Von Iris Mainka

Dresden

Daß Dresden das noch erleben darf: Vier schwere Mercedes-Luxuslimousinen gleiten durch die abendlichen Straßen der Innenstadt, vorbei an grauverschleierten Plattenbauten, eingerüsteten Sanierungsobjekten, vorbei an niveablauen Norbert-Blüm-Plakaten mit der Aufschrift "Deutschland wächst zusammen, die Rente wächst mit". Hinter den getönten Autoscheiben die fünf schönsten Frauen Ostdeutschlands, ins plätschernde Gespräch vertieft mit vier glücklichen jungen Lesern der Dresdner Morgenpost. Bei einer Telephonaktion haben sie ein viergängiges Galadiner mit den Schönheitsköniginnen gewonnen, allesamt hoffnungsvolle Teilnehmerinnen der Miss-Germany-Wahl 91/92.

Es muß ein lustiger Abend gewesen sein, wenn man den Morgenpost-Gewinnern glauben darf. Sehr viel lustiger sogar als die eigentliche Miss-Wahl am darauffolgenden Abend, aber vielleicht liegt das ja schlicht in der Natur der Sache. Doch bei dem Show-Spektakel in der Dresdner Diskothek "Sachs" will außerdem auch manches nicht so recht klappen wie geplant. Gegen 19 Uhr an diesem ersten Adventsabend, hatte es in den Presseankündigungen geheißen, sollten alle zwanzig Teilnehmerinnen und Mitglieder der Jury in einer Mercedes-600-Langversion vor den Türen des Sachs-Congress-Zentrums vorfahren. Man sah sie direkt schon vor sich, die ebenmäßigen Beine der Mädchen, wie sie sich langsam aus dem Dunkel der Fahrzeuge gleichfalls zur Langversion entfalten würden – nur daraus wurde nichts. Einen der superlangen Mietwagen habe kurz zuvor ein Ministerauftrag aus Bonn ereilt, der zweite sei von einem Unfall betroffen, und der dritte stehe sowieso schon in der Werkstatt, klagte der verantwortliche Pressesprecher. Was für ein Pech! Da blieb den Girls nur die Busfahrt zu ihrem großen Auftritt, ein bißchen profaner als vorgesehen. Aber so schlimm war das auch wieder nicht, weil sich die meisten Mädchen gegen 19 Uhr längst schon zum Schminken und Umziehen in den oberen Räumen der "Sachs"-Diskothek aufhielten. Wer hätte da also noch vorfahren sollen? Zumal es mit den prominenten Jury-Mitgliedern auch so eine Sache war. Peter Maffay, Udo Lindenberg, Jürgen Roland und andere wurden trotz erster Zusagen an diesem Abend nicht gesehen, so daß sich das Interesse an prominenten Persönlichkeiten notgedrungen auf den Nachwuchsschauspieler Patrick Bach, auf den Dynamo-Dresden-Stürmer Thorsten Gütschow und auf die Ruderweltmeisterin Kerstin Förster richten mußte. Warum auch nicht, schließlich bestand die Jury außer diesen dreien aus weiteren neunzehn respektablen Persönlichkeiten, die ganz gewiß das Zeug mitbrachten, die Schönheit der Teilnehmerinnen sachgerecht zu beurteilen. Und als Ehrengast war ja auch noch der 73 Jahre alte Günter Rodin erschienen, der 1950 in Baden-Baden die erste Nachkriegs-Miss-Wahl moderierte.

Damals soll das alles noch ganz anders gewesen sein: festlicher, stilvoller, seriöser. Und damals war eine Miss Germany auch noch einzigartig, für ein Jahr lang. Heute dagegen gibt es drei verschiedene Organisationen, die den rechtlich nicht geschützten Titel "Miss Germany" vergeben. So kam es, daß unter nur gelegentlichen Beobachtern der Schönheitsköniginnen-Szene zunächst einige Verwirrung herrschte ob der Exklusivität des Unterfangens, weil doch just ein Wochenende zuvor in Cottbus die Miss United Germany 1991 gewählt worden war und in nur wenigen Tagen, genauer am 18. Dezember, in Oldenburg die nächste Miss Germany auf ihren Thron steigen wird. Fest steht inzwischen, daß jede der drei Gesellschaften mit einigem Recht für sich in Anspruch nimmt, die wahre Miss Germany zu küren, was letztlich nur bedeuten kann, daß es deren drei gibt.

In dieser Situation verwirrt zusätzlich die Tatsache, daß eine der zwanzig Teilnehmerinnen an dieser echten Miss-Wahl in Dresden auch schon vor einer Woche in Cottbus mit dabei war und dort sogar den dritten Platz belegte. Daß außerdem Schlagersternchen Verona Feldbusch nicht nur ebendort als Miss-Kandidatin antrat, sondern auch auf dem Podium im "Sachs" als Stargast zwei ihrer Liedchen singen durfte. Und noch dazu in der Jury saß. So sehr groß kann die Konkurrenz unter den Firmen also auch wieder nicht sein. Oder sollten die Interessenverflechtungen nicht zuletzt damit zu tun haben, daß sich zeitweise gar nicht genug hübsche junge Mädchen zur Kür bereitfinden?

Das ist angesichts der zwanzig wirklich schön zurechtgemachten Kandidatinnen an diesem Abend in den lila-, türkis- und orangegetönten Räumen des "Sachs" allerdings kaum zu glauben. Im vergangenen April wurde die Diskothek, übrigens im Besitz eines Geschäftsmannes aus Frankfurt, neu eröffnet und erfreut sich seither bei der Dresdner Jugend wachsender Beliebtheit. Die hat, so erklärt Geschäftsführer Ulrich Jahn, inzwischen auch gelernt, nicht mehr zur abendlichen Öffnungszeit pünktlich um 19 Uhr Schlange zu stehen und drei, vier Stunden später das Feld wieder zu räumen, sondern sich westlichen Disko-Gewohnheiten von 22 Uhr bis 4 Uhr anzupassen.