Belesene Menschen — und erst recht fortgeschrittene Bibliomanen — werden den Untergang aller Kultur wieder ein Stück näher rücken sehen. Denn das "elektronische Buch" ist auf dem Markt. Hurra?

Was setzt man uns hier vor anstelle des guten alten Zivilisationsträgers namens Buch? Den Sony DD 1 EX, auch "Data Discman" oder "Elektronic Book Player" genannt. Ein, so die Produktbeschreibung, "portables Ablesegerät für standardisierte CD ROM (Read Only Memory), das ideale Speichermedium für die Electronic Books". Portabel heißt tragbar, und die unverbindliche Preisempfehlung für das Gerät lautet 998 Mark. Der Discman liegt in der Größe zwischen Walkman und Duden. Die elektronischen Bücher sehen Computerdisketten sehr ähnlich und enthalten im Inneren versteckt eine silbrig glänzende, acht Zentimeter große Scheibe, die exakt so aussieht wie die kleinen CD Singles für den CDSpieler. Darauf stehen alle Daten, die der Laserkopf des Discmans abtastet.

Das Ergebnis erscheint auf einer FlüssigkristallAnzeige, dunkelgrau auf hellgrau. Sie ist kleiner als eine Handfläche; für die Informationen bleiben lediglich acht Zeilen zu je dreißig Buchstaben. Da Lichtspiegelungen kaum auftreten, ist die Anzeige doch einigermaßen augenfreundlich. Im Notfall schließt man an den eingebauten Videoausgang einen Fernseher als externen Bildschirm an; leider ist kein Computeranschluß vorgesehen.

Eine Mini Tastatur erschließt das elektronische Fragespiel: eine Herde winziger, dunkelgrauer Gummiwarzen, die auf dem Schirm nur Großbuchstaben produzieren. Sie schleudern den Benutzer ins Grundschulalter zurück, als das Anfertigen einzelner Zeichen noch ein Akt war. Aber zum Eingeben simpler Fragen genügt die Methode.

Auf einer kleinen Datenscheibe haben jeweils 200 Millionen Textzeichen Platz (200 Megabyte). Der gesamte Text von zwei Dutzend Bänden des Großen Brockhaus würde knapp auf eine Scheibe passen (mit all den benötigten Index- und Verwaltungsdaten). Leider ist der Brockhaus (noch?) nicht in der Data Discman Version zu haben, dafür werden vierzehn andere elektronische Nachschlagewerke angeboten.

Zwei davon sind im Preis des Geräts enthalten: ein kleines Berteismann Lexikon und das Langenscheidt Taschenwörterbuch Englisch Deutsch und Deutsch Englisch. Diese meistgekaufte Wörterbuchgröße im Verlagsprogramm, mit eher bescheidenen 75 000 Stichwörtern in jedem Teil, ist unverändert auf die Scheibe gekommen. Warum nicht eine der größeren Ausgaben? Vielleicht gerade weil die Informationen nicht zu üppig sein sollten: Der kleine Schirm des Data Discman macht nämlich aus längeren Einträgen schwer überschaubare Textwürste.

Drei verschiedene Arten der Suche sind möglich. Die einfachste ist die Stichwortsuche. Tippen wir "Bär", so wird eine Liste gefundener Wörter angeboten: "Bär, bärbeißig, Bärendienst, Bärenhunger, Bärin, bärtig". Das System ist also bereits mit einigen Anfangsbuchstaben zufrieden. Man wählt eines der Worte aus, drückt eine Taste und erhält den kompletten Eintrag mit Übersetzung und Anmerkungen. Per Tastendruck ist auch ein Weiterblättern möglich, es folgen "Baracke", "Barauszahlung" und so fort. Verweise in einem Eintrag (durch einen dicken Pfeil gekennzeichnet) kann man direkt anspringen, assoziativ sozusagen. Abgesehen von Kleinigkeiten verdient die Benutzerführung eine gute Note, sie ist sorgfältig erstellt und leicht zu verstehen. Die Hersteller haben darauf geachtet, Wartezeiten möglichst kurz zu halten: fünf Sekunden nach dem Einschalten des Geräts bis zur ersten Anfrage, etwa zwei Sekunden für Suchvorgänge — damit läßt sich leben. Größere Wünsche wurden noch nicht erfüllt: Es bleibt zukünftigen Discman Generationen vorbehalten, etwa die Aussprache eines Wortes über einen Kopfhörer vorzusagen. Zwar hat der Discman eine Buchse dafür und einen Lautstärkeregler und spielt auch Musik CD Singles ab. Aber Ton und Text gemischt — dafür ist er nicht gebaut. Immerhin kann der Bildschirm einfache Graphiken darstellen. Die beiden mitgelieferten Werke machen aber keinen Gebrauch davon — obwohl es sich gerade bei einem Lexikon wie Berteismanns "Wissen unserer Zeit von A Z" mit 70 000 Stichwörtern anbieten würde.