal bei seiner Blitzkarriere. Immerhin ist der vierzigjährige "l.PGf" (Erste Parlamentarische Geschäftsführer) erst seit 1987 im Bundestag. Aufgefallen war er den Oberen schon bald. Als die Union Ende 1987 den Vorsitz der Bundestagskommission zur Technikfolgen-Abschätzung zu besetzen hatte, und kein Prominenter sich interessierte, reagierte Rüttgers schnell: Er meldete sich und wurde prompt akzeptiert. Der Parlamentsneuling wurde Vorsitzender. Er hat seine Sache dann, wie Sachkenner bestätigen, recht gut gemacht.

Der nächste Schritt beim Aufstieg folgte 1989. Rüttgers wurde in den Kreis der Geschäftsführer berufen. Damals war Friedrich Bohl, als Nachfolger von Rudolf Seiters, zum obersten Fraktionsmanager aufgerückt; der wiederum hatte diesen Posten fünf Jahre zuvor von Wolfgang Schäuble übernommen.