Von Klaus Hartung

Das Auditorium maximum der Humboldt-Universität war übervoll. Es mangelte an frischer Luft und Kontroversen. Zwei Tage zuvor hatte die Gauck-Behörde den Rektor Heinrich Fink als inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi bezeichnet. Die Studenten, bitter, wütend, in der Erscheinung näher am jungen Brecht als an Benetton, applaudierten der Klage Finks. Sie beklatschten aber auch die Kritik am FDJ-Charakter der Veranstaltung und am „Heiligenschein“ für Fink. Viele hatten Angst, durch den Solidarisierungszwang die Chance einer modernisierten Universität zu verlieren. Eine gebrochene, verstockte, redliche Solidarität. Die Versammlung kam aus dem 41. Jahr der DDR. Alle fühlten sich vom vereinten Deutschland 1991 umzingelt. Ich fragte mich, was wäre 1968 passiert, wenn der Staat so massiv interveniert hätte wie im Falle der Amtsenthebung von Fink?

Ich sah eine DDR-Generation, die zwischen Protest und Anpassung zerrieben wird. Das scheint mir die wirklich schlimme Seite des Falles Fink zu sein. Die DDR-Vergangenheit ist förmlich verdinglicht in den Aktenkilometern, die die Stasi vererbt hat. Das Reden darüber, wer wie wodurch belastet ist, selbst der Mut des Belasteten, seine Geschichte offenzulegen, werden konterkariert durch die Macht der Akten.

So deprimierend es ist, daß die empörten Humboldt-Studenten gegen die Gauck-Behörde demonstrieren, als sei sie eine Nachfolgeinstitution der Stasi, so verständlich ist es auch. Aber was hilft das? Die pure Existenz der Akten verstärkt in diesem Land der Rechthaber eine fatale Tendenz, eher der Vergangenheit den Prozeß zu machen, als sich über die DDR politisch zu streiten.

Der Angeklagte in einem Strafverfahren hat das Recht zu lügen, ohne deswegen moralisch verurteilt zu werden. Er trägt selbst damit zur Wahrheitsfindung bei, weil es ja nicht um die letzte Wahrheit geht. Aber der öffentlich Angegriffene hat schon verloren, wenn er den Angeklagten spielt. Denn er steht immerhin einem emphatischen Begriff von Wahrheit gegenüber. Wenn jetzt Heinrich Fink mit ähnlichen Formulierungen wie Ibrahim Böhme oder Lothar de Maizière von Manipulation spricht, ein politisches Manöver entdeckt und im übrigen darauf beharrt, er habe keine Verpflichtungserklärung unterschrieben, dann verhält er sich als Angeklagter nur zu plausibel. Als öffentlich Angegriffener hat er sich gleichwohl moralisch selbst gedemütigt.

Die Flucht des Rektors in den Schutz der Angeklagtenrolle wird aber extrem erleichtert. Angesichts des fliegenden Wechsels vom Brief der Gauck-Behörde zur prompten Amtsenthebung durch den Wissenschaftssenator hätte es schon eines heroischen Aktes von Seiten des Betroffenen bedurft, um trotz belastender Dokumente auf den politischen Angriff zu reagieren, der in diesen Akten steckt. Das Problem ist die Vorherrschaft der Kategorie „Belastung“ in der Öffentlichkeit, eine quasi juridische, bürokratische Kategorie, die nur die Alternative zwischen üblem Spitzel und ehrlichem, aber gänzlich harmlosen Kommunisten übrigläßt. Insbesondere die ostdeutsche Öffentlichkeit schwankt haltlos zwischen der Entlarvung des Stasi-Skandals oder der Verharmlosung einer Stasi-Nähe, nach dem Motto: Berichte schreiben mußte doch jeder, der...

Dieser dominierende Begriff der „Belastung“ ist doppelt fatal. Zum einen wird die persönliche Integrität der ostdeutschen Elite den Kriterien des öffentlichen Dienstes und des Berufsbeamtentums unterworfen. Die Politiker können sich damit nach wie vor aus ihrer politischen Pflicht stehlen, endlich zu entscheiden, wie man es mit der DDR-Elite hält – ob mit ihr aus grundsätzlichen Erwägungen gebrochen wird oder ob ein historischer Kompromiß angezielt werden soll. Beide Alternativen würden auch zweideutige Kompromisse und tausend Ungerechtigkeiten im Einzelfall mit sich bringen. Aber es gäbe immerhin eine politische Absicht, über die sich streiten ließe, vor allem im Einzelfall. So aber steht im Zentrum des Problems, beide deutschen Gesellschaften zu versöhnen, die Gauck-Behörde. Die Frage nach dem Schicksal der DDR-Treuen wird dem dokumentarischen Fleiß dieses Amtes überlassen.