Es liegt nahe, in Anlehnung an Walter Benjamin die Feststellung zu treffen, daß es die Melancholiker sind, die ihre Entdeckungen in der Vergangenheit machen, die uns Zusammenhänge aufzeigen, die wir bislang nur ahnten. Joachim Schlör, ein Tübinger Kulturwissenschaftler, gehört zu diesen Entdeckern, und was er uns entdeckte, hat er mit großer Liebe und Sachverstand beschrieben. Schlörs brillante Studie, ein Meilenstein der allzuhäufig von den Kathederhistorikern mit milder Nachsicht belächelten Kulturgeschichtsschreibung, ist eine ebenso umfassende wie überzeugende Analyse eines Mythos der Moderne: des Nachtlebens in der Großstadt.

Dieser Mythos fasziniert durch seine Ambivalenz, die sich dem Umstand verdankt, daß in ihm unterschiedliche, ja bisweilen widersprüchliche Elemente zusammengefügt sind, die den aus Lokkung wie Drohung gemischten und eben gerade deshalb um so unwiderstehlicheren Zauber des großstädtischen Nachtlebens ausmachten. Um diesen Zauber ist es heute längst geschehen, und was uns als solcher angepriesen wird, ist in aller Regel neonkalte Farce, die selbst den gutwilligsten Nachtschwärmer abschreckt.

Seinen Ursprung hat jener Mythos des Nachtlebens in der großen Stadt in einer Erfahrung, die den Erwartungshorizont, der das gesamte 19. Jahrhundert überspannte, wie keine andere beherrschte: der Französischen Revolution, für die Paris die wichtigste Bühne war, auf der sich in rascher Folge ein Geschehen abspielte, das ganz Europa fesselte und gleichzeitig zutiefst verstörte. Erst mit der Revolution fand die große Stadt als solche Eingang in das europäische Bewußtsein, insofern sie sofort als der Topos für eine sowohl permanente wie latente Gefährdung von Ruhe, Sitte und Anstand identifiziert wurde. In der Differenz, die sich zwischen Merciers achtbändigem "Tableau de Paris", das 178283 erschien, und den in sechzehn Lieferungen in den Jahren 1788 bis 1794 veröffentlichten "Nuits de Paris, ou le Spec"tateur Nocturne" von Restif de la Bretonne auftut, läßt sich die mit der Revolution gemachte Großstadterfahrung exemplarisch, saldieren: Bei Restif finden sich nämlich bereits vollständig alle jene Gefahren und Lockungen der in das Dunkel der Nacht gehüllten großen Stadt beschrieben, die mehr als ein Jahrhundert lang immer wieder die Gemüter der auf öffentliche Sicherheit, Moral und Gesundheit Bedachten beschäftigen sollten. Joachim Schlör hat sich aber dennoch aus guten Gründen einen engeren Zeitrahmen für seine Darstellung gewählt. Erst um 1840 nämlich beginnen sich zwei Entwicklungen deutlich miteinander zu verschränken und sich gegenseitig zu beeinflussen: zum einen das rapide Bevölkerungswachstum, das alle überkommenen Dimensionen und Regeln städtischen Lebens radikal in Frage stellte, zum anderen "die Vertäglichung der Nacht", die künstliche Beleuchtung der innerstädtischen Räume durch ein Netz von Gaslaternen, das um 1840 in den drei von Schlör zum Exempel genommenen Metropolen sehr dicht geknüpft war. Die Verschränkung dieser beiden Entwicklungen zeitigte, wie Schlör anschaulich darlegt, jene überaus reizvolle Paradoxie, die das Kennzeichen des nächtlichen Lebens in der großen Stadt schlechthin wurde und die sich in die Formel fassen läßt: Je heller die Nacht, desto unübersichtlicher das Geschehen, das sich in der Großstadt ab spielte. Die zum Tag gewordene Nacht brachte nämlich vorzüglich alle Schattenseiten des großstädtischen Lebens zum Vorschein wie beispielsweise die milieubeherrschende Dominanz des Lumpenproletariats, der classes dangereuses, als welche sie der Polizeichef von Paris, H. A. Fregier, in einer 1840 erschienenen Untersuchung, die die vielfältigen Ängste und Obsessionen seiner Zeitgenossen widerspiegelte, bezeichnete. Recht aufschlußreich aber ist, daß die besondere Gefahr dieser classes dangereuses für Fregier vor allem darin besteht, daß sie beständig in der Stadt unterwegs sind und sich derart jeglicher Kontrolle entziehen. Mit anderen Worten: Das graue Heer der Obdachlosen, der Straßenprostituierten, Bettler und Schnäpper fiel nächtens deshalb besonders auf weil dessen Angehörige überall dort zusammenströmten, wo es besonders hell war und das Leben pulsierte: bei den zentralen Markthallen oder in der Umgebung der großen Bahnhöfe, Orte, die auch rasch zu Kristallisationspunkten von Vergnügungsstätten wurden.

