Ein Skandal. Der wichtigste Schriftsteller Neuspaniens war eine Frau "Ein Leichnam, ein Staubgespenst", wie sie sich selber nennt. Eine Nonne des 17. Jahrhunderts auf der "Flucht aus der Weiblichkeit", wie die Buchgelehrten seither behaupten.

Die Dame, die auf den Portraits der Zeit vor schweren Ledereinbänden mit unverzückter Miene die Feder hält, war eine Ausnahmeerscheinung im katholischen Marionettenstaat und Vizekönigreich Neuspanien "Eine Tochter der Kirche", ein uneheliches Kind, das nie heiraten will. Eine vom Wissen Verzückte, die sich schon im Alter von drei Jahren heimlich in die Schule schleicht. Sie ißt keinen Käse, weil sie fürchtet, davon zu verdummen. Sie schneidet sich die Haare kürzer, weil sie ihre Latein Lektion noch nicht aufsagen kann. Sie will als Junge verkleidet auf die Universität. Und wird statt dessen als Hofdame an den Hof des Vizekönigs geschickt, um diesen bald darauf als Nonne verkleidet wieder zu verlassen.

Ihr Hirn, behauptet die Nonne in der gerade auf deutsch erschienenen Lebensrechtfertigungsschrift "Antwort an Schwester Philothea", konnte nicht anders, als bei allem, was sie sah, "war es auch noch so klein und plump", in tiefes Nachdenken zu verfallen. Der Wissensdurst war ihre Krankheit, das Kloster ihre Heilanstalt "Ich trat ins Kloster ein", schreibt sie, "obwohl ich wußte, daß dieser Stand Dinge mit sich brachte, die meinem Charakter widersprechen mußten Ich glaubte mir entfliehen zu können, aber ich Armselige brachte mich selbst mit und mit mir meinen ärgsten Feind, diese. Leidenschaft, von der ich nicht weiß, ob sie ein Geschenk oder eine Strafe des Himmels ist Sie lebt 25 Jahre im Kloster, schreibt ungezählte Sonette, Tänze, Dramen und Romanzen. Entsagt schließlich der Literatur und den Studien, verschenkt ihre Bibliothek und stirbt mit 46 Jahren an der Pest.

Kann man einen Menschen verstehen?

Sartre hat in seiner uferlosen Flaubert Biographie, "Der Idiot der Familie", alles zusammengesammelt, was es über Gustave Flaubert und seine Epoche zu sammeln gab. Er wollte das Unerklärliche "totalisieren", die Leere zwischen den Erklärungen mit neuen Informationen füllen, "bis jede Information in ihrem Kontext zum Teil des Ganzen wird". Sartres Flaubert wurde im Würgegriff des Philosophen zu einem doppelten Gustave, "einem einzelnen Allgemeinen", zu einem dialektischen Monstrum.

Octavio Paz hat nun mit seiner 700seitigen Biographie über Sor Juana Ines de la Cruz ein Gegenbuch zu Sartres Musterbiographie geschrieben. Schwester Juana bleibt unter seinen Philologenhänden ein fernes kulturgeschichtliches Ereignis, ein bizarres Wortwesen — ach, ein Beispiel nur. Zwischen der Nonne und ihrer Zeit gibt es. für Paz nur unbestimmte Bande und den unbestimmbaren Zufall. Er spricht von "Reimen", von "Korrespondenzen". Von Kausalitäten spricht er nicht.

Zwar stellt auch Paz die Nonne in den geistesgeschichtlichen und sozialen Zusammenhang ihrer Zeit, doch erwürgt er sie nicht durch den Schematismus eines strengen methodischen Verfahrens. So kann sie ihm immer wieder entkommen. Und vieles bleibt ein Rätsel.