Es ist zwar vergeblich, aber vielleicht doch nicht ganz falsch, gerade in diesen Zeiten einer fatalen Ausländerdebatte daran zu erinnern, daß Geschichte keinen Anfang kennt, Völker und Nationen sich aus zahllosen, über die Jahrhunderte wirkenden Vermischungen von Rassen und Kulturen herausgebildet haben. Erst recht gilt dies für den territorialen Koloß in der Mitte Europas, dessen politische Grenzen sich tausendfach durch gigantische Völkerwanderungen, durch Kriege oder dynastische Eheschließungen veränderten. Und was sich dann erst sehr spät im Sinne des modernen Nationalstaates Deutschland nannte, das war einer historischen Glücksstunde, einer schlagkräftigen Armee und einem wohl doch genialischen Staatsmann zu- verdanken. Sehr bald allerdings zeigte sich, daß die endlich erfüllte nationale Sehnsucht der Deutschen den europäischen Nachbarn zum Alptraum moderner Massenkriege geriet.

Davor aber lag ein halbes Jahrtausend der kriegerischen Wirren und der territorialen Zerstückelung, Zeiten, in denen sich kulturelle Großtaten und wilde Zerstörungswut abwechselten, sich im Westen und Osten zentralistisch regierte Staaten herausbildeten, während die Völker des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation — sozusagen Opfer und Täter zugleich — sich gegenseitig massakrierten oder gemeinsam der kriegerischen Einfalle land- und beutegieriger Nachbarn zu erwehren versuchten. Davor lag das, was die Historiker als Mittelalter bezeichnen, die Jahrhunderte zwischen dem Rom der Cäsaren und dem Madrid der Habsburger, eine Welt, in die das Denken und Empfinden der Antike noch tief hineinragte und die Moderne nur ganz allmählich wie ein ferner Schimmer am Horizont heraufdämmerte.

Im Zentrum dieser mittelalterlichen Jahrhunderte regierte das schwäbische Geschlecht der Hohenstaufen. Mit Konrad III errangen sie 1093 die deutsche Königskrone, und ihre Macht endete mit einem Drama von shakespearescher Düsternis im Oktober 1268, als der sechzehnjährige Konradin von Staufen auf dem Marktplatz von Neapel zum Richtblock geführt wurde. Höhepunkt der Herrscherzeit der Hohenstaufen bildeten die hundert Jahre zwischen 1155 und 1250, als Friedrich I. Barbarossa und Friedrich II die Kaiserkrone trugen (Heinrich VI war nur ein sechsjähriges Kaisertum vergönnt, dessen Bedeutung vor allem in seiner ehelichen Verbindung mit dem sizilianischnormannischen Königshaus gesehen werden muß ) Die beiden bedeutenden Stauferkaiser sind für die Deutschen im Laufe der Jahrhunderte zum Mythos geworden. Legenden rankten sich um ihr Leben und Herrschertum, die nationale Bewegung des 19. Jahrhunderts interpretierte die Stauferzeit als frühen Höhepunkt deutscher Geschichte, und die Nationalsozialisten mißbrauchten in der Nachfolge der säkularisierten Reichsromantik schamlos die uralten Volkserzählungen von dem im Berge Kyffhäuser auf seine Wiederkehr wartenden Friedrich Barbarossa.

Der Enkel, Friedrich II, schon zu Lebzeiten als scher, regierte in der Tat über ein Gebiet, das das ganze Deutschland umfaßte, die Regionen westlich der Rhone, Teile der Lombardei und des Veneto, weite Bereiche Mittelitaliens, ganz Süditalien, Sizilien, Sardinien, Teile des christlichen Ostens. König von Sizilien nannte er sich, König der Deutschen, König von Jerusalem, Kaiser des Römischen Reichs. In diesem Herrscher spiegelte sich noch einmal so etwas wie die eine Welt wieder, kam es — so jedenfalls sah es sehr bald die Geschichtsschreibung — noch einmal zur großen Symbiose der drei Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam. Die Stauferkaiser, vor allem Friedrich II, war das nicht — zumindest aus dem Blickwinkel späterer Historikergenerationen — so etwas wie die Erfüllung des alten deutschen Doppeltraumes: politische "Weltherrschaft" und geistig kulturelle Führerschaft unter den Völkern von Orient und Okzident?

Also kein Zufall vielleicht, daß es ein britischer Historiker ist, der jetzt in einer bemerkenswerten Friedrich II -Biographie Leben und Denken dieses Staufer Kaisers von vielen Legenden befreit, ihm seine Bedeutung zwar nicht abspricht, aber doch manches euphorische Urteil relativiert, das weniger von der Wirklichkeit des D Jahrhunderts als vielmehr vom Wunschbild der späteren Betrachter geprägt worden ist. Nüchtern ist das Fazit, das David Abulafia, der in Cambridge mittelalterliche Geschichte lehrt, am Ende seines Buches zieht: "Die Anziehungskraft, die Friedrich II auf die Historiker und die breitere Öffentlichkeit ausgeübt hat, beruhte zumindest teilweise auf der Unterstellung, er sei Rationalist, ja Freidenker gewesen, seiner Zeit voraus, aufgewachsen in der toleranten Atmosphäre des semi islamischen Sizilien, ein Freund der Juden und Sarazenen — die Verkörperung eines Herrscherideals, dem kein einziger christlicher Monarch des Mittelalters wirklich gerecht wurde, auch nicht in Sizilien oder Spanien "

Friedrich war weder ein genialer Feldherrr noch ein großer Kunstmäzen, wie ihn die italienische Renaissance später hervorbringen sollte. Auch seine Toleranz gegenüber Juden und Sarazenen, die ihm die Nachgeborenen bewundernd zuschrieben, war so ungewöhnlich nicht und zeigte deutliche Grenzen. Als Gesetzgeber schuf er Beachtliches — etwa die Konstitutionen von Melfi —, aber die ihm vielfach zugeschriebene Originalität als Gründer des "Modellstaates" Sizilien wird von Abulafia zu Recht mit großer Zurückhaltung kommentiert. Der Königshof von Palermo erlebte seine kulturelle und verwaltungstechnische Blütezeit nicht unter Friedrich, sondern unter seinem Großvater, dem Normannen Roger II.

Natürlich faszinierte es vor allem die Deutschen. Wenn der Kaiser mit seinem "orientalischen" Hofstaat — der sarazenischen Leibwache, dem Harem, den Geparden oder den geliebten Falken — durch die Lande reiste, entzündete diese Demonstration der kaiserlichen Macht die Phantasien seiner nördlichen Untertanen. Für die Deutschen blieb er immer das, was er ihnen am Anfang seiner Herrschaft war: der Deutschland im Sturm erobernde Knabe aus Apulien, der mit Mut und Glück die Thronkämpfe zugunsten der Staufer und gegen die Weifen entschied.