Von Martin Jäger

In Belutschistan ist der Horizont aus Stein. Das Land verdorrt in flirrender Hitze, eine Wüstenei, Nomadengebiet seit Menschengedenken. Die Provinzhauptstadt Quetta ist eine miserable Ansiedlung, auf drei Seiten von Felswänden umstellt. Die Luft riecht nach Staub; die Straßen sind voll von Menschen, überall afghanische Mudschaheddin, die von hier aus den Krieg ins nahe Afghanistan tragen. In Quetta treffen sich die Nachschubrouten der afghanischen Gotteskrieger mit den Schmuggelwegen der Stämme Belutschistans. Der Schleichhandel hat Tradition: Getrennt durch eine Staatsgrenze, die abseits der Grenzposten nur als Strich auf der Landkarte existiert, sorgen die Belutschen für „zollfreien Warenaustausch“ zwischen Pakistan und dem Iran.

Den Heroinhandel beherrschen der Clan der Notezai und fünf weitere Stämme. Die Aufsicht liegt dabei in den Händen bärtiger Patriarchen, die an der Spitze der Stämme stehen. Ihr Einfluß reicht bis weit in die Provinzregierung hinein. Dort versichern sich die Patriarchen der Duldung eines Unternehmens, das so abenteuerlich wie einträglich ist: Unweit der Stadt Quetta starten Heroinkarawanen, die das „weiße Pulver“ tonnenweise nach Europa bringen. Sechzig Allrad-Jeeps, dreimal so viele Stammeskrieger, ein Arsenal automatischer Waffen und Funkgeräte – so wird das Heroin außer Landes geschafft.

Der Weg führt durch Belutschistan, über die pakistanisch-iranische Grenze nach Kurdistan. Von dort wird das Heroin über die Berge in die Türkei gebracht. Fernfahrer schmuggeln den Stoff dann im Auftrag türkischer und kurdischer Händlerringe von Istanbul aus nach Westeuropa. Noch vor drei Jahren wurde über den Landweg durch Belutschistan fast ausschließlich Morphinbase – der Rohstoff für die Heroingewinnung – nach Ostanatolien gebracht. Nahe der Stadt Van verarbeiteten es türkische und kurdische Spezialisten zu Heroin. Heute jedoch wird die Morphinbase schon in Pakistan zu Heroin raffiniert. Und pakistanische und afghanische Heroinbarone versuchen jetzt, in der Bundesrepublik eigene Vertriebsnetze zu etablieren. Wird in der Bundesrepublik Heroin beschlagnahmt, stammt es in zwei von drei Fällen aus dem „Goldenen Halbmond“ – so nennen Drogenfahnder die islamischen Erzeugerländer des Nahen und Fernen Ostens. Und die größten Produzenten im „Goldenen Halbmond“ sind Pakistan und Afghanistan (siehe Kasten Seite 20).

Westlichen wie pakistanischen Drogenfahndern sind die Heroinkarawanen nicht verborgen geblieben; doch die Provinzregierung Belutschistans zeigt sich weder willens noch in der Lage einzuschreiten. Erst ein Zwischenfall brachte im Oktober 1990 das riesige Volumen des Drogentransports ans Tageslicht: Unweit des Marktfleckens Chagai stieß eine Kompanie des pakistanischen Grenzschutzes auf eine Heroinkarawane. Nach einem heftigen Gefecht beschlagnahmten die Grenzschützer 1790 Kilogramm Heroin – der bis dahin weltweit größte Fund. Absurd, was dann geschah: Einflußreiche Männer in der Provinzregierung vermochten alle weiteren Nachforschungen zu blockieren. Keine Verhaftungen, nicht ein Hinweis darauf, wohin das sichergestellte Heroin entschwand. Die erfolgreiche Grenzschutzkompanie erhielt eine Ausgangssperre, ihr Chef wurde auf einen Schreibtischjob befördert. Zu Recht, wie ein Geheimbericht der US-Drogenpolizei DEA (Drug Enforcement Administration) suggeriert. Die US-Fahnder verwandten viel Sorgfalt darauf zu rekonstruieren, wie es zu dem Rekordfund kam. Ihr Fazit: Die Grenzschützer stießen nur durch Zufall auf die Heroinkarawane, weil sie in der Steinwüste Belutschistans vom Weg abgekommen war.

