Zu den Eigentümlichkeiten unserer Zeit gehört das Massenreisen", schrieb Theodor Fontäne vor mehr als hundert Jahren und sprach damit vielen Menschen aus dem Herzen, die die Übervölkerung einst stiller Alpentäler ebenso larmoyant beklagten wie die zunehmende Frequentierung vormals exklusiver Badeorte. So befremdlich dieser Ausspruch heute klingen mag, aus ihrer Perspektive hatten Fontäne und seine Zeitgenossen durchaus recht: Zu ihren Lebzeiten hatte nämlich eine mit der Aufklärung einsetzende wahre Revolution des Reisens einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Diese Revolution der Reisekultur, ihre Vorgeschichte und die bis heute wirksamen Folgen in all ihren Facetten nachzuzeich nen hat sich ein von den Volkskundlern Hermann Bausinger, Klaus Beyrer und Gottfried Korff herausgegebener Sammelband zur Aufgabe gesetzt. Zweifellos gab es auch im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit Reisende. Erinnert sei nur an die Pilgerinnen undPilger, die oft lebensgefährliche Wallfahrten nach Jerusalem, Rom oder Santiago de Compostella unternahmen. Unterwegs trafen sie auf Handwerksgesellen, die, bevor sie eine Meisterstelle antreten konnten, Lehr- und Wanderjahre in der Fremde verbrachten. Auf entlegeneren Straßen konnten sie die nicht immer erwünschte Bekanntschaft von Bettlern, Vaganten oder Kriminellen machen, die durch Kriege und Hungersnöte entwurzelt waren. Auch Handelsdiener, die die Waren der Kaufleute von einer zur nächsten Messe begleiteten, und junge adelige Herren, die auf der sogenannten Kavalierstour ihre höfische Bildung verfeinern sollten, reisten durch ganz Europa. Jeder einzelne, ob Pilger oder Adeliger, reiste jedoch nicht um des Reisens willen, sondern um möglichst schnell und hoffentlich wohlbehalten ans Ziel zu gelangen. Auch die Gelehrten, die sich zu den Stätten der Bildung aufmachten, kultivierten das Reisen nicht als Selbstzweck; sie suchten wissenschaftliche Kontakte, besuchten Münzkabinette oder Kunstdenkmäler. Erst mit dem 18. Jahrhundert entwickelte sich eine wahre "Reisekultur". Nun begann man mit wissenschaftlicher Akribie zu reisen: Jede Kirche, jede Brücke, alte Bräuche und Lieder, aber auch die medizinischen und hygienischen Verhältnisse der Bevölkerung mußten genauestens studiert, analysiert und mit eigens für Reisende entwickelten Schreibgeräten niedergeschrieben und schließlich mit philosophischer Tiefe beurteilt werden. So besuchte Nicolai, der große Reisende der Aufklärung, in jeder Stadt, durch die er fuhr, als erstes die einschlägige Buchhandlung, um alle Grundrisse, medizinischen Beschreibungen, Journale, Reiseberichte und Karten der Region zu erwerben. Seine nur knapp viermonatige Reise durch Deutschland, die er in einer für diese Unternehmung mit Spezialvorrichtungen ausgestatteten Kutsche unternahm, verwertete er schließlich in dreizehnjähriger Arbeit für eine zwölf Bände umfassende Reisebeschreibung.

Die Akribie dieser neuen Reisewissenschaftler — an der Göttinger Universität hielt man sogar Vorlesungen über die Kunst des Reisens — findet sich bei jenen Pionieren wieder, die das Reisen am Ende des 18. Jahrhunderts zu einem Akt der Selbstfindung stilisierten. Angeregt durch die Lektüre von Rousseau, ergingen sich die Bürger nun wandernd in der Natur, um dort im Anblick lieblicher Auen oder erhabener Gebirgslandschaften das eigene Ich in all seinen Bedeutsamkeiten zu entdecken. Während ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung aus schierer Not an immer neuen Orten um Arbeit nachfragen und so ein recht mühseliges und in jedem Falle nicht freigewähltes Vagabundenleben führen mußte, entdeckte das Bürgertum die Muße des Reisens.

Im 19. Jahrhundert wurde das Reisen durch komfortable Postkutschen und schließlich aufgrund der anfänglich gefürchteten, bald aber gefeierten Eisenbahn und nicht zuletzt durch die fortschreitende Verdichtung des Straßennetzes für immer mehr Menschen selbstverständlich. War es einst einer dünnen Schicht meist adeliger Herren vorbehalten geblieben, das Italien der Altertümer und das Frankreich der höfischen Sitten zu bereisen, so erkundeten nun als Industriespione tätige Techniker englische Fabriken, Geschäftsleute fuhren zu den Weltausstellungen der benachbarten Hauptstädte, und auch Griechenland rückte durch Schliemanns Ausgrabungen wieder in den Mittelpunkt des Interesses bildungsbeflissener Bürger. Das entworfene Panorama der Reiseformen, ziele und methoden berichtet jedoch, nicht nur von der Entstehung einer Reisekultur und von der fortschreitenden Eroberung neuer Räume mit immer moderneren Verkehrsmitteln, die Beiträge gehen auch den stets mit der Fremde verbundenen Ängsten nach: So pflegten Pilgerinnen und Pilger im Mittelalter vor jeder großen Wallfahrt ihr Testament aufzusetzen. Die ersten Entdeckungsreisenden verarbeiteten ihre Furcht dadurch, daß sie vermeintlich wilde Kannibalen zum Objekt ihrer zivilisatorischen Begierden machten, während die Aufklärer meinten, daß durch das bloße Benennen aller nur erdenklichen Gefahren des sich Vergiftens, Verunreinigens und Ansteckens das Angsteinflößende des Unbekannten gebannt werden könnte. Daß sich diese Angst heute eigentlich umkehren müßte und in Ansätzen auch schon umgekehrt hat — heute nämlich ist der Tourist gefährlicher für die Ökologie seines Reiselandes, als das Reiseland bedrohend für seinen Gast —, gehört freilich schon zu einer zweiten touristischen Revolution, die in Hermann Bausingers Schlußbeitrag thematisiert wird.

