Von Benjamin Henrichs

Ein paar Kilometer von hier, ruhraufwärts glaube ich, traf ich zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben den Dichter Thomas Bernhard. Zehn Jahre ungefähr ist es her. Wir saßen an der Bar des gepflegten Parkhotels von Witten an der Ruhr, tranken Bier – und redeten. Das heißt, es war natürlich genauso wie in den Komödien von Thomas Bernhard. Einer redete, und einer hörte zu. Der Dichter redete (leise, in sein Bierglas hinein), und der Kritiker hörte ergriffen zu. Und so redeten die beiden Herren, worüber ein Theaterdichter und ein Theaterkritiker reden müssen – übers Theater. Aber nicht über irgendwelche Randerscheinungen des Gewerbes wie zum Beispiel Regisseure, Intendanten oder Kritiker. Sie redeten über die, auf die es ankommt auf dem Theater – über die Schauspieler.

Thomas Bernhard hatte am Abend in Bochum sein Stück "Der Weltverbesserer" gesehen, mit Edith Heerdegen und Bernhard Minetti. Und so redeten wir natürlich erst einmal über Minetti, den Lieblingsschauspielkünstler des Dichters. Nein! für Minetti werde er kein Stück mehr schreiben, so Bernhard, mehr als dieser "Weltverbesserer" sei doch gar nicht mehr möglich. Nein! für Minetti nicht mehr! (Eine Drohung, die er dann glücklicherweise nicht wahrgemacht hat.) Für wen aber dann? Vielleicht noch eines für Bruno Ganz, ein zweites, nach "Der Ignorant und der Wahnsinnige". Vielleicht.

Vielleicht aber auch ein Stück für eine Schauspielerin aus Bochum – er habe sie auf der Bühne gesehen, so Bernhard, und einmal, da habe er sie in Bochum über die Straße gehen sehen. Und seit diesem Augenblick wolle er ein Stück für sie schreiben.

Bevor wir weiterreden und weiterschweigen konnten, hatte der Dichter unsere Biere bezahlt und war gegangen.

Thomas Bernhard hat dieses Stück, Sie alle wissen es, tatsächlich geschrieben. Er hat es gleich drei Schauspielern gewidmet, ja, toller noch, er hat es nach ihnen benannt. Das Stück heißt "Ritter, Dene, Voss", und natürlich hätten auch Ilse Ritter oder Gert Voss diesen Schauspielerpreis verdient, aber am meisten, glaube ich, verdient ihn Kirsten Dene – die ich heute übrigens zum ersten Mal außerhalb der Bühne sehe, und wieder fließt die Ruhr ganz nahe vorbei.

Die Schauspielerin hat keine Premiere heute, der Kritiker muß nicht rezensieren – kein Lampenfieber auf der Bühne, kein Bangen im Parkett. Wie schön! Dies wird, sagt Becketts Winnie (eine Rolle, die Kirsten Dene, glaube ich, noch vor sich hat), "dies wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein"! Und damit könnte meine Rede, die keine Rede werden soll, eigentlich schon glücklich zu Ende sein. Aber ...