Von Rolf Michaelis

So bilderselig ins Schreiben verliebt hat seit Jean Paul keiner übers Schreiben geschrieben wie der 1953 geborene Ulrich Holbein. Gibt es etwas, das dieser lesewütige Autodidakt nicht weiß?

Man denkt, seine bis zur Skurrilität mit Wissen gefüllten Bücher lesend, an einen Bücherwurm, der noch sein Nachtlager in einer Universitätsbibliothek aufgeschlagen hat. Nichts da, der Mann lebt auf dem Lande, in einem Dorf im Oberhessischen. Aus solcher Abgeschiedenheit kommt die Anmut, mit der Ulrich Holbein zu uns spricht. Bücher, Lexika, Zettelkästen mögen – wie bei Jean Paul – Schränke, Regale, Tische füllen: das Wissen beschwert seine Bücher nicht, sondern macht sie seltsam leicht. Witzig, kurios, anregend: so sind Holbeins Bücher, die Literatur-, Musik- und Kunstwissenschaft verbinden zu einer lehrreichen Vergnügungswissenschaft für Leser.

Kühn kommt Ulrich Holbein gleich in seinem ersten Buch, "Der illustrierte Homunculus – Goethes Kunstgeschöpf auf seinem Lebensweg durch hundertfünfzig Jahre Kunstgeschichte" (1989), zur Sache: "Vorliegende Arbeit schließt eine wissenschaftliche Lücke. Die Illustrationen, die den im Grunde nicht illustrierbaren Homunculus unermüdlich vor Augen führen, sind noch nie ikonographisch erfaßt, zusammenhängend erläutert, gedeutet, noch nie in einem Buch gesammelt, an einem Ort gleichzeitig gesehen worden. Trotzdem ist hier nicht der Ort, Fußnoten kiloweise zu produzieren oder die üblichen Faust-Zitate, versehen mit vierstelligen Zahlen aus schlaffer Textmasse hervorfunkeln zu lassen. Nimmermehr wird der ewige Doktor Wagner gewahr, daß jedes Faust-Zitat, das er verwurstet, der Entstehung neuer Germanistengenerationen, statt Kraftnahrung zu liefern, vorbeugen wollte ..."

Nicht gerade Germanisten-Deutsch, was Holbein parliert. Und glücklich vermeidet er auch das Kauderwelsch der Kunsthistoriker, wenn es darum geht, die Gestalt vorzustellen, die der achtzigjährige Goethe für "Faust II" erträumt hat: "Robotern fehlt bloß die Seele, Goethes Homunculus fehlt aber viel mehr, er oder sie hat kein Geschlecht, ihm oder ihr fehlt ein Körper, also mehr oder weniger alles. Nur die Phiole, in der Homunculus sitzt, besteht aus Stoff. Homunculus ist nur ein Vorgeschmack seiner selbst, er ist noch nicht da und irgendwie doch schon da, halb da, weniger als halb da und doch selbst halb noch nicht so richtig da. Bevor er wurde, ist er."

Nachdem er sich so selber in Literatur- und Kunstwissenschaft eingeschrieben hat, findet Holbein in seinem zweiten Buch die für ihn richtige, einzig mögliche Form der Darstellung. "Samthase und Odradek" ist eine – zugleich an Jean Paul wie an Nietzsche erinnernde – eher von französischem Esprit als von deutschem Tief- und Schwer-Sinn geprägte, bunte Mischung aus Kurz-Essays, Aphorismen, launigen Abschweifungen. Der Autor schaut nicht nur in Bücher, sondern erst einmal auf den Schreib- als Handwerks-Tisch, an dem er sitzt. So entsteht eine Phänomenologie der Alltagswelt eines schriftstellernden Büchermenschen, deren beide Kapitel er "Bibliophile Pathologie" und "Organologie des Schreibzeugs" nennt. Der Bücherdoktor entwirft auf wenigen Seiten eine "Pathologie der Randanstreichungen", ergründet den "Temperaturhaushalt sekundärer Literatur" ("zuwenig Fieber!"), beugt sich über das "Symptom Fußnote" oder "Lesezeichen".

Ausgehend von einem Brief Nietzsches, der 1882 seine "Malling-Hansen-Schreibmaschine" so charakterisiert: "Die Maschine ist delicat wie ein kleiner Hund und macht viel Noth – und einige Unterhaltung", tippt Holbein auf Seiner Schreibmaschine ein Porträt derselben als "Cembalo Scrivano, das Klavier des Schriftstellers. Die Zahl der Tasten schwankt; immerhin hat das Klavier des Schriftstellers, seine Schreibmaschine, nicht wesentlich weniger Tasten als ein Klavier. Schreibmaschine und Klavier sind, was die Tastenzahl oder was die Erzielung virtuoser Geschwindigkeiten betrifft, sogar wesentlich verwandter als Schreibmaschine und chinesische Schreibmaschine. Auf dieser, jedenfalls auf ihrer vorelektronischen Ausführung, lassen sich lediglich Adagios spielen, zehn Zeichen pro Minute ... Die Tastatur normaler Schreibmaschinen ist mehrmanualig gebaut, steigt terrassiert auf... Dem Sechzehnfuß des Cembalos entspricht die Schreibmaschinentaste für Großbuchstaben. Dem Zirpen des Vierfußregisters entspricht die rote Farbe zweifarbiger Farbbänder. Dem Lautenzug entspricht jenes intime Typenrad, das eine Art Handschriftimitation mit sich führt. Die tiefsten Töne der Subkontra-Oktave des Bösendorfer Imperial werden nicht öfter gedrückt als die abgelegensten Tasten einer zeitgenössischen Privileg electronic 3000. (Im Allegro der A-Dur-Sonate opus 101 führt Beethoven das frisch vom neugebauten Hammerklavier bereitgestellte Kontra-E in die Instrumentalgeschichte ein; setzt sozusagen ein Sternchen an die bedeutsame Stelle, schreibt unter die betreffende Note: ‚Contra-E!‘")