Die Nachforschungen der Amerikaner förderten aber mehr als nur skurrile Details zutage: Als Drahtzieher der Heroinkarawane wurden zwei Abgeordnete aus dem Landtag von Belutschistan identifiziert. Gegen den Widerstand der Provinzpolizei setzten die Amerikaner die Verhaftung der beiden durch. Einer der Volksvertreter, Ali Notezai, blieb nur kurze Zeit in Untersuchungshaft. Aufgrund einer Absprache mit dem Staatsanwalt der Provinz wurde er gegen Kaution wieder freigelassen, für ihn dürfte die Angelegenheit damit erledigt sein. Notezais Parlamentskollege Asim Kurd indessen wird es schwer haben, der Strafverfolgung zu entgehen: Ihn verfolgte die pakistanische Bundespolizei mit einer halben Tonne Heroin bis zum Haus des Gesundheitsministers der Provinz, wo er nach dem Gastrecht der Belutschen Unterschlupf fand – allerdings nur für wenige Stunden, denn die Patriarchen entschieden sich gegen ihn. Asim Kurd wurde ausgeliefert, um die Amerikaner nicht zu verärgern.

Deutsche Junkies brauchen nicht um Heroinnachschub zu bangen, solange es im Nordwesten Pakistans ein Refugium für Drogenhändler und Heroinlabors gibt, dessen Status in der Gründungsakte des Landes festgeschrieben ist – die Stammesgebiete der Pathanen. Wer von Peshawar nach Südwesten fährt, passiert bald ein verwittertes Backsteintor, das die Grenze zwischen pakistanischem Verwaltungsgebiet und dem Land der Pathanen markiert. Diese „Federal Administrated Tribal Areas“ sind ein Erbe der britischen Kolonialherren. Hier gelten keine pakistanischen Gesetze, die Pathanen gehorchen bis heute dem „Paschtunwali“ – einem so starren wie traditionellen Kodex, der Konflikte durch Beratung, Gastfreundschaft, Blutrache oder Entschädigung zu lösen sucht. Kein pakistanischer Polizist darf einen Flüchtigen in die Stammesgebiete hinein verfolgen. Die Zentralregierung ist in den Tribal Areas nur durch politische Beamte vertreten – schon die Amtsbezeichnung verdeutlicht das Delikate ihrer Mission.

Einer der politischen Beamten lädt anläßlich der Zerstörung eines Heroinlagers Journalisten nach Landi Kotal ins Stammesgebiet ein. Unweit der Straße zum Khaiberpaß präsentiert er das beschlagnahmte Inventar des Labors: Plastikwannen, zwei Elektrokocher, Rohopium und einige angebrochene Flaschen Essigsäure-Anhydrid – einer Chemikalie, die als Reagenzstoff bei der Umwandlung des Opium-Wirkstoffs Morphin in Heroin dient. Die Flaschen tragen das Etikett der Firma Merck aus Darmstadt, worauf der politische Beamte besonders hinweist. In Handschellen steht der Chef des Labors inmitten der Gerätschaften, zu seinen Füßen 22 Kilogramm konfisziertes Heroin.

Der politische Beamte präsentiert nur die halbe Wahrheit: Nach dem Pressetermin erzählt der „Koch“ eines Heroinlabors seine Version der Geschichte. Im Haus eines Schmugglers berichtet er über die Zusammenarbeit von Drogenbaronen und politischer Verwaltung: Jede Aktion gegen ein Heroinlabor werde zuvor abgesprochen, erzählt der Heroinkoch: Das am Nachmittag in Landi Kotal präsentierte Labor sei ein „Gastgeschenk“ an den Provinzgouverneur, der für den folgenden Tag seinen Besuch angekündigt habe.

Echte Heroinlabors beschäftigen zwischen zwanzig und fünfzig Mitarbeiter – vom Wasserträger bis zum Chemiker. Ein Labor vermag täglich über zweihundert Kilo Heroin zu produzieren. Nach Schätzungen eines europäischen Drogenfahnders gibt es im Nordwesten Pakistans mindestens zweihundert Heroinlabors. Amerikanische DEA-Agenten und einheimische Drogenpolizei glauben, es seien nur halb so viele.

Die ersten Labors sind in Pakistan in den frühen achtziger Jahren eingerichtet worden. Der Krieg in Afghanistan hatte die Exportrouten für Rohopium blockiert; gleichzeitig war im Iran die Heroinproduktion zusammengebrochen, weil die Mullahs 1980 den Anbau von Opium verboten und Drogenhändler hart verfolgten. Die Pathanen produzierten zunächst bräunliches, bitter riechendes Granulat, brown sugar genannt. Heute stellen sie auch blütenweißen Stoff mit einem Reinheitsgrad von 95 Prozent her, zuvor eine Domäne der südostasiatischen Konkurrenz.

