Von Hubert Markl

Sind Natur und Chemie Gegensätze, wie viele Zeitgenossen meinen, oder handelt es sich hierbei um ein landläufiges Vorurteil? Gibt es eine „Natürlichkeit der Chemie“, oder ist dies ein Widerspruch in sich?

Die Chemie befaßt sich überwiegend mit natürlich vorkommenden Stoffen und den Möglichkeiten ihrer künstlichen Veränderung. Dieser äußerst weitreichende Zweig der Naturwissenschaft erschließt uns Kenntnisse über die Stoffe, aus denen die Gestirne sind, bis hin zu den Substanzen, die Gehirne instand setzen, über die Welt und sich selbst nachzudenken. Ob das alles nur auf Chemie beruht, sei dahingestellt. Aber daß wir nichts in der sinnlich erfahrbaren Welt wirklich verstehen, wenn wir nicht auch dessen stoffliches Substrat begreifen, das darf als ausgemacht gelten.

Deshalb muß auch jede Naturphilosophie zuerst zur Kenntnis nehmen, was uns die Chemie über die materielle Wirklichkeit lehrt. Damit sind wir bereits bei einem wesentlichen Aspekt der Natürlichkeit der Chemie. Denn wenn Chemie die wissenschaftliche Erforschung aller Zustandsformen der Materie (abgesehen von den Elementarteilchen) bedeutet, so müssen wir die Natürlichkeit der Chemie als trivial und selbstverständlich konstatieren.

Warum grassiert dann die Auffassung, daß „Chemie“ das Gegenteil von „Natur“, daß „chemisch“ gleichbedeutend mit „unnatürlich“ oder gar „widernatürlich“ sei? Wie kann dann „chemischer“ Landbau als schlecht, „natürlicher“, meist „biologischer“ genannt, hingegen als gut gelten? Wie kommt es, daß „chemisch“ und „biologisch“ im Alltag und in den Medien häufig als Gegensatz dargestellt werden? Chemische Arzneimittel – verdächtig; biologische oder Naturheilmittel – her damit!

Dieses seltsame Phänomen wird verständlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, mit welch mageren Chemiekenntnissen man in Wort und Schrift, im Fernsehen und in politischen Foren lautstark zu Wort kommen kann. Offenbar wird Meinungsführerschaft auch nicht dadurch behindert, daß man herzlich wenig davon weiß, wie es in der lebendigen Natur zugeht, vor allem: wie chemisch es in ihr zugeht.

Die antiken Philosophen haben viele Gedanken darauf verwandt, aus welchen unteilbaren Elementen die Welt zusammengefügt sei: aus Wasser, Erde, Luft oder Feuer. Im Lauf der Geschichte gab es noch viele weitere Variationen des Weltbildes. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war die Frage, aus welchen Elementen die Welt zusammengesetzt ist, ins Belieben philosophischer Gedankenspiele gestellt. Heute wissen wir vor allem dank chemischer Forschung, daß es nur etwa hundert natürliche Elemente gibt. Damit ist die uralte Debatte über die Existenz verschiedenster Elemente beantwortet, das Imaginationstheater unbegrenzter Möglichkeiten geschlossen.