Das Leben, das durch die künstliche Helligkeit, in welche die Nacht getaucht war, hervorgelockt wurde, machte in seinem verwirrenden Treiben die Unterschiede zu früheren Zeiten überdeutlich: Denn war die vordem in der Stadt herrschende nächtliche Finsternis, die in der laternenbewehrten Gestalt des Nachtwächters ihr Symbol hatte, ein strikt beachteter Ordnungsfaktor, insofern jedermann bei Strafe dazu verpflichtet war, nach Einbruch der Dunkelheit sich in seinem Haus aufzuhalten, wurde nun die zum Tag gewordene Nacht in der Großstadt zu einem Faktor der Unordnung. Der verführerisch funkelnde Lichterglanz der nächtlichen Großstadt illuminierte eine Fülle sozialer Aktivitäten, für deren Entfaltung eben jene Stunden zwischen Traum und Tag eine wesentliche Bedingung waren: Vergnügen und Verbrechen.

Die Pathogenese dieser nächtlichen Anarchie der Leidenschaften, die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, in der Belle fipoque, ihren absoluten Höhepunkt erlebte, ist das eine Thema von Joachim Schlörs vorzüglich geschriebener Geschichte des großstädtischen Nachtlebens. Allein in Paris, über das der Amerikaner Richard Davis in seinem 1895 erschienenen Buch "About Paris" sagte: "Amerikaner gehen nach London gesellschaftlicher Triumphe wegen oder um Eisenbahnaktien auf dem Markt zu plazieren, nach Rom der Kunst wegen, aber nach Paris, um sich ins Vergnügen zu stürzen", gab es um 1900 rund 27 000 Cafes.

Das andere und damit eng verzahnte Thema von Schlörs Darstellung ist das der zumeist vergeblichen Bekämpfung und Kontrolle der von der Obrigkeit wie den Sittenaposteln der Zeit stets als höchst gefährlich angesehenen nächtlichen Ausschweifung und Anarchie in der großen Stadt. Und so war es denn auch nicht der schließliche Triumph polizeilicher oder moralischer Repression, der das urbane Nachtleben um 1930 zugrunde richtete, sondern vielmehr dessen Banalisierung. Das einst von Gefahr und Verlockung umwitterte Vergnügen der Großstadtnacht verkam schließlich unter dem Ansturm immer größer werdender erlebnishungriger Massen in der international standardisierten Monotonie "industrialisierten Frohsinns", wie wir es heute kennen.

Joachim Schlör beschließt seine Studie mit der Hoffnung, daß es vielleicht gelinge, "Spuren des Verlorengegangenen wiederzufinden: die Erlebniswelt Großstadtnacht neu zu öffnen". Ich habe da meine Zweifel. Denn jenes Nachtleben in der großen Stadt, das uns Schlör so anschaulich schildert, ist, sucht man es in unseren Tagen, doch nur eine Feerie, die blaß und fahl wie eine Operndekoration am Morgen wirkt.