Wenn wir dem marktschreierischsten Titel glaubten, brauchten wir weder eines der Bücher zu öffnen noch gar über das Gelesene zu schreiben; denn: "Mozart hat nie gelebt Offenbar hat er aber doch, denn neben jenem Autor sahen drei Dutzend andere im zweihundertsten Todesjahr des Komponisten Anlaß genug, voller Hoffnung auf Boom und Ruhm an die zehntausend Buchseiten über ihn zu füllen. Und so erläutert unser etwas zu weit sich aus dem Fenster lehnende Autor schon auf seiner fünften Textseite kleinlaut, was er eigentlich meinte, als er so forsch titelte, und was in der Tat jeden Außenstehenden verblüffen muß: "Was bleibt, sind Fragen, und es ist auch nach 200 Jahren Mozart Forschung nicht möglich, eine Mozart Biographie zu schreiben, in der nicht das wichtigste Satzzeichen das Fragezeichen wäre "

Und so heißt die Aufgabe, eine Mono- oder Biographie über Wolfgang Amadeus Mozart zu schreiben: Spreu von Weizen zu trennen — Faktisches von Fiktivem, Gesichertes von Spekulation, Nachprüfbares von Vermutungen und Verdächtigungen, historisch kritische Analyse von Interpretation oder gar Hermeneutik.

An der Quellenlage freilich, so wie sie uns einerseits durch die von Otto Erich Deutsch gesammelten und erläuterten "Dokumente seines Lebens" (1961) und die dazugehörigen "Addenda und Corrigenda" (1978), andererseits seit der Gesamtausgabe der "Briefe und Aufzeichnungen" durch Wilhelm A. Bauer und Otto Erich Deutsch (vier Bände, 196263) sowie den beiden die Arbeit erst so recht ermöglichenden Kommentarbänden (1971) und dem Register (1975) von Joseph Heinz Eibl (alle Bärenreiter, Kassel) gegeben ist, hat sich nichts Wesentliches geändert. Und so müssen sie alle, die heute das Leben des Komponisten nachzeichnen sollen oder wollen, auf diese neun Bände zurückgreifen, um sie auszuschlachten.

Und sie tun es rigoros: Noch eine Chronik und noch eine Biographie in Dokumenten, noch eine Briefauswahl und noch ein Bildband — aber sie alle können doch nur hinlänglich Bekanntes zitieren, es allenfalls für eine wechselnde fakultative Leserschaft neu kombinieren. Der generelle Eindruck läßt sich ohne Häme definieren: Je wortreicher, desto weniger abgesichert; desto verständlicher zwar, aber, auch desto tendenziöser.

Ist es wichtiger zu wissen, wo Mozart wann mit wem speiste — oder daß er seiner Frau die hundert (Gold )Dukaten, die er in einer "recht schenen Dose" nach einem Konzert vor dem sächsischen Kurfürsten erhielt, verschwieg? Darf man die Einblicke in die psychische Schieflage einer gewiß komplizierten Ehe schlicht verschweigen, weil dem reinen Salzburger alles rein bleiben muß? Gilt für Chronisten immer noch die moralinsaure Überzeugung, daß Seitensprünge" nmsctiiini generis der "Leidenschaft des Blutes", die der weiblichen Partner aber "dumpfer Triebhaftigkeit" folgen? Als der amerikanische Musikwissenschaftler H. C. Robbins Landon, international renommierter Forscher in, Sachen Joseph Haydn, 1988 eine Dokumentation über "1791 — Mozarts letztes Jahr" zusammentrug (jetzt bei uns auch als Taschenbuch), überlagerte er mit kriminalistischem Geschick und aus exzellenter Kenntnis verschiedenste Schichten: das Persönliche und das Allgemeine, das Private und das Gesellschaftliche, die Kunstpraxis und die Musiktheorie, die Information aus dem Studium der Autographe und die Berichterstattung in der zeitgenössischen Presse. Das Ergebnis: eine spannende zeitgeschichtliche Lektüre zwischen Wissenschaft und Journalismus auch und gerade für jene, die ein Köchelverzeichnis bislang eher für eine Gourmet Postille gehalten hätten. Der Erfolg hat den großen Forscher verleitet, das Feld zu erweitern. Für sein Kompendium über die "Wiener Jahre 1781 1791" durchforstete er noch einmal die Wiener Archive — einiges Neue kam dabei heraus, etwa über das sich unter Joseph II verändernde Wien. Daß der Band dann doch nicht die Brillanz des früheren erreicht, könnte an der Ausweitung liegen: ein größerer Zeitraum — ein gröberes Raster; eine ungleiche Quellenlage — ein mehr erzählender Stil; ein stärker generalisierender Ansatz — eine populistische Hermeneutik.

Das überflüssigste Buch: Da stieg einer ins Archiv der Salzburger Festspiele, durchstöberte die Photokisten und die Rezensionsausschnitte und brachte so 237 Seiten mit schönen Bildern von schönen Menschen in schönen Rollen zusammen über sicherlich nicht alle, aber doch die Stars unter den Mozart Mitwirkenden zwischen 1922 und 1990, mit Bildnebenschriften, in denen ein Kollege zitiert wird, der in seiner Rezension "so herrlich, so schön" klingende lobende Worte fand. Sind wir ungerecht, weil die ZEIT dort nie vorkommt? Interessant ist vielleicht eine Liste der jährlichen Besetzungen — zeigt sie doch, daß "Figaro" in 42 Jahren, "Cosi" immerhin in 34 vor der "Zauberflöte" mit 32 Jahren gespielt wurde, daß aber das Mozart Festival schlechthin "La finta semplice", "Lucio Silla", "Ascanio in Alba", "Zaide" und "Mitridate" in all den neunundsechzig Jahren je ganze einmal "gepflegt" hat "Ich will nichts mehr von Salzburg wissen", schrieb Mozart an seinen Vater, schon am 9. Mai 1781.

Das oberflächlichste Buch stellt sich die höchste — "summa summarum" — Aufgabe: "Wer einen Diamanten gründlich betrachten will, muß ihn von allen Seiten anschauen Sechsundfünfzig (wenn ich richtig zählte) Autoren plaudern Marginalien aus über "Mozart und — die Frauen, das Geld, die Ärzte, die Freimaurer, die Werke; vor allem aber über ihre Leistung. Wolfgang Rihm zupfte den Herausgeber sanft, aber angemessen bestimmt am Ohr: "Mir fällt — ehrlich seis gesagt — im Moment wirklich nichts Essentielles zu Mozart ein, außer: daß ich ihn liebe. Aber das tut ein jeder. Schönberg liebe ich genauso. Das tut nicht ein jeder. Aber Mozart hätte es getan " Das verwegenste Buch ziert sich und lockt mit einem für manchen kryptischen Titel: "KV 622". Weil er das Klarinettenkonzert im Radio gehört hat, aber vergaß, die Mitwirkenden zu notieren, irrt der Ich Autor 124 Minimalroman Seiten kng durch die Stadt auf der Suche nach jener Aufnahme des KV 622 und landet in der Wohnung einer blinden Musikenthusiastin. Die Begriffe "Zeugungsorgan" und "Brüste" kommen in dieser Scheinliteratur häufiger vor als irgendeine Erkenntnis zum Stück, zum Komponisten, zur Musik. Ironie, sagt das Sprichwort, ist, wenn sie nicht ankommt.