Der Endlos Roman, der nicht Form gewinnen und kein Ende finden will, gehört seit Lawrence Sternes "Tristram Shandy" zum festen Repertoire der europäischen Literatur. Auch wo er heiter daherkommt, schwebt die Drohung des Scheiterns über ihm: Die Autoren, von einem ebenso titanischen wie quälenden Willen zur Form getrieben, kämpfen auf aussichtslosem Posten. Nie kann ein solcher Roman, der den Kampf mit der Zeit aufnimmt, an sein Ziel kommen. Immer hat er etwas Monströses, Erratisches, und obendrein steht er stets im Verdacht, das Erzählerische zugunsten des Reflexiven und des Theoretisierens zu verraten, also konturlose Literatur Literatur zu werden. Er bewegt sich an der Grenze zur Sprache und in jener unerforschten Zone, in der die Genres sich kreuzen. Er macht ratlos, wird daher gerne respektvoll- gelobt und findet nur wenige Leser, die durchhalten.

Einen solchen Roman hat der Ungar Pe"ter Nädas geschrieben. 1300 Seiten umfaßt das Werk, an dem der Autor elf Jahre gearbeitet hat "Buch der Erinnerung" (im Original: "Buch der Memoiren"): So lautet der karge Titel, der ganz wörtlich zu verstehen ist. Der Roman besteht aus einer nicht abbrechenden Flut von Erinnerungen, die — dem Ordnungsschema des Buches zum Trotz — ineinander übergehen, sich verschränken und ineinanderfließen. Es geschieht ungeheuer viel in diesem Buch — und fast nichts. Nädas Roman kommt gewissermaßen nicht von der Stelle, er tritt, mit voller Absicht, auf ihr. Er bilanziert das Nicht Geschehen, den Stillstand der Zeit in der Zeit, er ist ein großangelegtes Exerzitium.

In einer knappen Vorbemerkung faßt Nädas sein obsessives Projekt in einem einzigen Satz von salomonischer Schlichtheit und Eleganz zusammen: "Es war meine Absicht, Erinnerungen zu schreiben, ein wenig wie Plutarch, parallele Erinnerungen verschiedener Personen zu verschiedenen Zeiten, und die verschiedenen Personen wären alle ich, ohne daß ich es wirklich wäre Auch das ist ganz wörtlich zu verstehen. Der Roman hat drei Ich Erzähler, die einander in strenger Abfolge der neunzehn Kapitel ablösen (lediglich das vorletzte Kapitel macht eine Ausnahme und führt einen neuen Ich Erzähler ein) und die drei toten Wirklichkeiten des Buches entwerfen.

Die erste ist im Ost Berlin der siebziger Jahre sowie im Ostseebad Heiligendamm angesiedelt. Der Erzähler, ein ziellos im sozialistischen Exil lebender ungarischer Schriftsteller, breitet die Geschichte einer Dreiecksbeziehung besonderer Art aus: zwischen der berühmten, ins Altern kommenden Schauspielerin Thea Sandstuhl, dem namenlosen Ich Erzähler und Melchior, der am Ende des Romans — von Fluchthelfern in einem Sarg über die Grenze gebracht — im Westen der Stadt sein wird. Schon hier das Beziehungsmuster, das den ganzen Roman durchzieht: Thea will Melchior, dieser aber verliebt sich in den Ich Erzähler. Jede der zahllosen Liebschaften des Buches hat etwas Unabgeschlossenes und ist ein Werk der Verschiebung. Stets wird über die geliebte Person auch der Kontakt zum "eigentlichen" Objekt des Begehrens gesucht, ein seines Zieles stets Ungewisses Verlangen pendelt unaufhörlich zwischen den Personen und Geschlechtern. Ein Zitat aus dem Buch Johannes gibt das Motto des Romans ab: "Er aber redete vom Tempel seines Leibes Von nichts anderem handelt das Buch — nur daß der Tempel zugleich ein Gefängnis ist, daß das Begehren des Leibes und der Sinne ruhelos durch die Welt streift, den anderen verzweifelt sucht und doch nicht findet.