Das Geschäft lohnt sich: Direkt ab Labor in den Stammesgebieten wird ein Kilo Heroin für umgerechnet etwa 1000 Mark verkauft. Aus den Stammesgebieten in die Provinzhauptstadt Peshawar geschmuggelt, kostet es rund 2000 Mark. In Karatschi verlangt ein Großhändler für das Kilogramm bis zu 5000 Mark. Zwischen Pakistan und Europa schnellt der Preis hoch: In der Bundesrepublik bringt ein Kilo leicht 200 000 Mark ein.

Westeuropa ist das Hauptziel. In den USA steigt zwar der Heroinkonsum nach Jahren der Stagnation wieder an, doch davon profitieren chinesische Syndikate, die den Stoff aus dem „Goldenen Dreieck“ – Birma, Laos und Thailand – herbeischaffen. Der „Marktanteil“ pakistanischen Heroins geht in den USA dagegen zurück. Heroin aus dem Hindukusch sei ein „europäisches Problem“, glaubt der zuständige Beamte im U.S. State Department in Washington.

Auf deutscher Seite jedoch scheint man nicht sonderlich engagiert zu sein. Das Bundeskriminalamt (BKA) entsandte nur zwei Verbindungsbeamte nach Pakistan – in Islamabad und in der Hafenstadt Karatschi tun sie Dienst. Die beiden Beamten übermitteln schnell und unbürokratisch Fahndungshinweise der pakistanischen Polizei in die Bundesrepublik. Doch einer der beiden Fahnder bekennt: „Im vergangenen Jahr haben meine Tips nur zur Sicherstellung von 22 Kilogramm Heroin geführt.“

Am Arbeitseifer der bundesdeutschen Drogenfahnder liegt das nicht; vielmehr funktioniert die Zusammenarbeit der westlichen Rauschgiftfahnder mit der pakistanischen Drogenpolizei nicht. Die pakistanischen Heroinfahnder vom PNCB (Pakistan Narcotics Control Board) sind schlecht ausgebildet und unterbezahlt und machtlos gegen eine wohlorganisierte Drogenmafia.

Viele pakistanische Beamte beteiligen sich überdies selbst am Drogengeschäft. Sie verkaufen sichergestelltes Heroin, jagen im Auftrag eines Drogenringes die Kuriere eines anderen Ringes oder verraten gegen Bezahlung die eigenen Informanten. Das Bundeskriminalamt hat deshalb jede Unterstützung für die pakistanische Drogenpolizei eingestellt.

Nur die Amerikaner haben noch nicht aufgegeben. Die DEA unterhält vier Büros und ein ganzes Kontingent an Rauschgiftfahndern in Pakistan. Zwar nennen US-Diplomaten in Washington Pakistan nur einen Nebenschauplatz im weltweiten Drogenkrieg – die Schlachten dieses War against Drugs glauben die Amerikaner in Kolumbien, Peru, Bolivien und Mexiko zu schlagen. Doch der Eifer der DEA-Fahnder in Pakistan unterscheidet sich nicht vom aufdringlichen Sendungsbewußtsein der US-Drogenagenten in Südamerika – als ließe sich das Drogenproblem der amerikanischen Großstädte allein im Hindukusch oder den Urwäldern Südamerikas lösen. Dabei setzen die Amerikaner weniger auf Entwicklungsprojekte, die den Bauern eine Alternative zum Mohnanbau bieten. Repression und Polizeimethoden haben Vorrang.

So unterstützt die DEA den pakistanischen Premierminister Nawaz Sharif bei der Aufstellung von Eliteeinheiten zur Drogenbekämpfung, die sich ausdrücklich nicht aus dem Pakistan Narcotics Control Board rekrutieren. Bis heute haben die Beamten dieser Eliteeinheiten jedoch keine Polizeigewalt; sie dürfen weder verhaften noch angemessen ermitteln. „Wir verbringen unsere Tage beim Tee“, klagt einer von ihnen. Die Verantwortlichen seien in der Ministerialbürokratie von Islamabad zu finden.

In ihrer Hauptstadt Islamabad leistet sich die Islamische Republik Pakistan einen administrativen Wasserkopf, der gegen Bestechungsgeld fast jede politische Entscheidung nachzubessern vermag. Premierminister Nawaz Sharif hat für dieses Phänomen einen drastischen Vergleich gefunden: Gleich einem Termiterischwarm zerfresse die Korruption den Lebensnerv der Gesellschaft.

