Von Deolinda Almeida

LISSABON. – Sechs Jahre nach dem Beitritt sieht die Mehrheit der Portugiesen in der Europäischen Gemeinschaft hauptsächlich eine Geldquelle, eine moderne Version des „Onkels aus Amerika“, der jeden Monat einen Scheck schickt. Erst allmählich beginnen die portugiesischen Politiker zu entdecken, daß die Mitgliedschaft in der Gemeinschaft ihrem Land auch Möglichkeiten für eine politische Einflußnahme in der Welt eröffnet. Beispiele aus der letzten Zeit dafür sind die Gatt-Gespräche oder die Schaffung des Europäischen Wirtschaftsraums, bei denen Portugals Wort mitzählt. In diesen Fällen erwies es sich als richtig und wichtig, Mitglied im Verwaltungsrat von Europe Incorporated zu sein. Nur so kann ein kleines Land wie Portugal seine Textilindustrie im Rahmen des Gatt und die Interessen seines Fischereiwesens verteidigen.

Auch wenn sie sich allmählich für die politischen Aspekte der EG erwärmt, konzentriert sich die portugiesische Regierung doch weiterhin vornehmlich auf ökonomische Fragen. Die Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen, die die periphere Lage unseres Landes mit sich bringt, steht immer oben auf der Agenda. Das zwischen Brüssel und Lissabon ausgehandelte Hilfspaket von jährlich 1,8 Milliarden Dollar für die regionale Entwicklung Portugals ist eine Frucht dieser Entwicklung. Das Motto, erst die Wirtschaft, dann die Politik, gab kürzlich auch Ministerpräsident Cavaco Silva zu erkennen, als er sein Plazet für eine einheitliche europäische Währung gab, sich bei den Fragen einer verstärkten politischen Zusammenarbeit jedoch weit zurückhaltender zeigte.

Für Portugal ist das Projekt einer einheitlichen Währung ungeheuer wichtig. Das Land braucht ein Höchstmaß an wirtschaftlicher und finanzieller Solidität, um bei den in- und ausländischen Investoren glaubwürdig zu erscheinen. Eine EG-Währung würde ein größeres Maß an Konvergenz zwischen den Wirtschaften der Zwölf mit Sich bringen und gleichzeitig das Risiko mindern, daß Portugal noch für lange Zeit eine Position am Rande einnimmt.

In den politischen Fragen ist der Optimismus schon viel gedämpfter. Knapp einen Monat vor der Übernahme der EG-Präsidentschaft zeigt die portugiesische Regierung wenig eigenes Profil, sie lehnt sich häufig an die britische Position an, vor allem bei der Debatte über eine gesamteuropäische Verteidigungspolitik. Gleichzeitig ist der „amerikanische Freund“ für Portugal als eine maritime Nation mit uralten atlantischen Bindungen und Interessen seit jeher ein Schutzpatron. Die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten sind für die Portugiesen die Garantie dafür, daß ihre Weltsicht nicht völlig von einem europäischen System überlagert wird, das sich nur mit seinen eigenen, kontinentalen Problemen befaßt.

Schon immer haben sich die Portugiesen angesichts der traurigen Logik der kontinentalen Konflikte unwohl gefühlt. Sie machen sich zunehmend größere Sorgen in einer Zeit, in der die ewigen Probleme Mitteleuropas wieder zum zentralen Thema der Gegenwart werden: die Grenzen, die Autonomie, die ethnischen Konflikte.

Eine andere Befürchtung der Portugiesen gründet sich auf die geplante Vergrößerung der Gemeinschaft, auf die Perspektive, daß die EG zur Jahrtausendwende 24 oder gar mehr Mitglieder haben wird.