Das Wetter spielt mit, tiefhängende Wolken verdunkeln den Tag, und ein Herbststurm reißt die letzten Blätter von einer Platane im Innenhof eines alten Wiener Hauses. Einen Hof weiter hat früher Ingeborg Bachmann gewohnt. Jetzt lebt hier, am Wiener Heumarkt, der Schriftsteller Gerhard Roth. Die Kritik hat ihm "etwas von Stifterscher Genauigkeit" attestiert und ihn "neben Bernhard und Handke zu den bedeutendsten österreichischen Gegenwartsautoren" gezählt. Sein Verlag, der es versäumt hat, rechtzeitig Roths siebenbändigen Zyklus "Die Archive des Schweigens" als Kassette vorzulegen (einer der älteren Bände ist nicht einmal im Taschenbuch Programm zu finden), wirbt kräftig mit den guten Kritikernoten. Werbung und Interesse klaffen in diesem Verlag offenbar weit auseinander. Bis zum 50. Geburtstag des Dichters im nächsten Sommer aber soll alles wieder wettgemacht werden, heißt es.

Ein Tag ohne Licht, eine Buchpremiere ohne Bücher. Schmerzlich notiert der Besucher die Abwesenheit von Krähen auf der Platane im Innenhof. Während er sich Krähengerippe vorstellt, die klappernd den Baum umflattern, steigt er an einer gußeisernen "Basena" vorbei, einer gemeinsamen Wasserstelle für die gesamte Etage, über steinerne Stiegen hinauf zur Wohnung des Dichters. An der Tür klebt ein Zettel: "Bin gegenüber. Treten Sie ein!"

Gegenüber befinden sich die Arbeitsräume Gerhard Roths. Hier ist es fast gleißend hell. Nicht taghell: Das Licht erinnert eher daran, wie man ein Büro ausleuchtet oder eine Arztpraxis vielleicht. Hinter einem großen Holztisch, den er als Schreibtisch benutzt, sitzt Gerhard Roth in einem weiß getünchten Raum, dessen Wände mit Bücherregalen verstellt sind. Das alles habe er sich kaufen können, als er noch Geld hatte und in einem Grazer Rechenzentrum als Operator einen Computer programmierte. Er sei Abteilungsleiter gewesen. Hinter seinem Rücken an der Wand lehnen Arbeiten Gugginger Künstler, Patienten des Psychiaters Leo Navratil: Gemälde von August Walla, ein Gedicht von Ernst Herbeck, der erst kürzlich verstarb, und der Besucher erinnert sich an einen Satz aus Roths Roman "Am Abgrund", Band 4 des Zyklus. Dort heißt es: "Es kann ein Glücksfall sein, verrückt zu werden Diese Künstler, erklärt Roth, hätten Jahre, ja Jahrzehnte in der Gugginger Anstalt am Rande Wiens zusammengelebt, und doch hätte keiner den anderen vereinnahmt, noch nicht einmal beeinflußt. Jeder habe sein Eigenes behalten.

Der Platz des Besuchers ist ein Stuhl vor dem Schreibtisch des Dichters. Hier sitzt er wie der Kandidat vor dem Professor, der Patient vor dem Arzt, der Häftling vor dem Untersuchungsrichter. Eigentlich wollte der Besucher die Fragen stellen, aber nach kurzer Zeit hatte sich alles, bei einer Flasche Rose und auf angenehme Weise, in sein Gegenteil verkehrt. Es war wie bei Kafka: "Jemand mußte Josef K verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet Ein Verhör beginnt. Roth: "Hat Ihnen Ihr Vater eigentlich erzählt, was er im Krieg gemacht hat?"

Besucher: "Nichts Genaues "

"Haben Sie gefragt?"

"Ja "