So treffsicher der Premier den Zustand des pakistanischen Staatsapparates einzuschätzen vermag, sowenig ist es ihm bisher gelungen, Abhilfe zu schaffen: Lauthals ließ Sharif den Heiligen Krieg gegen die Rauschgiftsucht ausrufen und gründete eigens ein Anti-Drogen-Ministerium. „Er hätte keinen besseren Weg finden können, um sein Geld zum Fenster hinauszuwerfen“, kommentiert dies ein hoher DEA-Beamter in Islamabad. Und die Mittel im Staatshaushalt sind knapp.

Die Heroinbarone besitzen dagegen Geld genug, und sie zeigen es: Einer von ihnen mietete in Islamabad zwei Stockwerke eines Luxushotels. Andere kaufen in Lahore Immobilien in der besten Lage. Seit Mitte der achtziger Jahre dringt das Drogengeld in Politik und Staatsbürokratie ein: Der in Karatschi inhaftierte Heroinhändler Mirza Iqbal Beg bekennt, er habe für die Wahlkampagnen der Opposition wie der Regierungskoalition gespendet.

Mindestens vier Abgeordneten des Parlamentes von Islamabad wird vorgeworfen, Heroinhändler zu sein: Malik Beroz Khan, Haji Gul Karim, Ayub Afridi und Chodri Nazir Ahmad werden von westlichen Rauschgiftfahndern ohne Umschweife Drogenhändler genannt. Das weiß auch der pakistanische Anti-Drogen-Minister Rana Chandar Singh. Doch statt dem Anfangsverdacht nachzugehen, weigert sich der Minister, Ermittlungen einzuleiten, solange ihm keine Beweise vorliegen. Als sei es nicht die Aufgabe pakistanischer Strafverfolgungsbehörden, genau diese Beweise zu beschaffen. Felix Jimenez, oberster Heroinfahnder der DEA in Washington, findet deutliche Worte: „Die pakistanische Regierung ist nicht korrupt, aber es gibt Korruption in der pakistanischen Regierung.“

Solche Urteile verbittern die pakistanischen Rauschgiftfahnder. Vor allem die Amerikaner machen sich durch Großmannssucht und Besserwisserei unbeliebt. „Die DEA hat Geld, aber keine Freunde“, sagt ein pakistanischer Drogenfahnder. Die „Cowboys“, wie pakistanische Polizisten ihre US-Kollegen von der DEA abschätzig nennen, haben allerdings selbst wenig Anlaß, sich über die Handlungsunfähigkeit der pakistanischen Rauschgiftpolizei zu mokieren. Nur drei Kilometer vom DEA-Büro in Peshawar entfernt endet auch für die US-Drogenagenten der Aktionsbereich.

Auf dem Markt von Karkhano, ein paar Schritte jenseits der Grenze zum Stammesgebiet, verkaufen Pathanen das Haschisch im Kilopack und besorgen auf Nachfrage Heroin in jeder gewünschten Menge. Der pakistanische Zoll, einen Steinwurf entfernt in einer Bretterbude untergebracht, bemüht sich, das Unübersehbare zu übersehen. Ansonsten aber ist jedermann frei, sich auf dem Markt von Karkhano in aller Ruhe umzuschauen, nur den amerikanischen Rauschgiftpolizisten der DEA ist es laut Dienstanweisung verboten. Ein Tabu, das nicht nur für die Stammesgebiete gilt – auch Afghanistan ist für amerikanische Drogenfahnder verbotenes Land.

Westlich des Stammesgebietes operieren die afghanischen Mudschaheddin. Im dritten Jahr nach dem Abzug der Sowjetarmee führen sie einen mühseligen Kleinkrieg, der längst in militärisch bedeutungslose Scharmützel zerbröselt ist. Bei Gefechten zwischen rivalisierenden Fraktionen der Gotteskrieger sterben inzwischen so viele Menschen wie im Kampf gegen das Regime in Kabul. Häufig genug geht es bei solchen Kämpfen um den Besitz von Schlafmohnfeldern oder Heroin.

Die afghanischen Bauern ernten seit Jahren mehr Opium als ihre Nachbarn in Pakistan; in der Provinz Kandahar zum Beispiel ist kaum ein Dorf zu finden, das nicht seine Schlafmohnfelder unterhält. Die Schlafmohnpflanze ist ein anspruchsloses Gewächs, das auf karger Krume gedeiht: Die ideale Kulturpflanze in einer vom Krieg zerstörten Agrarlandschaft – und oft einzige Einnahmequelle für die Bauern Afghanistans.

