Auf dieses Buch haben wir lange gewartet. Denn dieses Buch ist weniger ein Buch als ein Spielzeug. Zu "lesen" in des Wortes strengerem Sinne gibt es nahezu nichts. 249 Zeilen ist das Büchlein lang und schwer — ist also sogar noch etwas kürzer als die letzten Schriften des bekannten Fußballdichters P. Handke ("Die Angst des Tormanns vor der Jukebox" u a ).

Für ein so kurzes Buch hat das Buch einen ziemlich langen Titel: "Bola Fura Redes und der Torhüter". Geschrieben hat es der brasilianische Dichter Jörge Amado, und der ist beinahe achtzig Jahre alt — also in einem Alter, in welchem sogar die Dichter höflich werden und ehrlich. Höflich fragt er die Leser gleich im ersten Satz: "Habt ihr Lust, zuzuhören?" Und ehrlich gibt er fünf Zeilen später bekannt, daß sein Werk nicht gerade zu den sog. Hauptwerken gehört: "Eine kleine Geschichte, kaum der Rede wert, kurz und verrückt wie das Leben Aber diese Bescheidenheit des Dichters ist, wie wir im folgenden überzeugend darlegen werden, nur eine List.

Aufgemacht ist das Buch wie ein mittleres Kinderbuch — mit viel zu großen, plumpen, grellbunten Bildern (von Aldemir Martins). Auch das ist eine List. Das Buch kommt in der Tarnkappe des Winzlings daher — und verbirgt damit trickreich, daß es sich in Wahrheit hierbei um ein philosophisches Hauptwerk unserer Jahre handelt. 249 Zeilen. Das ganze Buch hätte (ohne Bilder!) mühelos Platz auf der Außenhaut eines Fußballs. 249 Zeilen. Man könnte das ganze Buch, statt es schwitzend zu rezensieren, auf dieser Zeitungsseite abdrucken — und hätte damit immer noch einen der kürzeren Beiträge zu dieser Literaturbeilage geliefert. 249 Zeilen. Man könnte sich aber auch endlich den ältesten aller Rezensententräume erfüllen: einmal eine Kritik, die länger ist als das kritisierte Buch! 250 Zeilen zu 249 — das wäre das Traumergebnis, der schönste aller Siege. Fürchte dich nicht, Leser! Auch eine Literaturkritik muß rund sein wie ein Ball — weshalb es besser ist, sie mit Luft zu füllen als mit Blei. Weshalb wir nun unverzüglich zur Sache kommen und zum Schluß.

Ein Zweipersonenmärchen. Ein Fußball und ein Fußballtorwart. Im Deutschen (der Ball und der Torwart) würde daraus eine reine Männersache, von eher subkutaner Erotik. Im Brasilianischen aber ist der Tormann ein Mann, der Ball ("A Bola") hingegen ein Weib.

Und damit kommt die Herzenskugel ins Rollen, und schon in Zeile 72 passiert das Unvermeidliche: "Doch dann, eines Tages, geschah, was bei allen menschlichen Wesen geschieht: Bola Fura Redes verliebte sich. Sie verlor ihr Herz ausgerechnet an einen schwachen und untauglichen Torhüter. Man nannte ihn nur Bilo Bilo, den Fliegenfänger "

An dieser Stelle der Dichtung angelangt, die man (je nach Intelligenz und Leidenschaftlichkeit) entweder tiefweise oder saublöde finden kann, muß sich der Leser entscheiden. Entweder er spielt nun kindlich mit, samt allen Konsequenzen. Oder er verläßt beleidigt Spielfeld und Buch. Bola ist rund, schön, perfekt, Bilo ist ein Versager. Die Tore, bei denen Bola ins Netz fliegt, sind die schönsten. Die Tore, die Bilo passieren läßt, sind die peinlichsten — bei der höchst wünschenswerten Verfilmung des Buches könnte nur Woody Allen die Rolle spielen, und zwar ohne Brille! Ein Fußballbuch, ein Kinderbuch. Aber am meisten "Das kurze Buch über die Liebe". Bola, deren einzige Leidenschaft es bisher war, hochelegant ins Netz zu fliegen, hat nun nämlich nur noch eine Sehnsucht: an Bilos Brust, in Bilos Armen zu landen. Woraufhin aus dem unseligsten aller Torhüter plötzlich der erfolgreichste wird. Die Liebe einer Frau (und wenn sie ein Fußball ist), so lernen wir gerührt, macht aus jedem Pechvogel ein Genie. Die Liebe, zweitens, macht aus den Liebenden Idioten. Die Liebe, drittens, kostet die Liebenden die Karriere (Zeile 243) — denn natürlich kann die herzlose Fußballwelt diese unmögliche, skandalöse Romanze auf Dauer nicht dulden. Es fallen keine Tore mehr, weshalb man die Torheiten des Torhüters und seiner kugeligen Mätresse für alle Zeiten unterbindet. Rote Karte für Bola und Bilo Bilo. Aber keine Angst, Leser, sechs Zeilen kommen noch, und es wird alles, al gut!

Noch tiefsinniger und folgenreicher allerdings als die erotischen Einsichten des Buches sind seine fußballphilosophischen Implikationen. Amados Märchen konnte nur ein Mann schreiben, der Fußballfreund, Dichter und Brasilianer in Dreieinigkeit, Dreieinfältigkeit ist. Der brasilianische Fußballer nämlich "schießt" den Ball nicht und "tritt" ihn nicht; er liebkost ihn, er umwirbt ihn wie eine stolze, spröde lederne Geliebte. Dabei verliert er gern den strategischen Sinn, das kriegerische Ziel des Fußballspiels aus den Augen. Er kann sich "vom Ball nicht trennen" — denn wenn der Ball wegfliegt vom Fuß, egal ob ins Tor oder Aus, dann ist er weg. Dann ist sie weg, Bola, die Geliebte.