Der Fall Fink, der Fall Gauck – Streit an der Humboldt-Universität: An ihren Akten sollt Ihr sie erkennen?

Von Christoph Dieckmann und Norbert Kostede

Berlin, im Dezember

Ein feste Burg ist unser Gott. Und wenn die Welt voll Teufel wär’. Wie sie da unten im Saal johlen und buhen, die obszöne Mehrheit, die ihn schon draußen mit Schmäh begrüßt hat: „Gauck-ler in den Zirkus!“ stand auf dem Transparent am Eingang der Berliner Humboldt-Universität. Gauck reckt sich und sagt, schneidend sonor: „Ich erwarte gelassen und voller Freude die Proteste einer PDS-gesteuerten Politik.“

Das Konzil tobt. Ein Narr ist ihnen dieser Gauck, ein eifernder Pfau – sie ahnten es, jetzt sind sie sich sicher! In den Rumor hinein spricht der Theologie-Professor Jürgen Henkys und entschuldigt sich bei Gauck für das Transparent. Mag sein, daß der Mann zu penibel ist – mit Transparenten muß die Demokratie leben. Aber Henkys erfaßt wohl die Tragik der Szenerie: Bürgerbewegung kämpft gegen Bürgerbewegung. Hier ein Hochschul-Konzil, das um Emanzipation ringt, dort jener Mann, der den größten Triumph der DDR-Revolution verwaltet: den Sieg über die Stasi. Und dies ist die Geschichte:

Gottes Mühlen mahlen langsam, je nach Aktenlage des Ministeriums für Staatssicherheit. Ende vergangenen Jahres, über zwanzig Jahre nachdem er in die Fänge der Stasi geraten war, bittet der Berliner Theologe Heinrich Fink den ehemaligen Rostocker Pfarrer Joachim Gauck um eine Auskunft: Fink muß sich gegen das Gerücht zur Wehr setzen, er sei Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi gewesen. Dazu braucht er Gauck. Zu DDR-Zeiten waren sie Gegner im Streit um die Rolle der Kirche; nun stehen sich die beiden erneut gegenüber: Rektor der Humboldt-Universität der eine, der andere Sonderbeauftragte der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes.

Am 1. Februar dieses Jahres teilt die Gauck-Behörde dem Rektor mit, daß es in seinem Fall „keine Hinweise auf eine Zusammenarbeit“ mit der Stasi gebe. Zwar wird er darauf hingewiesen: „Diese Auskunft steht unter dem Vorbehalt, daß nur die durch archivische Hilfsmittel bereits erschlossenen Unterlagen zur Verfügung stehen.“ Gleichwohl ist Heinrich Fink erleichtert, daß er sich wieder ganz auf die Erneuerung der Humboldt-Universität konzentrieren kann.