Kandahar, Helmand und Nangarhar sind Provinzen, in denen das Geschäft mit dem Opium prosperiert – alle Provinzen stehen unter der Kontrolle der Mudschaheddin. Mindestens 1300 Tonnen Opium haben die Bauern 1990 geerntet, so vermutet ein europäischer Drogenfahnder in Islamabad. Die mit den Mudschaheddin verbündeten Amerikaner schätzen die Ernte auf 400 Tonnen – weniger als ein Drittel der europäischen Schätzung. Über genaue Zahlen verfügt niemand; am ehesten die beiden Geheimdienste, die auf Seiten der Mudschaheddin operieren: Die pakistanische Inter Services Intelligence (ISI) und ihre amerikanische Patin, die CIA.

Die beiden Geheimdienste führen von Pakistan aus einen verdeckten Krieg gegen das sozialistische Regime in Kabul. Mindestens zwei Milliarden Dollar werden die Amerikaner bis zum geplanten Lieferstopp Ende des Jahres in die afghanischen Gotteskrieger investiert haben, während sie für die Drogenbekämpfung in Pakistan im vergangenen Jahr gerade fünf Millionen Dollar ausgaben. Die pakistanische ISI agiert als Treuhänder der amerikanischen Gelder, sie verteilt die Waffen und legt im Einvernehmen mit der CIA die taktischen Ziele für die Mudschaheddin fest.

Beide Geheimdienste werden verdächtigt, ihre schützende Hand auch über die Drogenhändler unter den Mudschaheddin zu halten. Der afghanische Opiumkönig Nazim Akhundzada etwa reiste 1989 ungefährdet nach Pakistan, um mit der US-Botschaft über die Vernichtung von 6000 Hektar Schlafmohnfeldern zu verhandeln. Ohne Erfolg. Weil die Amerikaner sich weigerten, zwei Millionen Dollar in bar auszuzahlen, zog Akhundzada sich grollend auf seine Bergfeste Musa Oila in der Provinz Helmand zurück. Offenbar ist niemand auf die Idee gekommen, den Drogenkönig noch in Pakistan zu verhaften. Kommandant Akhundzada ist schließlich ermordet worden. Am 25. März 1990 wurde er von den Killern des Gulbuddin Hekmatyar in Peshawar erschossen, persönliche Motive waren im Spiel – und das Opium von Helmand.

Nach Einschätzung westlicher Drogenfahnder zählt Gulbuddin Hekmatyar zu den größten Heroinproduzenten im „Goldenen Halbmond“. Er betreibe Labors in den pakistanischen Stammesgebieten und im Dreiländereck zwischen Pakistan, Iran und Afghanistan. Sein Schwager Mohamad Hascheem und die Jugendfreunde Janbaz Khan und Hazarat Gul sollen für Herstellung und Vertrieb des „weißen Pulvers“ verantwortlich sein.

Gulbuddin Hekmatyar ist Führer der fundamentalistischen Hezbe Islami, der wohl kampffähigsten afghanischen Widerstandsgruppe. Keine andere afghanische Exilpartei wurde von den Amerikanern so massiv unterstützt wie Hekmatyars extremistische Hezbe Islami. Eine Fehlinvestition, wie neuerdings auch US-Diplomaten eingestehen: Hekmatyar habe viele amerikanische Dollars nicht in den Kampf gegen die Kabuler Regierung gesteckt, sondern in sein Privatunternehmen investiert. Während des Golfkrieges unterstützte er offen den irakischen Diktator Saddam Hussein, und seine Gönner wandten sich von ihm ab.

Die Gunst der Amerikaner und Saudis genießt nun beispielsweise der erzfundamentalistische Mullah Yunis Khalis, der die Golf-Allianz der USA unterstützte. Daß auch Yunis Khalis vorgeworfen wird, in die Herstellung und den Handel mit Heroin verwickelt zu sein, stört amerikanische Diplomaten und Geheimdienstler offenbar nicht. „Keine Beweise“, sagen sie, obwohl der US-Drogenpolizei DEA sogar aufgefallen ist, daß mindestens drei Militärkommandanten des Yunis Khalis für Heroinlabors in der Provinz Nangarhar verantwortlich sind. Wie aber könnten die Kommandanten Rozuddin, Sayed Aga und Hafizullah Heroin produzieren, ohne ihren Chef davon in Kenntnis gesetzt zu haben?