Die zweite Wirklichkeit des Romans ist im Ungarn der fünfziger Jahre angesiedelt und bewegt sich zwischen Stalins Tod 1953 und der ungarischen Revolution von 1956. Der Ich Erzähler memoriert und beschwört die Zeit seiner Jugend: die bettlägrige, todkranke Mutter, den Vater, ein unnachsichtiger Staatsanwalt des Regimes, der sich am Ende erschießen wird, die mongoloide Schwester, den regimefeindlichen Großvater und die vagabundierenden ersten Liebschaften des Knaben. Nädas ist weit davon entfernt, eine "politische" Geschichte aus den trostlosen fünfziger Jahren Ungarns zu erzählen: strikt verbannt er das große Geschehen der Zeit in den Hintergrund, in die Kulisse.

Das entspricht der Perspektive des Knaben und des Jugendlichen, meint aber viel mehr: Auch wenn die Schulfeier aus Anlaß von Stalins Tod und der Aufstand von 1956 (in dessen Verlauf Kaiman, ein Gefährte des Erzählers, erschossen wird) großen Raum einnehmen, auch wenn der Alltag des Mißtrauens, des Verdachts und der politischen Lügen stets gegenwärtig bleibt — der Rede ist dies alles dennoch nicht eigentlich wert. Denn, die Wirklichkeit dieser Gesellschaft, die als Gesellschaft nie auch nur im mindesten Kontur annimmt, ist vollkommen unwirklich. Die Zeit steht still, die Epoche lehrt nichts, sie ist vergebens (Eine der brillantesten Stellen schildert die unvermutete Begegnung zwischen einem Opfer des Regimes und seinem damaligen Ankläger: erst Scheu, dann doch Anklage sowie Rechtfertigung und schließlich ohnmächtige Komplizenschaft. Nirgendwo sonst ist mit solch bestürzender Intensität das dargestellt worden, was hierzulande unter dem Stichwort "Stasi Komplex" dumpf zerredet wird ) So sind es, wie in allen drei Wirklichkeiten des Romans, das Begehren und die rösselspringenden Liebschaften, die im Mittelpunkt stehen: erotische Suchbewegungen, die vom Skandal des — anderen wie eigenen — Geschlechts getrieben sind.

Die dritte Wirklichkeit schließlich ist im Deutschland der Jahrhundertwende angesiedelt. Der Ich Erzähler ist ein weiteres Alter ego des großen verborgenen Ichs, der junge Schriftsteller Thomas Thoenissen, der seine Jugend memoriert und — ganz im Stil der schwüleren Werke Thomas Manns — seine Leidenschaften und erotischen Phantasien analysiert, seziert und in einer Mischung aus Grauen und distanzierter Selbstverliebtheit bespiegelt. Deutlich zeichnet sich hier das androgyne Motiv des Buches ab; einmal ist von den Schnecken als den außergewöhnlichsten Geschöpfen der Natur die Rede, und es heißt: "Sie allein bewahren und leben die ursprüngliche Eingeschlechtlichkeit der Schöpfung, sie sind androgyn, sie verkörpern das, woran wir uns nur dunkel erinnern; vielleicht hat ihre außergewöhnliche Empfindlichkeit und Furchtsamkeit genau darin ihren Grund, daß jede von ihnen in sich vollkommen ist, daher müssen zwei Vollkommenheiten aufeinandertreffen, was eine unendlich schwierigere Aufgabe sein mag als eine gewöhnliche Ergänzung, und wenn sie endlich in vollkommener Wechselseitigkeit kopulieren, empfangen und geben sie l gleichzeitig Das ist der Traum des neunzehnten Jahrhunderts, der nietzscheanisch, marxistisch und auch — in verdünnter Form — bürgerlich geträumt wurde: der Träum von der endlichen und doch unerreichbaren Einheit. Dieser Traum mußte die Wirklichkeit zum Skandal machen. Und er ließ die Zeit auf der Stelle treten. Wir bleiben daher die Kinder, eingeschlossen in "die als unendlich empfundene Zeit der Kindheit". Das ist der Grund dafür, daß in Nädas Roman die Personen und Landschaften der Jugend alles überdecken.