Ein Familienbriefwechsel ganz eigener Art liegt hier vor. Gewöhnlich gibt es einen Helden, dessentwegen wir uns auch für seine Familie interessieren. Wir nehmen sie als biographisches Umfeld, eine Kulisse, die um unseren Helden herumsteht und in der er agiert. So aber verhält es sich nicht bei den Schopenhauers. Der Vater stirbt 1805, die Mutter 1838. Als die Schwester Adele 1849 stirbt, steht der große Durchbruch Arthur Schopenhauers immer noch aus. Erst zwei Jahre später beginnt seine steile Karriere. Keines der Familienmitglieder hat das erlebt. Sie sind alle vor Arthur Schopenhauers großer Zeit gestorben "Diese Familie hat sich nichts geschenkt", schreibt der Herausgeber dieses Familienbriefwechsels in einem instruktiven Vorwort.

Tatsächlich: In dieser großbürgerlichen Familie geht es nicht familiär zu, es fehlt das symbiotische Biotop. Diese Familie ist eine Schule des Narzißmus der kleinen und großen Differenz. Sich unterscheiden, Individualität — darauf kommt es in ihr an "Kein Glück ohne Freiheit", so lautete das Lebensmotto des Vaters. Das führte dazu, daß aus der Familiengeschichte ein Familiendrama wurde, dessen Zeugen wir durch diesen Familienbriefwechsel werden, der alle erhaltenen Briefe der Eltern und der Schwester an Arthur (und umgekehrt) enthält.

Der Vater, Heinrich Floris, ist ein patrizischer Handelsherr, der seinen Sohn zu einem ebensolchen machen möchte: tüchtig, unabhängig, bürgerstolz. In den wenigen Briefen des Vaters an den Sohn zwischen 1799 und 1805 wird Arthur immer wieder zur aufrechten Haltung ermahnt: "Die schöne Stellung am Schreibpulte wie im gemeinen Leben ist gleich nöthig; denn wenn man einen so darnieder gebükten gewahr wird, nimmt man ihn für einen verkleideten Schuster oder Schneider" (23. 10. 1804). Bloß das nicht. Deshalb soll der Sohn seinen Prinzipal in Danzig bitten, ihm "einen Schlag zu reichen", wenn er wieder krumm herumsteht. Nicht nur gegen krumme Haltung, auch gegen krumme Buchstaben und krummen Stil schreitet der Vater ein. Seine diesbezüglichen Ermahnungen sind allerdings selbst in abenteuerlichem Stil abgefaßt: "Heute am 8. Tag hat die Mutter dir einen langen Brief erlaßeh, den ich dir bitte, sehr ernstlich zu behertzigen, sonst ich äußerst aufgebracht seyn würde, denn schreiben du durchaus lernen mußt in gantzer Vollkommenheit, und die anderen Dinge bloß Nebensachen dagegen sind" (26. 7. 1803). Die Mutter flankiert die Erziehungsmaßnahmen des Vaters in elegantem, plauderhaften Stil. Sie rezensiert die Briefe des Sohnes: "Die Wahrheit willst Du, soll mit Ihrer Fackel die ägyptische Finsterniß in England durchbrennen, wie kannst Du der Wahrheit so etwas zumuthen? Eine Finsterniß kann soviel ich weis, wohl erleuchtet werden aber brennen, mein Sohn, brennen kann sie wahrhaftig nicht" (4. 8 1803). Stil gehört bei den Schopenhauers einfach zur bürgerlichen Stattlichkeit. Die Kunst, sich von anderen zu unterscheiden, beginnt bei der Sprache. Selbstbewußtsein, Realitätssinn, Weltoffenheit, Stil — das kann Arthur im Elternhaus lernen, aber die emotionale Atmosphäre ist herb und kühl, denn Johanna, die Mutter, hadert mit ihrer Mutterrolle. Sie hat sich mehr von ihrem Leben versprochen. Sie liebt die große Welt, geographisch und gesellschaftlich. Sie liebt das Schöngeistige, vor dem sie ihren Sohn warnt. Sie will ihr eigenes Leben. Daß sie es nicht hat, daran erinnern sie die Mutterpflichten täglich. Mit der Geburt Arthurs 1788 war die Falle zugeschnappt. Der Tod ihres Mannes 1805, vermutlich ein Selbstmord, wirkt als Befreiung. Der Sohn erscheint ihr allzu kummervoll, was ihr auf die Nerven geht: "Mein Wunsch ist, daß Dein Schmerz sich gemäßigt habe, nachdem Du der Natur den Tribut an Trauer geleistet hast und daß du angefangen haben mögest, Deinem Schmerz mehr philosophisch ins Auge zu sehen "