Merkwürdigkeiten gibt es auch in der US-Botschaft von Islamabad. Dort arbeiten CIA-Agenten wie Drogenfahnder. Die einen jagen Rauschgifthändler, die anderen tolerieren sie seit Jahren. Im Streitfall setzt sich meist die Auffassung der Geheimdienstler durch. Es ist schon erstaunlich, wie wenig der US-Geheimdienst aus dem Heroindesaster während des Vietnamkrieges gelernt hat. In Indochina hatten die USA sich mit korrupten Regimes in Südvietnam und im Königreich Laos liiert, deren starke Männer die amerikanischen Soldaten mit Heroin belieferten. Die CIA-Airline Air America flog in den sechziger Jahren sogar das Opium von Bergstämmen, die sie gegen den Vietcong aufrüstete, zu den Raffinerien. Als Folge dieser CIA-Allianz mit den Heroin Syndikaten kehrte Ende der sechziger Jahre jeder fünfte GI heroinsüchtig aus Südostasien zurück. Die Süchtigen eröffneten den Markt in den USA. Um sie auf Entzug zu setzen, wurden Abhängige vor ihrer Heimkehr in der Bundesrepublik stationiert. Ihnen folgte – im Jahre 1969 – das erste Heroin nach Deutschland. Von hier aus hatte es 1898 seinen Weg um die Welt angetreten: Als „vorzügliches Beruhigungsmittel“ – erfunden und patentiert von der Firma Bayer – eroberte die Droge den Arzneimittelmarkt, eingesetzt vor allem gegen Erkrankungen der Atemwege und in der Kinderheilkunde.

Heute dagegen sorgt Heroin aus Pakistan und Afghanistan für die steigende Todesrate in der deutschen Fixer-Szene. Der amerikanische Geheimdienst hat den Drogenhandel nicht nur geduldet, sondern den Dealern auch die Wege geebnet: Jeder geheime Krieg braucht eine geheime Nachschubversorgung, für die nach den Erfahrungen der Drogenfahnder die Faustregel gilt: Wer für Geld Waffen ins Kampfgebiet schafft, der nimmt auf dem Rückweg für Geld auch Drogen mit. „Wir kontrollieren erst gar nicht“, sagt ein Logistik-Offizier der Mudschaheddin, der den Südwesten Afghanistans mit Nachschub zu versorgen hat.

Die Amerikaner haben aus ihrem Drogendebakel in Vietnam offenbar nur eines gelernt: Die Schmutzarbeit tun diesmal andere. So haben es gerade jene pakistanischen Generäle zu märchenhaftem Reichtum gebracht, die mit der Abwicklung der geheimen Versorgungslieferungen für die Mudschaheddin betraut waren. General Fazle Haq zum Beispiel, der eine innige Freundschaft zu Gulbuddin Hekmatyar pflegt und sich durch die Immunität eines Landtagsabgeordneten vor Strafverfolgung schützt. General Zia ul-Haq scheint sich, als er Pakistans Diktator war, keine Illusionen über das Ausmaß der Korrumpierung seines Machtapparates gemacht zu haben: Bevor er zu einem Staatsbesuch aufbrach, ließ der General seine Präsidentenmaschine samt Regierungsdelegation von Drogenfahndern durchsuchen.

Ihre beste Waffe gegen das Heroin haben sich die Amerikaner Mitte der achtziger Jahre selbst aus der Hand geschlagen. Weltweit fliegt eine Flugzeugstaffel des US-Außenministeriums Pestizid-Sprüheinsätze gegen Kokaplantagen und Mohnfelder – nur in Pakistan nicht. „Zu gefährlich“, sagt ein Diplomat des State Department in Washington. Die Heroinbarone besitzen inzwischen moderne Flugabwehrraketen der Marke Stinger, hergestellt in den USA. Ursprünglich waren sie von der CIA nach Afghanistan gebracht worden, um die sowjetische Luftherrschaft zu brechen.

