Der Autor muß hier nicht vorgestellt werden: Patrick Süskind und die Photos, die es erst nicht, dann aber doch von ihm gibt, sind bekannt. Süskinds neues Buch heißt "Die Geschichte von Herrn Sommer"; eine Kindergeschichte, ein Genrestück. Nachdem er uns alle Laster, Sünden und Gerüche des Mittelalters aufgetischt hat, will Süskind diesmal ganz besonders wenig erzählen — fast nichts.

Der kleine Held dieser Geschichte, der wie sein Erfinder an einem See aufwächst, wird älter. Er klettert auf Bäume, verliebt sich, lernt Fahrradfahren und weint auch mal. Was man eben so macht. Herr Sommer, der Mann einer "Puppenmacherin" aus dem Dorf, wandert währenddessen durch die Landschaft, schwitzend und verbissen, um den See herum und schließlich in den See hinein, wo er aufrecht ertrinkt. Dieser Herr Sommer ist eine manchmal gruselige, manchmal lächerliche und manchmal (mit seinen Beinen, die aussehen "wie die knotigen Äste eines alten rindenlosen Föhrenbaums") ein wenig eklige Figur.

Das wird alles recht hübsch erzählt (und auch die Aquarelle von Sempe, die den Band illustrieren, sind — recht hübsch). Aber was hat der merkwürdige Herr Sommer mit der Kindheit des Erzählers eigentlich zu tun? Zwar wird der Junge in einer hochtheatralischen Szene der einzige Zeuge von Herrn Sommers Gang in den See; zwar hat der Anblick Herrn Sommers ihn selbst ein paar Seiten weiter vorn von einem hochtheatralisch inszenierten Selbstmordversuch abgehalten — aber ob diese Erlebnisse den Jungen irgendwie berühren oder verändern, traumatisieren oder reifen lassen, erfahren wir nicht. Und Herr Sommer bleibt in dieser Kindergeschichte eine Leerstelle — Dekorationsmaterial, ein Pausenfüller zwischen ein paar Anekdoten aus dem Leben eines kleinen Jungen.

Die Klavierlehrerin quält ihn und wirft vor Wut einen Apfel an die Wand. Er will sich umbringen und klettert auf einen hohen Baum. Die kleine Carolina verabredet sich mit ihm, aber das Rendezvous platzt. Und der Leser denkt sich: Wer so wenig (und so wenig Originelles) erzählt, muß es ganz besonders gut tun. Der Leser wird pingelig. Und stößt beim zweiten, mißmutigen Blick in den Text auf lauter kleine stilistische Ausrutscher, Ungereimtheiten und onkelhafte Schnörkel. Als der kleine Junge auf Carolina wartet, vertreibt er sich die Zeit, indem er "eine Pfütze Regenwassers" aus einer Mulde in einem Felsblock "mit den Fingern herausschnippte". Eine "Pfütze Regenwassers"? Gerade vorher hat der Erzähler uns erklärt, daß die Mädchen an diesem Tag länger in der Schule bleiben mußten, "wegen eines Handarbeitsunterrichts oder aus irgendeinem anderen Grunde. Jedenfalls wurden nur wir Buben entlassen "

"Grunde"? "Buben"? In einer so kleinen Erzählung wie der "Geschichte von Herrn Sommer" wirkt jeder Schnörkel plötzlich wie ein Widerhaken. Jedes "alsbald", jedes "nebst" (und auch Süskinds Vorliebe für das Verb "staken") stört. Warum, wenn man eine so einfache Geschichte erzählt, diese wohlgewählten Worte, warum diese Gründlichkeit? Als dem Jungen die Fahrradkette vom Zahnkranz springt, erläutert der Autor: "Es war dies leider ein häufiger Defekt der ansonsten noch tadellos funktionierenden Gangschaltung, herrührend von einer ausgeleierten Feder, die der Kette nicht genug Spannung verlieh Ach so. Plötzlich kommt uns der Erzähler wie ein Siebzigjähriger vor, der aus unendlicher Distanz mild und altväterlich weise seine Kindheit kommentiert. Und diese milde Weisheit wirkt — falsch.

Wer in einer Erzählung von einem Jungen berichtet, der gerne auf Bäume klettert (und sie mit den Worten beginnt: "Zu der Zeit, als ich noch auf Bäume kletterte — "), muß sich an Italo Calvino messen lassen und an seiner Geschichte vom "Baron auf den Bäumen"; vom jungen Cosimo Piovasco di Rondo, der auch gern auf Bäume klettert und schließlich oben bleibt. Calvino ist ein Meister der Schwerelosigkeit. Patrick Süskind aber berechnet über Seiten hinweg und auf die allerumständlichste Weise, wie schnell man von den Bäumen wieder herunterfallen kann.

Nur eine der Figuren bleibt dem Leser nach der Lektüre ein wenig länger im Kopf: Carolina im zitronengelben Kleid, die jeden Satz mit einem provozierenden "Du!" beginnt: "Du! Ich geh heut doch nicht mit dir", enttäuscht sie den Jungen — "und das einzige, woran ich mich noch erinnere, ist, daß sie sich nach Beendigung ihrer Rede ganz plötzlich umdrehte und in Richtung Obernsee zitronengelb davonlief Die Literatur ist auf den Seiten dieses dünnen (dafür aber recht hübschen) Buches wie das zitronengelbe Mädchen: ein flüchtiger Gast.