Ob entlang von Straßennetzen, durch die Analyse von Robinsonaden oder anhand von Reisebeschreibungen und Landschaftsbildern — die hier versammelten Autoren und Autorinnen aus Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Volkskunde lind Geschichte beleuchten alle nur erdenklichen Aspekte des Reisens. Daß es bei der Fülle von Beiträgen zuweilen zu Überschneidungen kommt und zu einer weniger starken Konzentrierung auf kulturgeschichtliche Phänomene zugunsten der weithin vernachlässigten sozialgeschichtlichen Aspekte des Reisens, hätte vermieden werden können, mindert das Lesevergnügen aber nur unerheblich. Und schließlich ist eine Lesereise durch dieses kurzweilig geschriebene und reichhaltig bebilderte Buch im Unterschied zu den von Fontäne beklagten Massenreisen nicht nur für die Reisenden, sondern auch für Alpentäler und Küstenorte weniger strapaziös. Rebekka Habermas tHerausgegeben von Hermann Bausinger, Klaus Beyrer, Gottfried Korff; C H. Beck Verlag, München 1991; 413 S, Abb, 68 - DM Sich in die Lüfte zu heben wie ein Vogel, der Erdenschwere zu entkommen und mit ihr der täglichen Mühsal und Plackerei — dieser Traum hat die Menschheit von ihrem Beginn an begleitet. Vorstellungen vom Fliegen gab es auf allen Kontinenten und in allen menschlichen Kulturen: unter den Jägern und Sammlern der Arktis ebenso wie unter den Indianern des subtropischen Südamerika, in den Stammesgesellschaften Afrikas ebenso wie in den alten Hochkulturen Ägyptens, Mesopotamiens oder Chinas.

Was es mit solchen archaischen Vorstellungen auf sich hatte, welche Bedürfnisse und Hoffnungen damit verknüpft waren und wie sie bis in die europäische Neuzeit hineingewirkt haben — das kann man jetzt nachlesen in der faszinierenden Gemeinschaftsarbeit eines jungen Historikers und einer jungen Historikerin. Wolfgang Behringer und Constance Ott Koptschalijski, beide aus der "Schule" Richard van Dülmens in Saarbrücken kommend, interessieren sich nicht so sehr für die technische Seite des Fliegens — obwohl auch die nicht zu kurz kommt —, sondern für den Stoff, aus dem die Träume waren: die Mythen, Märchen, Phantasien, in welchen sich die Flugvorstellungen der verschiedenen Kulturkreise artikulierten. Entstanden ist eine Kulturgeschichte des Fliegens, die, glänzend geschrieben und zudem vorzüglich illustriert, den Leser von der ersten Seite an in den Bann schlägt.

Gern lassen wir uns von den Autoren entführen auf ihren magischen Interkontinentalflügen zu den Start- und Landeplätzen der Götter, durch einen Luftraum, der bevölkert ist mit Drachen und Dämonen, Hexen und Schamanen und seltsamen Heiligen, die gen Himmel fahren. Gern auch lauschen wir den mythischen Erzählungen, in denen von phantastischen Flügen und abenteuerlichen Levitationen die Rede ist — vom sumerischen König Etana zum Beispiel, der auf dem Rücken eines Adlers in den Weltraum reitet, vom weisen Milarepa, einem tibetanischen Jünger Buddhas, der nach Jahren freiwilliger Askese in einer Berghöhle flugfähig wird, vom indischen Affenkönig Hanuman, der, bevor er startet, sich gewaltig aufbläst und die Ohren fluggerecht anlegt oder von Alexander dem Großen, der sich von Greifen, die an seinen Thronsessel geschirrt sind, in die Lüfte tragen läßt. Der antike Mythos von Daidalos und Ikaros darf in diesem Reigen natürlich nicht fehlen: Ikaros stürzt ab, weil er seine Grenzen überfliegt — eine nachhallende Mahnung vor himmelstürmender Hybris.

Das christliche Mittelalter machte daraus gewissermaßen ein Monopol: Die Fahrt in den Himmel war nun einmal ein Privileg des Gottessohnes, die Erlangung der Flugfähigkeit sollte allein christlichen Heiligen vorbehalten sein. Dennoch hielten sich im Volksglauben, gleichsam als raunender Hintergrund, mythische Vorstellungen von wunderbaren Luftgeistern und fliegenden Hexen. Und es gab, allen Warnungen zum Trotz, immer wieder wagemutige Turmspringer, die, ausgerüstet mit künstlichen Flügeln und Federkleidern, sich in die Lüfte schwangen und, wenn es glimpflich ablief, sich nur die Beine brachen. Till Eulenspiegel, der König deutscher Schwankliteratur, spielt mit der Sensationslust Magdeburger Bürger, als er einen großartigen Flugversuch ankündigt, ihn dann aber nicht ausführt. Narren waren schon- immer die einzig Vernünftigen.