Im publizistischen Windschatten des „Goldenen Dreiecks“ – der südostasiatischen Länder Birma, Laos, Thailand – ist das Anbaugebiet des „Goldenen Halbmonds“ so ein Jahrzehnt lang fast unbeachtet geblieben. Seit aber Westeuropa vom Heroin überschwemmt wird, versuchen die Amerikaner nun, das Ausmaß der eigenen Verantwortung zu verschleiern. Das Drogenreferat des US-Außenministeriums schätzt in seinem Jahresbericht, daß pakistanische Bauern 1991 etwa 125 Tonnen Opium gewinnen. Dazu addieren die US-Diplomaten rund 400 Tonnen Opium aus afghanischer Ernte – das macht insgesamt 525 Tonnen. Mit dem Umrechnungsfaktor: „Zehn Kilo Opium für ein Kilo Heroin“ läßt sich nun die Heroinproduktion beider Länder berechnen: Ungefähr 50 Tonnen, da ein geringer Teil des Opiums sofort konsumiert wird. Die jährliche Heroinproduktion im südostasiatischen „Goldenen Dreieck“ hat sich indessen nach Angaben der DEA bei 250 Tonnen eingependelt: Angesichts dieser Menge scheint die pakistanisch-afghanische Heroinproduktion weniger bedrohlich zu sein.

Europäische Rauschgiftfahnder bezweifeln indessen die Rechnung ihrer amerikanischen Kollegen; zur Anschauung empfehlen sie einen Ausflug ins Dir-Tal im nördlichen Pakistan. Nur selten verirrt sich ein ausländischer Besucher dorthin, obwohl das Tal für jedermann frei zugänglich ist. Im Tal selbst wird der Besucher keine Mohnpflanze sehen, wagt er sich aber in eines der Seitentäler, dann erblickt er Mohnfelder, soweit das Auge reicht. Europäische Drogenfahnder ließen die Felder vermessen und errechneten, daß allein die Bewohner eines Seitentales 1990 wohl 100 Tonnen Opium geerntet haben; das gleiche gelte für weitere Seitentäler. Das ergibt insgesamt 500 Tonnen Opium oder umgerechnet: 50 Tonnen Heroin. Aber nicht nur im Dir-Tal haben die Drogenfahnder Mohnfelder gesichtet, auch in den Seitentälern von Swat und in den Stammesgebieten. Außerdem hat die Opiumproduktion in Afghanistan wieder zugenommen: Der Bruder des ermordeten Opiumkönigs Nazim Akhundzada fuhr in diesem Frühsommer wieder eine volle Ernte ein. Noch im vergangenen Jahr hatten die beiden Brüder in der Hoffnung auf amerikanische Kompensation ihre Mohnfelder brachliegen lassen.

Ein europäischer Drogenfahnder schätzt deshalb die Heroinproduktion in Pakistan und Afghanistan auf etwa 250 Tonnen, fünfmal soviel wie die Amerikaner. Mag sein, daß der Europäer übertreibt und die Wahrheit wie so oft in der Mitte liegt. Aber die Amerikaner selbst veranschlagen den einheimischen Heroinverbrauch in Pakistan auf 112 Tonnen jährlich – 60 Tonnen mehr als ihrer Meinung nach dort produziert wird. Sollte Pakistan also zum Heroinimporteur geworden sein?

Noch etwas läßt mißtrauisch werden: Bei der Berechnung der Heroinproduktion leisten sich die DEA-Experten wissentlich einen groben Schnitzer, indem sie sich auf pakistanische Zahlen beziehen. Durchaus ungewöhnlich, denn die DEA vertraut bei ihren Nachforschungen anderswo auf der Welt kaum je einer Gastregierung. Die Zahlen für den Drogenreport über Pakistan lieferte so größtenteils die Behörde eines Mannes, den selbst US-Drogenfahnder nicht für verläßlich halten: die pakistanische Drogenpolizei in Peshawar und ihr Direktor Sajjad Hussain Zihil. Im Gespräch streitet der Direktor ganz einfach ab, daß in Regionen wie dem Dir-Tal alle Jahre wieder die Mohnfelder blühen.

Trotzdem bescheinigte US-Präsident George Bush der pakistanischen Regierung am 1. März 1991 in einer Mitteilung an den Kongreß, daß die pakistanische Drogenpolitik Fortschritte mache. Das US-Betäubungsmittelgesetz von 1988 legt dem Präsidenten eine derartige Einschätzung nahe: Fällt sie – wie im Falle Pakistans – positiv aus, gewährt der Kongreß dem Präsidenten Haushaltsmittel, mit denen er das jeweilige Partnerland bei der Drogenbekämpfung unterstützen kann. US-Drogenfahnder in Pakistan nennen die Einschätzung ihres Präsidenten schlicht „Camouflage“. Diplomaten in Islamabad glauben, daß es Bush nicht nur um die Anti-Drogenpolitik geht. Der Präsident will offenbar die Beziehungen zum wichtigsten US-Verbündeten in Südasien stabilisieren.

