Auf friedlichem Wege hat die fernöstliche Macht jetzt die des Angreifers endete Dominanz im Pazifik erreicht

Von Christian Tenbrock

Pax Nipponica: Im Jahr 2015 besteht eine neue Weltordnung. Japan dominiert alle Schlüsselindustrien, während die Europäische Gemeinschaft und die Vereinigten Staaten drittrangige Mächte sind, die Spitzentechnologie aus Asien übernehmen und den Rest der Welt mit Billigprodukten versorgen. Das japanische Bruttosozialprodukt ist doppelt so groß wie das amerikanische und weitaus höher als die volkswirtschaftliche Leistung der Länder Europas. Zinsen und Wechselkurse werden in Tokio bestimmt, Japans Premier ist Primus inter pares bei den Weltwirtschaftsgipfeln. Das amerikanische Jahrhundert gehört endgültig der Vergangenheit an.

„In the shadow of the rising sun“, „Im Schatten der aufgehenden Sonne“, heißt das Buch, in dem dieses für Amerikaner und Europäer gleichermaßen erschreckende Szenario entworfen wird. Geschrieben wurde es von einem amerikanischen Unternehmer, im fünfzigsten Jahr nach dem japanischen Überraschungsangriff auf Pearl Harbor. Der Überfall am 7. Dezember 1941 sollte Japan die Macht in Asien sichern und ihm ökonomische Unabhängigkeit verschaffen. Am Ende hieß der Sieger USA. Aber Kriege zu gewinnen, so die Warnung des Autors an seine amerikanischen Leser, heißt eben nicht, auch den Frieden erfolgreich zu bestehen.

Pearl Harbor ist in die Geschichtsschreibung Amerikas als Ort der Schande eingegangen. Als japanische Flieger ihre Bomben auf die im Hafen von Honolulu dümpelnden Schiffe, auf Flugzeuge, Lagerhallen und Benzintanks warfen, begann aber auch eine historische Gezeitenwende. Japans Angriff trieb die USA aus ihrer Isolation, er sicherte der Nation im Westen die Vorherrschaft über den Pazifik. Der Krieg legte den Grundstock für ein fortan fast ungebrochenes Wachstum in Wirtschaft und Lebensstandard. Amerikas wirtschaftliche Potenz wurde zur Basis seiner politischen und militärischen Macht, sein way of life zum Maßstab für die halbe Welt. Mit dem Tag der Schande begann die amerikanische Ära.

Mit dem Tag der Erinnerung neigt sie sich vielleicht dem Ende zu. Wenn an diesem Samstag Präsident George Bush über den versunkenen Resten des Schlachtschiffs Arizona an die Toten von Pearl Harbor gemahnt, spricht er zu einer verunsicherten Nation. Der sowjetische Bär ist geschlagen, aber der japanische Drache erhebt erneut sein Haupt. Während jenseits des Pazifik ein ökonomischer Riese immer selbstbewußter wird, erleben die USA den weltweiten Paradigmenwechsel, verunsichert wie ein um die Früchte seiner Anstrengungen gebrachter, wütender Verlierer.

Die „gelbe Gefahr“ ist in das Vokabular Amerikas zurückgekehrt. Japans wirtschaftliche Stärke, so ergab schon 1990 eine Umfrage des Chicago Council on Foreign Relations, bedeutet nach Auffassung von sechs unter zehn Amerikanern eine „kritische Bedrohung“ der „vitalen Interessen der USA“. Die Beziehungen zwischen Japan und Amerika, schrieb der frühere Staatssekretär im Washingtoner Außenministerium, Richard Holbrooke, in der November-Ausgabe von Foreign Affairs, „sind in jüngster Zeit ungesund und sogar gefährlich geworden“.