Von Martin Jäger

In Belutschistan ist der Horizont aus Stein. Das Land verdorrt in flirrender Hitze, eine Wüstenei, Nomadengebiet seit Menschengedenken. Die Provinzhauptstadt Quetta ist eine miserable Ansiedlung, auf drei Seiten von Felswänden umstellt. Die Luft riecht nach Staub; die Straßen sind voll von Menschen, überall afghanische Mudschaheddin, die von hier aus den Krieg ins nahe Afghanistan tragen. In Quetta treffen sich die Nachschubrouten der afghanischen Gotteskrieger mit den Schmuggelwegen der Stämme Belutschistans. Der Schleichhandel hat Tradition: Getrennt durch eine Staatsgrenze, die abseits der Grenzposten nur als Strich auf der Landkarte existiert, sorgen die Belutschen für „zollfreien Warenaustausch“ zwischen Pakistan und dem Iran.

Den Heroinhandel beherrschen der Clan der Notezai und fünf weitere Stämme. Die Aufsicht liegt dabei in den Händen bärtiger Patriarchen, die an der Spitze der Stämme stehen. Ihr Einfluß reicht bis weit in die Provinzregierung hinein. Dort versichern sich die Patriarchen der Duldung eines Unternehmens, das so abenteuerlich wie einträglich ist: Unweit der Stadt Quetta starten Heroinkarawanen, die das „weiße Pulver“ tonnenweise nach Europa bringen. Sechzig Allrad-Jeeps, dreimal so viele Stammeskrieger, ein Arsenal automatischer Waffen und Funkgeräte – so wird das Heroin außer Landes geschafft.

Der Weg führt durch Belutschistan, über die pakistanisch-iranische Grenze nach Kurdistan. Von dort wird das Heroin über die Berge in die Türkei gebracht. Fernfahrer schmuggeln den Stoff dann im Auftrag türkischer und kurdischer Händlerringe von Istanbul aus nach Westeuropa. Noch vor drei Jahren wurde über den Landweg durch Belutschistan fast ausschließlich Morphinbase – der Rohstoff für die Heroingewinnung – nach Ostanatolien gebracht. Nahe der Stadt Van verarbeiteten es türkische und kurdische Spezialisten zu Heroin. Heute jedoch wird die Morphinbase schon in Pakistan zu Heroin raffiniert. Und pakistanische und afghanische Heroinbarone versuchen jetzt, in der Bundesrepublik eigene Vertriebsnetze zu etablieren. Wird in der Bundesrepublik Heroin beschlagnahmt, stammt es in zwei von drei Fällen aus dem „Goldenen Halbmond“ – so nennen Drogenfahnder die islamischen Erzeugerländer des Nahen und Fernen Ostens. Und die größten Produzenten im „Goldenen Halbmond“ sind Pakistan und Afghanistan (siehe Kasten Seite 20).

Westlichen wie pakistanischen Drogenfahndern sind die Heroinkarawanen nicht verborgen geblieben; doch die Provinzregierung Belutschistans zeigt sich weder willens noch in der Lage einzuschreiten. Erst ein Zwischenfall brachte im Oktober 1990 das riesige Volumen des Drogentransports ans Tageslicht: Unweit des Marktfleckens Chagai stieß eine Kompanie des pakistanischen Grenzschutzes auf eine Heroinkarawane. Nach einem heftigen Gefecht beschlagnahmten die Grenzschützer 1790 Kilogramm Heroin – der bis dahin weltweit größte Fund. Absurd, was dann geschah: Einflußreiche Männer in der Provinzregierung vermochten alle weiteren Nachforschungen zu blockieren. Keine Verhaftungen, nicht ein Hinweis darauf, wohin das sichergestellte Heroin entschwand. Die erfolgreiche Grenzschutzkompanie erhielt eine Ausgangssperre, ihr Chef wurde auf einen Schreibtischjob befördert. Zu Recht, wie ein Geheimbericht der US-Drogenpolizei DEA (Drug Enforcement Administration) suggeriert. Die US-Fahnder verwandten viel Sorgfalt darauf zu rekonstruieren, wie es zu dem Rekordfund kam. Ihr Fazit: Die Grenzschützer stießen nur durch Zufall auf die Heroinkarawane, weil sie in der Steinwüste Belutschistans vom Weg abgekommen war.

Die Nachforschungen der Amerikaner förderten aber mehr als nur skurrile Details zutage: Als Drahtzieher der Heroinkarawane wurden zwei Abgeordnete aus dem Landtag von Belutschistan identifiziert. Gegen den Widerstand der Provinzpolizei setzten die Amerikaner die Verhaftung der beiden durch. Einer der Volksvertreter, Ali Notezai, blieb nur kurze Zeit in Untersuchungshaft. Aufgrund einer Absprache mit dem Staatsanwalt der Provinz wurde er gegen Kaution wieder freigelassen, für ihn dürfte die Angelegenheit damit erledigt sein. Notezais Parlamentskollege Asim Kurd indessen wird es schwer haben, der Strafverfolgung zu entgehen: Ihn verfolgte die pakistanische Bundespolizei mit einer halben Tonne Heroin bis zum Haus des Gesundheitsministers der Provinz, wo er nach dem Gastrecht der Belutschen Unterschlupf fand – allerdings nur für wenige Stunden, denn die Patriarchen entschieden sich gegen ihn. Asim Kurd wurde ausgeliefert, um die Amerikaner nicht zu verärgern.

Deutsche Junkies brauchen nicht um Heroinnachschub zu bangen, solange es im Nordwesten Pakistans ein Refugium für Drogenhändler und Heroinlabors gibt, dessen Status in der Gründungsakte des Landes festgeschrieben ist – die Stammesgebiete der Pathanen. Wer von Peshawar nach Südwesten fährt, passiert bald ein verwittertes Backsteintor, das die Grenze zwischen pakistanischem Verwaltungsgebiet und dem Land der Pathanen markiert. Diese „Federal Administrated Tribal Areas“ sind ein Erbe der britischen Kolonialherren. Hier gelten keine pakistanischen Gesetze, die Pathanen gehorchen bis heute dem „Paschtunwali“ – einem so starren wie traditionellen Kodex, der Konflikte durch Beratung, Gastfreundschaft, Blutrache oder Entschädigung zu lösen sucht. Kein pakistanischer Polizist darf einen Flüchtigen in die Stammesgebiete hinein verfolgen. Die Zentralregierung ist in den Tribal Areas nur durch politische Beamte vertreten – schon die Amtsbezeichnung verdeutlicht das Delikate ihrer Mission.