Sein Lob begründete Bush unter anderem damit, dem pakistanischen Zoll sei ein Schlag gegen die Heroinproduzenten geglückt, wie es ihn bislang in Pakistan nicht gegeben habe: Im Herbst 1990 beschlagnahmten Zöllner in Karatschi einen Container randvoll mit Essigsäure-Anhydrid: 19 005 Kilogramm, verpackt in schwarze Plastikbeutel à 35 Kilo. Nach Schätzung der DEA in Islamabad genug Stoff, um bis zu 25 Tonnen Heroin zu raffinieren. Jack O’Connor, der Chef der US-Drogenfahnder in Pakistan, sprach von einem „Jahrhundertfall“. Denn die Menge der Chemikalie und die professionelle Abwicklung des Importgeschäftes deuteten auf einen bis dahin unbekannten Organisationsgrad im Heroingeschäft.

Auf Drängen der Amerikaner hat die pakistanische Regierung im April 1991 Essigsäure-Anhydrid zum genehmigungspflichtigen Einfuhrgut erklärt und so die rechtlichen Voraussetzungen für Ermittlungen geschaffen. Zum ersten Mal, so hofften die Amerikaner, werde es möglich sein, strafrechtlich gegen die Spitze der Heroinmafia vorzugehen. Das dürfte eine Hoffnung bleiben. Denn der pakistanische Zoll konnte nicht halten, was sich die DEA von ihm versprach. Mitte Mai 1991 wurden aus dem Container auf dem bewachten Zollgelände von Karatschi vier Tonnen Essigsäure-Anhydrid gestohlen. Ein Abgeordneter des Parlaments von Islamabad habe die Diebe geführt, behauptete ein Zeuge des Überfalls.

Die US-Botschaft in Islamabad verhängte eine Nachrichtensperre. Dann schlugen die Amerikaner zurück – ohne die Regierung in Islamabad zu informieren. Im Handstreich wurde der Container vom Zollgelände in Karatschi ins US-Konsulat geschafft.

„Ein Schlag ins Gesicht des Premierministers Nawaz Sharif“, empörte sich ein hoher pakistanischer Beamter. In der US-Botschaft in Islamabad will man seither von dem Container nichts mehr wissen; als hätten sich die verbliebenen fünfzehn Tonnen Essigsäure-Anhydrid in Luft aufgelöst. Eine Schlacht sei verloren, nicht der Krieg, beschwichtigt Jack O’Connor, der DEA-Chef in Pakistan.

Pakistan selbst ist der Verlierer im scheinheiligen Medienkrieg gegen die Rauschgiftsucht. Sogar die Regierung in Islamabad spricht heute von 1,2 Millionen Heroinabhängigen in ihrem Land. Eine Rate, fast doppelt so hoch wie die der USA. Noch mehr als das Ausmaß der Heroinkatastrophe schockiert das aberwitzige Tempo ihrer Entstehung. Noch 1980 zählte man in Pakistan kaum fünftausend Heroinabhängige. In Karatschi verkaufen und konsumieren schon Kinder Heroin. Als Parias der pakistanischen Gesellschaft fristen die Abhängigen ein Dasein in der Gosse der Achtmillionenstadt.

Nazim ist Abfallsammler, den Erlös seiner Tageswanderungen frißt das „weiße Pulver“. Seine Nahrung wühlt sich der 25jährige aus den Abfallcontainern der Luxushotels, Kleider zum Wechseln hat er nicht. Seit sechs Jahren reitet Nazim „auf dem Drachen“ – er raucht drei oder vier Heroinzigaretten am Tag. Wahrscheinlich wird er keine dreißig Jahre alt werden. Trotzdem möchte Nazim heiraten. Ein Wunschtraum, so illusorisch wie die Hoffnung auf Therapie: Für 1,2 Millionen Abhängige stehen 30 armselige Zentren zur Verfügung. Die Rückfallquote übersteige achtzig Prozent, sagt der Drogenarzt Mohammad Nawaz.

Selbst nach einer erfolgreichen Therapie gibt es keine Chance für einen Neuanfang: Arbeitslosigkeit ist ein Massenphänomen in pakistanischen Städten. Nazim braucht 150 Rupien am Tag, um Stoff einzukaufen. Sein Geld reicht selten. Dann liegt er heulend auf dem Bürgersteig und krümmt sich vor Schmerzen. Irgendwann wird er dort liegenbleiben, und man wird seinen Leichnam wegtragen, um ihn draußen vor der Stadt zu verscharren. Anders als bundesdeutsche Herointote wird Nazim dann nicht einmal in einer Statistik auftauchen. •