Während der Sohn sich zu solcher "Philosophie" noch nicht ermutigen kann, handelt sie, mit großer Lebhaftigkeit, wie neu geboren. Sie löst das Handelsgeschäft in Hamburg auf, nimmt ihren Wohnsitz in Weimar. Sie möchte den erlauchten Häuptern der Kultur nahe sein, auf dem Olymp ihr geselliges Talent erproben. Johanna ist dabei, sich eine neue Welt zu erobern, während Arthur noch klaftertief in der alten, der väterlichen Welt steckt, genauer: in der des Vaters wegen begonnenen Kaufmannslehre. Am Tag der Abreise nach Weimar entzieht sie sich der Abschiedszeremonie. Am Morgen des 21. September 1806 findet Arthur nur noch einen Brief vor, den die Mutter nachts geschrieben hat: "Du bist eben fortgegangen; noch rieche ich den Rauch von Deiner Cigarre, und ich weiß, daß ich Dich in langer Zeit nicht wiedersehen werde Auffällig die Erwähnung des Zigarrenrauchs beim letzten gemeinsam verbrachten Abend: Sie will Arthur weniger als Sohn denn als Mann in Erinnerung behalten. Sie wünscht sich den 18jährigen selbständiger, als er ist. Er soll für sich selbst Verantwortung übernehmen.

Nach dem Abbruch seiner Kaufmannslehre zieht es auch Arthur nach Weimar. Das versetzt die Mutter in Alarmzustand: Sie fürchtet um ihre Freiheit, denn sie weiß, welche Freiheiten sich Arthur herausnimmt. Sie zeichnet ein Portrait ihres Sohnes, das diesem begreiflich machen soll, weshalb ihr an räumlicher Distanz so viel liegt: "Du bist kein böser Mensch, Du bist nicht ohne Geist und Bildung aber dennoch bist Du überlästig und unerträglich, und ich halte es für höchst beschwerlich mit Dir zu leben, alle Deine guten Eigenschaften werden durch Deine Superklugheit verdunckelt und für die Welt unbrauchbar gemacht, blos weil Du die Wuth alles besser wissen zu wollen, überall Fehler zu finden außer in Dir selbst nicht beherrschen kannst. Niemand kann es ertragen von Dir der doch auch so viele Blößen giebt sich tadeln zu lassen Solch eine ambulirende Litteraturzeitung wie Du gerne seyn möchtest, ist ein langweiliges gehässiges Ding, weil man nicht Seiten überschlagen oder den ganzen Kram hinter den Ofen werfen kann, wie mit den gedruckten" (6. 11. 1807).

Da nun aber Arthur nicht von Weimar fernzuhalten ist, legt sie ausdrücklich die Beziehungsregeln fest: damit "beyder Freiheit kein Abbruch geschieht". In diesem Zusammenhang formuliert Johanna jenen Satz, der ihr ganzes Verhältnis zum Sohn auf den Punkt bringt: "Es ist zu meinem Glücke nothwendig zu wissen daß Du glücklich bist, aber nicht ein zeuge davon zu seyn "

Arthur hat sich über den Distanzwunsch der : Mutter hinweggesetzt, einige Jahre später wird er dann sogar den Ersatzpatriarchen bei ihr spielen, in ihr Leben hineinregieren wollen, er wird sich mit ihrem Hausfreund anlegen und ihr einen schlimmen Vorwurf machen: Sie habe den Vater durch ihre Selbstsucht und Gleichgültigkeit in den Tod getrieben.